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Gospel ohne Glaube

John Hiatt und Sonny Landreth im Kaufleuten: nicht perfekt, aber gut bis sehr gut.

Flucht in die Hoffnung: John Hiatt mit seiner Akustikgitarre, hier an einem Festival in Spanien. (6. Juli 2018)
Flucht in die Hoffnung: John Hiatt mit seiner Akustikgitarre, hier an einem Festival in Spanien. (6. Juli 2018)
Keystone

Beim allerletzten Stück dann kickt es ein, das Wohlsein und Sehnsuchthaben und Mit-dem-Cadillac-in-den-Süden-Fahrgefühl, das einen bei seinen Konzerten sonst von Anfang an ergreift: John Hiatt spielt das swingende Intro auf seiner Akustischen, die Band kracht ein, aber federnd, worauf er einsetzt mit seiner flehenden Soulstimme und den Worten, die von dem handeln, worum es ihm wirklich geht: der Flucht in der Hoffnung, dass alles besser wird durch Bewegung. Weil nämlich der Stillstand ein Synonym ist für den Tod.

«Memphis in the Meantime» heisst das Stück, und es steht für alles, was John Hiatt als Songwriter ausmacht: Ironie und Leidenschaft, Handwerkertum und Tanzbarkeit. Warum hat man diese Art von Intensität an diesem Abend bei ihm mehr herbeigesehnt als erlebt? Das hat mehrere, einander überlagernde Gründe. Der erste Grund liegt in einer falschen Annahme. John Hiatt ist seit Jahrzehnten unterwegs, er hat nie im Hallenstadion gespielt, aber immer an schönen Orten wie dem Kaufleuten, anders gesagt: Er ist ein Unter-dem-Radar-Flieger, nochmals anders gesagt: Er spielt mit Würde, und sein Publikum bleibt ihm treu.

Trotzdem scheint er von der panischen Vorstellung ergriffen, seine Zukunft sei in der Vergangenheit zu suchen, weshalb er ein dreissig Jahre altes Album ins Zentrum seines Konzertes stellt, «Slow Turning», eine sehr gutes Platte, aber kein Grund für Nostalgie. Wer eine solche Karriere hingelegt hat wie er, sollte keine Sehnsucht hegen nach jungen Tagen, sondern unverdrossen weitermachen, wie John Hiatt das tat bei seinem letzten Konzert am selben Ort, das war vor acht Jahren, und es ging um alles, damals.

Das zweite Problem auf natürlich hohem Niveau an diesem Abend: Alles tönt gleich. Egal ob Hiatt, der brillante Gitarrist Sonny Landreth und die swingende Rhythmusgruppe eine Ballade geben oder ein vorwärts rockendes Stück wie «Down South», der Sound nivelliert sich. Wer bei 10 anfängt, für den gibt es kein 11.

Dafür gibt es diese trotzdem grossartigen Momente wie «Paper Thin» oder «Have a Little Faith in Me», das Hiatt alleine am elektrischen Piano vorträgt wie ein Gospel ohne Glaube. Und dann fühlt man sich wieder verstanden.

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