Granteln tut gut

Krautige Tanzmusik voller Referenzen, gepaart mit einer bösen Zunge: Die Wiederbelebung von LCD Soundsystem klingt erstaunlich aufregend.

Weiss, wie man um die Musik herum eine Geschichte kreiert: James Murphy. Foto: Sony

Weiss, wie man um die Musik herum eine Geschichte kreiert: James Murphy. Foto: Sony

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Hip war das, was der New Yorker James Murphy gemacht hat. So hip, dass es eigentlich nur konsequent war, dass er seine Band LCD Soundsystem im April 2011 im ausverkauften Madison Square Garden nach neun Jahren beerdigte. Auf ewig ein Weltstar sein, das ist ja irgendwie unhip. Vielleicht ist hip sein auch anstrengend, und er, der Sänger, Pro­duzent und Labelbetreiber, hatte genug davon, dachte man.

Anfang 2016 hat Murphy, mittlerweile 47, seine Band dann aber reaktiviert. Erst für ein paar Konzerte, nun ist mit «American Dream» ein neues Album erschienen. Dass sie darauf gewartet haben, können wohl die wenigsten behaupten. Die Originalität war irgendwie futsch. Die Mischung aus Tanzbarkeit und Emotionalität, aus punkigen Discodrums und zärteliger Stimme schien ausgereizt.

Dabei hatte er formidable Songs veröffentlicht, das Rohe von Punk mit dem Romantischen von Disco und dem Ausserweltlichen von New Wave vereint, in seinen Texten New York und seine Bewohner erfasst, viel Musik über Musik gemacht und sich dabei völlig unverkrampft durch die eigene musikalische Sozialisation zitiert. Kraftwerk war da zu hören, Can, The B-52’s, Gang of Four, der Minimalismus von James Brown und immer wieder David Bowie.

Anfang der 2000er lief das, was Murphy und seine Band machten, parallel zu dem, was als Electro-Clash abgehandelt wurde: Rock und Electro vereinten sich auf den Tanzflächen, exaltierter Rockgesang gesellte sich zu stampfenden Discodrums und scharf zirpenden Synthies. The Rapture, eine New Yorker Band auf Murphys Label DFA Records, waren ein wichtiger Vertreter des Genres. Doch so schnell, wie sie gekommen waren, waren sie wieder weg. Der organische Bandsound verschwand aus den Clubs. Nur LCD Soundsystem blieben bis zuletzt im Gespräch. Bis zur Auflösung.

Tricks und Geschichten

Seither hat Murphy auch schon behauptet, die Auflösung sei nur ein Marketingtrick gewesen, um die Halle vollzukriegen. Kann sein, oder auch nicht. 2007 veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit einem Sportschuhhersteller ein 46-minütiges Stück, von dem er behauptete, es sei genau auf seine tägliche Joggingrunde zugeschnitten. Später gab er zu, noch nie in seinem Leben gejoggt zu haben. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse von LCD Soundsystem und ein Mitgrund dafür, dass das Projekt den Hype überlebt hat: James Murphy hat seine grossen Vorbilder eben nicht nur in musikalischer Hinsicht studiert. Er versteht auch, wie man um die Musik ­herum eine Geschichte kreiert.

2002 bedeutete seine krautige Tanzmusik eine kleine Revolution. Vielleicht sorgt «American Dream» nun für eine Kurzrenaissance. Murphys Rezeptur hat sich nicht geändert: Noch immer greifen da Electro-Pop, Synth-Rock und Alternative Dance ineinander. Manchmal, wie auf «Call the Police» klingt das psychedelisch wie bei Bowie, manchmal wie auf «Other Voices» ravig und electroid. Und immer ist da dieses treibende Element, die Repetition, das Flächige.

Dance-Tracks und Songs einen sich hier in der Vertonung von flüchtigen Träumen. «Oh baby, oh baby, / you’re having a bad dream, here in my arms», lauten die ersten Zeilen auf dem Album, begleitet von einem spärlich ausgestatteten, fiebrig-nervösen Puls. Den Unschuldigen, den Romantiker gibt Murphy nach wie vor nur vordergründig. Auf «Tonite», der vorab veröffentlichten Single, lässt er sich etwa über den musikalischen Einheitsbrei aus. Alles klinge gleich, als hätten alle die gleichen Gefühle, grantelt er – und merkt dann noch an: «I sound like my mom» – «Ich klinge schon wie meine Mutter.» Die Musik dazu schreitet forsch voran wie ein wabbeliges, peitschendes Electro-Stück aus den Achtzigern, das von Daft Punk weiterverarbeitet wurde. Wurde es aber nicht: Es ist nur einer von vielen düster funkelnden Flicken im Patchwork des James Murphy.

Einen «Grower» nennt man solche Alben wohl. Mit jedem Hörgang entdeckt man mehr, sinkt tiefer in die Stücke hinab, nimmt irritierende Elemente plötzlich als zwingend wahr. Auch den Grantler, der seine spitzen Kommentare mit sanfter Stimme absondert.

LCD Soundsystem: American Dream (DFA Records/Sony)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 17:04 Uhr

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