Gewitter, die das Hören verändern

Im Buch «Always a Pleasure» erzählt Meinrad Buholzer vom verstorbenen Free-Jazz-Pionier Cecil Taylor. Der Luzerner war einer der wenigen Journalisten, die der Pianist nahe an sich heranliess.

Cecil Taylor bei Aufnahmen zum Programm «The Big Rehearsals», Dezember 1966. Foto: INA (Getty Images)

Cecil Taylor bei Aufnahmen zum Programm «The Big Rehearsals», Dezember 1966. Foto: INA (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Cecil Taylor im April dieses Jahres 89-jährig starb, verabschiedete sich eine Jahrhundertgestalt. Die «New York Times» und die «Washington Post» brachten über den Free-Jazz-Mitbegründer lange Essays und würdigten den Pianisten, der mit seinen oft brachialen Klanggewittern viele Menschen fasziniert hatte.

Die Nachrufe der US-Blätter sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der New Yorker mit seiner Musik zeitweilig kaum überleben konnte und auch mal auf Aushilfsjobs als Koch angewiesen war. Seine treuesten Hörer hatte Taylor zeitlebens in Europa. Hier absolvierte er den Grossteil seiner Auftritte. Und er gab hier auch eines seiner denkwürdigsten Konzerte überhaupt – am Jazzfestival Willisau im September 2000 (der Mitschnitt «The Willisau Concert» erschien beim Zürcher Intakt-Label). Bei diesem Konzert sass auch der Luzerner Journalist Meinrad Buholzer im Publikum, der dem Pianisten seit den 70er-Jahren immer wieder persönlich begegnet war und sich mit der Zeit mit ihm befreundete.

Chronik der Begegnungen

Jetzt berichtet Buholzer, 1947 ­geboren, von 1975 bis 2012 Leiter der Regionalredaktion Zentralschweiz der Nachrichtenagentur SDA, in seinem Büchlein «Always a Pleasure – Begegnungen mit Cecil Taylor» über das, was er mit dem schwarzen Pianisten über vier Jahrzehnte erlebte. Taylor konnte Journalisten sonst ja in die Enge treiben mit schonungslosen Rückfragen; manchmal lief er einem Interviewer einfach auch davon. Meinrad Buholzer indes liess er ganz nah an sich heran.

«Always a Pleasure» ist keine konventionelle Biografie. Vielmehr ist es die «Chronik einer Auswahl von Begegnungen» mit Taylor, wie der Autor notiert. Der erste Eintrag stammt vom Juli 1974: Buholzer flaniert mit Cecil Taylor in Montreux während des Jazzfestivals durch die Strassen. Der letzte Eintrag stammt vom 3. Oktober 2015, ein vierseitiger Text: Buholzer hatte Taylor zu Hause im New Yorker Stadtteil Brooklyn besucht, den endlosen Monologen des Pianisten über Gott und die Welt gelauscht. Dazwischen und über die Jahre verstreut liegen Stationen wie Paris, Villingen, Sursee, Willisau, Le Prese oder Basel, wo Taylor ein Skandalkonzert gab, das er fast platzen liess. Dazu kommt Zürich, wo er eine gescheiterte musikalische Begegnung mit dem Schweizer Saxofonisten Werner Lüdi erlebte. Buholzer beschreibt Taylors Auftritte, erzählt von Plattensessions, philosophiert und telefoniert mit Taylor, geht mit diesem auch mal auf nächtliche Streifzüge durch New York (wo Taylor den Luzerner Journalisten zum Kokain­genuss verführen will).

Ganz lebendig wird es, wenn Buholzer in der Ichperspektive vom eigenen Hören der Musik Taylors spricht. Er schreibt in einer zuweilen dichterisch vibrierenden Sprache und auch mal philosophisch nachdenklich über Taylors Klänge, die für ihn «ein Gewitter» sind, «das alles Hören verändert». Er hütet sich vor einer bloss klinischen Wahrnehmung: Lieber beobachtet er, wie seine eigenen kleinen Kinder der Musik Taylors begegnen, als dass er Töne kühl musikwissenschaftlich sezierte.

Anteil nehmender Journalist

Nicht selten gibt Buholzer das, was Taylor ihm berichtet, in indirekter Rede wieder; offensichtlich führte er keinen Notizblock mit (oder wollte es nicht), was nachher eine wörtliche Wiedergabe erlaubt hätte. Gerade dieses scheinbare Manko macht das Buch so wertvoll: Taylor öffnete sich Buholzer, einem zurückhaltenden Menschen, ganz anders als einem Journalisten, der sein Visavis kritisch oder scheinbar kritisch löchert. Meinrad Buholzer pflegt einen Journalismus der Anteilnahme. Einen der Nähe. Der wirklichen Begegnung.

Meinrad Buholzer: Always aPleasure – Begegnungen mit Cecil Taylor. 148 S.. Erschienenim Eigenverlag. Ca. 40 Fr.

Erstellt: 21.11.2018, 17:59 Uhr

Jazzfestival Unerhört

Zu Begegnungen mit Cecil Taylor wird es auch am diesjährigen Zürcher Unerhört-Jazzfestival kommen, das morgen Freitag beginnt: Gleich vier Pianisten setzen sich mit dem Œuvre des Free-Jazz-Pioniers auseinander. Darunter ist Irène Schweizer, die zu ihrem eigenen Spiel erst durch die Erfahrung eines Taylor-Konzertes in den 60ern fand. Bei ihrer Taylor-Hommage trifft sie auf die aus Lausanne stammende und heute in New York lebende Pianistin Sylvie Courvoisier. An einem weiteren Festivalabend befassen sich der englische Pianist Alexander Hawkins und der junge Zürcher Yves Theiler mit Taylor. (cme)

Artikel zum Thema

Hat hier jemand Jazz gesagt?

Der Saxofonist Shabaka Hutchings spielt als Solist und als Leader der Band Sons of Kemet die Musik der Stunde. Sie weist weit über den Moment hinaus. Mehr...

Vorsicht ist wichtiger als Vorlieben

Damit auch die 20. Ausgabe ein Erfolg wird, programmiert Johannes Vogel sein Jazznojazz-Festival mit kalkuliertem Risiko. Mehr...

Die «Königin des Soul» ist schwer krank

Die Familie der amerikanischen Sängerin Aretha Franklin bittet einem Medienbericht zufolge um Gebete und Privatsphäre. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Was Eltern über Tik Tok wissen müssen

Geldblog Warum hohe Dividenden nie garantiert sind

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...