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Genialer Strassenköter

King Krule gilt als Wunderkind der aktuellen Popmusik. An seinem ersten Schweizer Konzert war er in der Roten Fabrik vor allem eines: ein rotzender Sänger mit Gitarre.

Der mit roten Scheinwerfern angeleuchtete King Krule, der weisseste Bub der Popgegenwart. Foto: Doris Fanconi
Der mit roten Scheinwerfern angeleuchtete King Krule, der weisseste Bub der Popgegenwart. Foto: Doris Fanconi

Wenn ihn eine Handykamera anblitzt, ­erkennt man deutlich das bleiche Gesicht eines hochgewachsenen Buben. Eines mit einem breiten Maul, das Worte ausspuckt, auskotzt und herausbellt. In einem Song fragt er auch: «Is anybody out there? Hello?» Und ja, natürlich ist da jemand, da sind sogar viele Leute, denn die Aktionshalle der Roten Fabrik ist seit Wochen ausverkauft, um die mit roten Scheinwerfern angeleuchtete Figur zu sehen und zu feiern: den weissesten Buben der Popgegenwart. Jener mit den orangen Haaren, dem der Ruf des Popgenies vorauseilt. Und der es sich erlauben kann, selbst megalomanischen Rappern wie Kanye West Absagen zu ­erteilen.

Doch Archy Marshall ist an diesem von einem jungen Publikum aufgekratzt erwarteten Donnerstagabend vor allem eines: ein Sänger mit Gitarre. Einer, der unter Strom steht, sich linkisch bewegt, sich am Mikrofon festkrallt, auch einmal an Spannkraft verliert. Dann nämlich, wenn er seiner fünfköpfigen Band den Raum komplett überlässt und am liebsten verschwinden möchte. So, wie er das auf seinem aktuellen Album «The Ooz» so meisterhaft beherrscht.

Reise durch die Nacht

Im Gegensatz zu seiner Bühnenperson muss man Archy Marshall alias King Krule auf der Platte schon fast suchen. Als Nachtbube strolcht er durch seine Heimat Südlondon oder eine andere Stadt der Welt. Der einzige Gefährte ist der Mond, der ihn bereits auf seinem regulären Debütalbum als King Krule namens «6 Feet Beneath the Moon» beschienen hat. Durch die Tonspur, die einem Soundtrack der Nacht entspricht, wehen Jazzfetzen, die aus einer Kellerbar stammen könnten. Zuweilen materialisiert sich ein Punksong, durch den er dann bellt wie ein wiedergeborener, mit Rap sozialisierter Joe Strummer.

Neue, noch unbekannte Drogen sind im Spiel, viel Nikotin und Alkohol und eine gehörige Portion Angst auch. «The Ooz» ist ein Dokument von einem, der behauptet, der Welt abhandengekommen zu sein. So viel greifbare «loneliness» – die nur ungenau mit Einsamkeit zu übersetzen ist – ist in der aktuellen Popmusik selten zu hören.

So viel greifbare «loneliness» ist in der Popmusik selten zu hören.

Abgekapselt wirkte die Musik schon immer, die der immer noch erst 23-jährige Marshall seit bereits 10 Jahren veröffentlicht: Beatskizzen aus seinem Sampler lud er auf längst vergessenen Onlineplattformen hoch, er erfand auch hart geschrummte Gitarrenfiguren, die gleichzeitig seine Sozialisierung mit der Jazzgeschichte verraten. Marshall tat dies unter einer wachsenden Anzahl an Pseudonymen – Zoo Kid, Edgar The Beatmaker oder eben King Krule – und bastelt seither an einer Karriere als Wunderkind. Ein Wunderkind, in dem die Seele eines Strassenköters zu leben scheint, die in seiner blaffenden Stimme hörbar ist. Den Dreck seines Lebens rotzt Marshall mit seinem Organ aus, das keinen althergebrachten Rock-’n’-Roll-Glamour versprüht. Sondern von Paranoia, von schwierigen Jobverhältnissen und dem Wunsch nach zumindest ein bisschen Liebe erzählt.

King Krule tut dies auch in kaputten Balladen wie «Baby Blue», die in seinem ersten Schweizer Konzert am stärksten wirken. Die Überspanntheit, von der seine auf Dauer monoton wirkende Stimme auch zeugt, macht da Pause, weil dem Sänger eigentlich ja die Worte fehlen: «I’ve got no chance and nothing to say», bedauert Marshall in diesem zehnmillionenfach angeklickten Song.

Musik als Abfallprodukt

Die Band folgt ihm im beinahe zu hell und konkret ausgeleuchteten Nachtclubmodus – verloren zwischen Punk und Jazz, zwischen Nachlässigkeit und Könnertum auch –, der dem schattigen und ruhelosen Wesen dieser Songs nur selten entspricht. Und auch nicht dem, was Marshall der deutschen Ausgabe des «Rolling Stone» über sein neues Album gesagt hat. Denn «The Ooz» sei gewissermassen ein Abfallprodukt, so wie Schleim, Ohrenschmalz, Scheisse oder Pisse: «Wir erschaffen also ständig etwas, auch wenn wir es gar nicht beabsichtigen. Und ich habe das hier ohne Not geschaffen und es dann verfeinert und ausgearbeitet.»

Aber so ist es halt, wenn einer aus den Spelunken und kleineren Konzertclubs herauswächst und noch an der geeigneten Liveumsetzung für seine prekären Songs feilt. Eine, welche die Fiebrigkeit des Archy Marshalls auch besser übertragen würde auf ein zur Ekstase eigentlich bereites Publikum.

Das ist zu erkennen, als King Krule «Easy Easy» anstimmt, den Hit mit der minimalsten Gitarrenfigur und Zeilen über Scheissjobs und einen Polizisten, der ihn aufhalten will: Die Worte bellen nun nicht mehr nur von der Bühne, sondern man spuckt sie auch hundertfach durch den Raum. Als die Band einsteigt, springt die Menge ausgelassen los. Als wäre alles ganz «easy easy».

King Krule: «The Ooz» (XL Records/Musikvertrieb)

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