Gut gealterte Dame, schlecht gealterte Hits

Was gibt es vom Hallenstadion-Konzert von Cher zu berichten, ausser dass die 73-Jährige noch immer blendend aussieht? Einiges. Aber nicht viel Erfreuliches.

Im Geschmacksradius von Zierbrunnen-Handwerk und Airbrush-Kunst: Cher im Hallenstadion. Foto: Andrea Zahler

Im Geschmacksradius von Zierbrunnen-Handwerk und Airbrush-Kunst: Cher im Hallenstadion. Foto: Andrea Zahler

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Man kann schon fast darauf wetten: Gastiert ein etwas betagterer Pop-Charakter auf einer Welttournee-Grossbühne, dann gibts im Vorspann des Konzerts garantiert einen kleinen Bilderabriss durch das musische Vorleben. Da das Vorleben im Falle von Cher schon ein bisschen länger dauert – der musikalische Teil ihrer Karriere erstreckt sich nun schon über 54 Jahre –, flackert die visuelle Vergangenheitsbewältigung zum Beginn ihres Schweizer Gastspiels in einem Tempo über die Grossleinwand, dass einem schier epileptisch zu Mute wird: Cher als Hippiebraut, Cher im Transparent-Galakleid, Cher im Aristokraten-Look, Cher dauergewellt, Cher mit Silberhaarperücke, Cher hinter orientalischem Schleier.

Und das Gespenstische daran ist, dass dieses leicht ausdrucksarme, bleiche Gesicht, das da aus all den Verkleidungen lugt, im Laufe der Jahrzehnte kaum Spuren eines Alterungsprozesses gezeitigt hat. Da sind Maskenbildner, Fitnessinstruktoren und Vertreter der plastischen Chirurgie wahrlich an die Grenzen des Menschenmöglichen gegangen.

Und während man noch versucht, die Einzelteile dieses Bilderstakkatos mit musikalischen Errungenschaften der Frau Cher in Bezug zu bringen, steht die Alterslose auch schon leibhaftig vor einem. Genauer gesagt: Sie schwebt auf einer Art Altar heiligengleich auf die Bühne hernieder, auf welcher bereits eine sehr motivierte Ansammlung an Choreografietänzerinnen ihr Tagwerk aufgenommen hat. Der grosse Auftritt liegt der Cher.

Subtilität oder Verführung kann sie nicht. Es ist eher ein Rufen als ein Umgarnen.

Sie trägt ein Gewand, das man im Kostümverleih gemeinhin in der leicht schummrigen Ecke finden würde, die für die Sambatänzerinnen und Dragqueens reserviert ist. Dazu ertönt «Woman’s World», ein Song vom vorletzten Album, auf dem sich die Amerikanerin der etwas überbelichteten Electronic Dance Music annäherte. Ihre Stimme ist sonderbar kehlig. Subtilität oder Verführung kann sie nicht. Es ist eher ein Rufen als ein Umgarnen. Und ihre Produzenten haben die Hit-Ingredienzen geradezu ins Liedgut gepfercht, statt sie bloss damit zu beträufeln.

Irgendwann, zwischen Power-Pop und dem Hochhalten musicalesker Wertvorstellungen kommt es zu einem bemerkenswerten Programmpunkt. Cher nimmt sich eine der ältesten Hymnen der Menschheitsgeschichte vor: Das Gayatri Mantra, das sie in den Nullerjahren in einem Yoga-Kurs aufgeschnappt hat. Sie lässt es von ihrem Tanzensemble beausdruckstanzen. Doch auch wenn sie die Interpretation des Lieds grösstenteils ihrer anonym bleibenden Band überlässt, erlebt es in den Händen des Cher-Teams keine Sternstunde seiner über 2000 jährigen Geschichte. Es klingt mit seinem cineastischen Getrommel und spirituellen Getue wie ein aus guten Gründen nie veröffentlichter Song des Eso-Pop-Projekts Enigma. Wohl zur Hervorhebung des hinduistischen Kontextes wird dazu ein bunt geschmückter, blinkender Plastikelefant samt Cher auf die Bühne gerollt, der sich dann zur schlecht gealterten Power-Pop-Schmontzette «All Or Nothing» schnell wieder in den Hinterbühnenbereich verzieht.

Rückblenden und Trapeznummern

Nein, so richtig gut ist das alles nicht. Modisch mag Cher als Stilikone durchgehen, musikalisch und showtechnisch ist sie es nicht. Chers Revue spielt sich im Geschmacksradius von Zierbrunnen-Handwerk, Airbrush-Kunst und Ibiza-Trance-Musikzusammenstellungen ab. Und irgendwann ist die spannendste Frage dieses Anlasses, wie wohl der nächste, der unzähligen Kostümwechsel überbrückt wird. Die Antwort: Am liebsten mittels filmischer Rückblenden auf Chers Schauspielkarriere, gerne auch mittels Trapeznummern zu gefühligem Konservenmuzak oder Einspieler ihrer siegbringenden Oscar-Verleihung.

Ohnehin wird in dieser Show fast ausschliesslich in die Vergangenheit geschwenkt. Glücklicherweise auch bis in die für Cher künstlerisch erspriesslicheren Sechzigerjahre, als sie im Duett mit Sonny Bono Evergreens wie «I’ve Got You Babe» oder «The Beat Goes On» einspielte. Vom Publikum im nicht ausverkauften Hallenstadion sehr goutiert wird auch die Retrospektive auf den «Burlesque»-Soundtrack, der Cher mit 64 zwar zu einem neuerlichen Comeback verhalf, an dessen Filmset es indes dermassen ungut geknistert haben soll, dass ihr Diva-Image für immer und ewig zementiert worden ist.

Auf der Bühne ist davon nichts zu spüren. Cher gibt sich betont kumpelhaft, und würde die 73-Jährige nicht halbnackt in dieser Kostümfantasie mitsamt grellblauer Perücke vor einem stehen, man könnte meinen, eine etwas zu gesprächige alte Bekannte würde uns an der Hauseinfahrt mit neuestem Tratsch aus ihrer bewegten Vita versorgen.

Cher interpretiert Abba wie eine Musicaldarstellerin; mit viel zu viel Gefühlsduseligkeit.

Das neueste, was Cher musikalisch geleistet hat, ist ein Abba-Tribute-Album. Exponenten aus Cher-skeptischen Kreisen sind der Meinung, dass es sich dabei um eines der unnötigsten und bedauerlichsten Tonwerke des auslaufenden Jahrzehnts handelt. Cher bringt davon drei Songs dar, die denn auch die Problemzonen der ansonsten von Problemzonen weitestgehend befreiten Frau offenbaren. Abba waren deshalb so epochal, weil sie es schafften, Gefühle zu evozieren, ohne die Pathoskeule zu schwingen. Und weil ihre Discomucke derart brillant produziert war, dass sie sich stets eine gewisse Sexyness bewahrte. Cher interpretiert Abba wie eine Musicaldarstellerin; mit viel zu viel Gefühlsduseligkeit. Und was sie als Annäherung an den Zeitgeist versteht, hinkt dem musikalischen Jetzt gefühlte 20 Jahre hinterher.

Auch eine Reminiszenz an Elvis hat Cher im Liedköcher – den Mann, der sich einst um ein Date mir ihr bemüht haben soll. Würde er vernehmen, wie Cher den ihm von Marc Cohn gewidmeten Song «Walking In Memphis» in die Durchschnittlichkeit bugsiert, Elvis würde sein amouröses Angebot wohl spornstreichs wieder zurückziehen.

Wofür steht sie denn nun, die Frau mit den vielen Kostümen, den vielen musikalischen Interessen und dem einen, immergleichen Gesicht? Was soll man mit diesem künstlerischen Wankelmut anfangen? Was will man dieser gigantischen Selbstinszenierung abringen? Das Cher-Konzert in Zürich ist wie das Blättern in einem dieser tiefpreisigen Frauenmagazine: Es geht um Mode, Affären, Klatsch, Motivationshilfen und Ratschläge, wie man den Unwägbarkeiten des Alterns trotzt. Mehr ist da nicht. Ach ja, und Cher sieht tadellos aus. Das ist jedenfalls das meistgehörte Fazit, das man nach der Show im Publikum vernimmt.

Erstellt: 10.10.2019, 06:05 Uhr

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