«Grausam, wie wir die Väter in der Schweiz behandeln»

Die Musikerin Sophie Hunger sieht im Frauenstreiktag ein wirksames Druckmittel. Gerade von den politischen Parteien fordert sie mehr Engagement.

«Warum soll eine Frau weniger wert sein als der Mann?» Sophie Hunger setzt sich für Lohngleichheit ein. Foto: Marikel Lahana

«Warum soll eine Frau weniger wert sein als der Mann?» Sophie Hunger setzt sich für Lohngleichheit ein. Foto: Marikel Lahana

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Sie rufen auf Facebook zum Frauenstreik auf: «We fight, we love, we rise, we shine – it’s time.» Wofür ist es Zeit?
Zeit, um die Gleichstellung zu realisieren. Beim Streiken entsteht eine Zwangslage, indem die Leute die Arbeit niederlegen. Man zwingt die Gesellschaft dazu, an diesem Tag über Gleichstellung in der Schweiz nachzudenken. Dafür bauen wir Druck auf.

Werden Sie am 14. Juni denn hier sein? Sie leben in Berlin.
Ich komme für die Demo nach Zürich. Am Abend gebe ich in Neuenburg ein Konzert.

Sie arbeiten?
Ich bin nicht angestellt, sondern selbstständig. Wenn ich streike, dann würde ich mich nur selber bestreiken, das finde ich nicht sinnvoll. An dem Tag ist maximale Sichtbarkeit gefragt, da ist eine Bühne mit Mikrofon ein Traumpass.

Was ist Ihr dringlichstes Anliegen?
Die fehlende Lohngleichheit zwischen Frau und Mann. Sie hält sich hartnäckig und ist systemisch. Sie beginnt mit der ungleichen Verhandlungsposition.

Wie meinen Sie das?
Ein Arbeitgeber muss entscheiden, ob er den Mann oder die Frau einstellt, beide sind gleich qualifiziert: Dann hat der Mann immer die bessere Ausgangslage, weil er nicht 14 Wochen fehlen wird wie die Frau, wenn sie Mutterschaftsurlaub bezieht. Bereits hier fängt die Kacke an zu dampfen – hier beginnt die Diskriminierung.

«Die Frau hat immer den Makel der Lebensstiftung. Schon ein bisschen irrsinnig, oder?»

Im Hinterkopf des Arbeitgebers?
Es ist ja ein Wettbewerb: Wer bekommt die Stelle? Der Mann hat einen Vorteil, weil unser Gesetz vorsieht, dass er auch als Vater erwerbstätig bleibt. Und die Frau hat den Nachteil, dass sie ein potenzielles Risiko für den Arbeitgeber darstellt, auch wenn sie gar keine Kinder haben will. Sie hat immer diesen Makel. Den Makel der Lebensstiftung. Schon ein bisschen irrsinnig, oder?

Die Frau als Unsicherheitsfaktor.
Unsicherheit, ja, aber vor allem entstehen für den Arbeitgeber Umstände, weil er während ihres Urlaubs Ersatz braucht. Diskriminierung ist kein Gefühl. Sie entsteht konkret durch unsere Gesetze, die eine Gleichbehandlung verunmöglichen.

2008 gelang der heute 36-Jährigen mit dem Studioalbum «Monday’s Ghost» der musikalische Durchbruch. Foto: Marikel Lahana

Als selbstständige Künstlerin sind Sie auch Arbeitgeberin. Vor einem Jahr haben Sie eine Quote in Ihrem Team eingeführt: 50 Prozent sind Frauen. War das schwierig?
Die Quote durchzusetzen? Gar nicht. Ich hatte ein paar Vakanzen und fand, das sei eine gute Gelegenheit, sie mit Frauen zu besetzen. Man soll ja bekanntlich zuerst vor der eigenen Tür kehren.

Wurde es dadurch umständlicher?
Nein. Rücksicht haben wir auf die Väter im Team genommen: Wir legten den Tourneeplan so, dass sie die Hälfte der Zeit daheim bei ihren Kindern sein konnten.

Das hört man selten.
In der Schweiz ist es sofort aussergewöhnlich, wenn man etwas für die Väter tut. Unsere Gesellschaft sieht für sie nur eine Lebensweise vor: ‹Schaffe!› Diese Erniedrigung ist nicht nötig. Wir könnten es viel schöner haben. Ich wundere mich, dass da die Parteien so wenig Ideen haben. Es brauchte nur etwas Fantasie.

Zum Beispiel?
Man könnte sagen: Männer und Frauen haben gesetzlich beide Anrecht auf drei Monate bezahlten Urlaub, wenn sie ein Kind bekommen. Wenn ein Mann oder eine Frau ihn nicht beziehen will, verfällt er. Niemand ist gezwungen, den Urlaub einzulösen, aber beide können darauf bestehen. Das heisst: Wenn der Arbeitgeber für eine freie Stelle zwischen Mann und Frau entscheiden muss, hat er bei beiden nun dasselbe Risiko. Sowohl der Mann als auch die Frau wird vielleicht einmal drei Monate fehlen.

Eine Art Elternzeit. Sie finden, dass der Staat eingreifen muss?
Leider, bisher hat es ja offensichtlich nicht funktioniert. Wir warten jetzt Jahrzehnte. Es bleibt nur noch der politische Weg. Feminismus ist politisch, und er ist eine Frauen- und Männerfrage. Feminismus betrifft beide Geschlechter.

«Unsere Gesellschaft sieht für die Väter nur eine Lebensweise vor: ‹Schaffe!›»

Es entsteht der Eindruck, dass sich am Streik jede Frau unbedingt solidarisch zeigen muss. Darf eine Frau sagen: Was gehen mich die anderen an? Ich will nicht streiken.
Sicher darf sie. Ich will dann aber gerne von ihr wissen, warum sie das findet. Bisher konnte mir noch niemand schlüssig erklären, warum es keinen Streik braucht oder warum es stimmen soll, dass beide Geschlechter bereits gleichberechtigt leben.

Können Sie Andersdenkenden denn schlüssig erklären, warum es den Streik sehr wohl braucht?
Ich versuche es. Es gibt Fakten, die zeigen, dass es einen unerklärlichen Lohnunterschied gibt. Ich frage dann: Warum willst du dich diesem System unterwerfen? Warum nimmst du hin, weniger wert zu sein als ein Mann? Es interessiert mich, woher diese Überzeugung kommt.

«She will not make your babies / She will make president» singt Sophie Hunger im Song «She makes President» des neuen Albums «Molecule» (2018). Quelle: Youtube

Es gibt viele Männer, die den Feminismus als Angriff empfinden. Wie überzeugen Sie die?
Ganz einfach: Wir kämpfen am Frauenstreiktag ja auch für ihre Rechte. Wir wollen, dass die Diskriminierung der Väter aufhört, und fordern deshalb den Vaterschaftsurlaub, die Elternzeit. Es ist grausam, wie wir die Väter behandeln in der Schweiz. Nach einem Tag müssen sie wieder arbeiten, obwohl erst gerade ihr Kind geboren wurde? Und dann wundern wir uns, dass die Mutterbindung grösser ist? Man muss weitergehen: das Rentenalter für Frauen angleichen, oder aus dem Militär für Männer ein Gesellschaftsjahr für alle machen. Vielleicht liesse sich aus der Forderung von Lohngleichheit und Vaterschaftsurlaub ein Päckli machen, das weiss ich nicht – wichtig ist, dass man die Geschlechter nicht gegeneinander ausspielt, sondern beiden etwas gibt.

Dafür ist Bereitschaft nötig, überhaupt etwas ändern zu wollen.
Ja, aber Hierarchien sind nie grundsätzlich legitim. Wir können meinetwegen auch anerkennen, dass unser Modell in der Vergangenheit eine historische Logik hatte. Aber jetzt geht es darum, sich zu fragen: Wie wollen wir jetzt und in Zukunft zusammenleben? Was möchten wir unseren Kindern weitergeben? Wie sollen unsere Partnerschaften funktionieren? Man kann sich doch all dem kreativ nähern und überlegen: Worauf haben wir Lust?

Als Künstlerin sind Sie es gewohnt, kreativ zu sein. Die meisten von uns sind es nicht.
Wir sind natürlich Erfindungs-Junkies. Die gestalterische Kraft ist unsere Version von Muskeln und Cash. Aber jeder, der sein Wohnzimmer schon einmal neu eingerichtet hat, kennt doch diese Freude, wenn das Sofa in einer anderen Ecke steht und man leichter daran vorbeiflutscht.

Es braucht ein gesellschaftliches Umräumen?
Ja. Die Bedürfnisse haben sich verändert, wir haben mehr Freizeit, leben länger. Machen wir uns Gedanken darüber, wie wir all das zusammensetzen und arrangieren wollen. Mit dem Ziel, dass das Wohnzimmer der coolste Ort ist, an dem wir sein möchten.

«Wir sollten aufhören, darüber zu reden, wie sich das Problem anfühlt.»

Im vergangenen Herbst fand in Bern eine Lohndemo statt, das Motto war «Gnueg». Was, wenn die Schweizerinnen und Schweizer auch genug haben von all den Diskussionen darum?
Es ist unmöglich, Macht einzufordern, ohne anstrengend zu sein. Und für jede gesellschaftliche Veränderung braucht es mehrere Anläufe. Denken Sie an die Französische Revolution oder den Krampf des FC Aarau, wieder aufzusteigen. Männer, die sich über Feministinnen nerven, wünschen sich doch für ihre Töchter auch, dass ihnen nichts im Weg steht.

Warum nerven die sich überhaupt?
Es nervt halt, wenn einem jemand ins Gärtli tritt. Es nervt, wenn man bisher ganz allein bequem auf dem Sessel sitzen konnte und jetzt zur Seite rutschen muss. Das kann ich schon verstehen. Wenn man es schafft, geistig etwas von diesem Zweikampf Mann gegen Frau abzurücken, und nicht immer auf Gegenangriff geht, dann merkt man, dass es um die Gestaltung unseres Zusammenlebens geht. Wir wollen die Gräben nicht vertiefen, wir wollen sie abschaffen. Idealerweise wäre der Frauenstreiktag ein Tag, an dem alle sagen können, wie sie sich das vorstellen.

Das klingt nach Volksfest.
Ich sehe den Tag wirklich sehr positiv und finde, dass man über diese Fragen auch mit Freude sprechen kann. Danach folgt die Handlungsebene: Eine Initiative machen, eine Gesetzesvorlage formulieren. Wir sollten aufhören, darüber zu reden, wie sich das Problem anfühlt, und anfangen, darüber zu reden, wie es sich lösen liesse.

«Ich fühle ich mich verantwortlich dafür, dass andere auch möglichst frei leben können»: Sophie Hunger. Foto: Marikel Lahana

Trotzdem sind viele Frauen und Feministinnen wütend über das bestehende System und äussern diese Wut auch.
Das ist die Energie, die hinter der Handlung steckt. Wir sind hässig, also müssen wir jetzt etwas unternehmen.

Sie selber sind sehr privilegiert: erfolgreich, gebildet, mehrsprachig, kosmopolitisch. Sollte Feminismus nicht vor allem jenen Frauen nützen, die weder Geld noch Perspektiven noch Schutz haben?
Unbedingt. Ich bin frei, deswegen fühle ich mich verantwortlich dafür, dass andere auch möglichst frei leben können. Ich habe die Möglichkeit dazu und muss mich nicht vors Pferd schmeissen, wie es die Suffragetten in England gemacht haben. Mein Engagement ist auch ein nachträglicher Liebesbeweis an jene Frauen, die sich für meine Freiheit aufgeopfert haben.

Aber wie profitiert eine Frau aus der Unterschicht von Ihrem Engagement?
Ich hoffe, dass sie sich durch den gemeinsamen Effort weniger allein fühlt. Ihr ist es vielleicht gar nicht möglich, am Streik teilzunehmen. Und ich hoffe, dass sich dann im Gesetz etwas ändert, was ihren Alltag erleichtern wird.

Sie versprechen sich von Gesetzen mehr Gleichstellung, obwohl die Verfassung diese eigentlich schon seit 1981 verlangt?
Genau deshalb braucht es den Frauenstreiktag. Um dem Satz, der in der Verfassung steht, Taten folgen zu lassen. Alle, die an die Gleichstellung glauben, müssen mit uns demonstrieren kommen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.06.2019, 11:41 Uhr

Mehrfache Preisträgerin

Die 1983 geborene Bernerin Sophie Hunger wuchs in Zürich, Bonn und London auf. 2006 veröffentlichte Sophie Hunger ihr Debütalbum «Sketches On Sea». Mit dem Nachfolger «Monday's Ghost» gelang ihr 2008 der internationale Durchbruch.

Hunger ist mehrfache Preisträgerin: Sie erhielt u.a. den Prix Walo in der Kategorie Newcomer (2008), den Zürcher Festspielpreis und den Schweizer Musikpreis (beides 2016). Der Preis für die beste Spielfilm-Musik wurde ihr 2016 für die Filmmusik zu «Ma vie de courgette» verliehen. Im vergangenen Jahr hat Hunger ihr neuestes Album «Molecules» veröffentlicht. Sie lebt heute in Berlin. (slm)

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