Guz ist tot

Mit Olifr Maurmann verliert die Schweiz einen ihrer brillantesten Songwriter. Das grosse Herz des Aeronauten-Sängers hat Anfang Woche viel zu früh aufgehört zu schlagen.

Mit den Aeronauten hat Olifr Maurmann alias Guz weit über 1000 Konzerte gegeben. Foto: CGK Music

Mit den Aeronauten hat Olifr Maurmann alias Guz weit über 1000 Konzerte gegeben. Foto: CGK Music

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Das letzte grosse mediale Lebenszeichen war ein Versprechen für die Zukunft. Der Film hiess «Die Aeronauten 16:9» und warf 2016 einen dokumentarischen Rückblick auf die Geschichte dieser grandiosen Schweizer Band und prophezeite im Untertitel eine lange Fortsetzung der Biografie: «Die ersten 25 Jahre». Doch diese beruhigende Prognose hat sich in der Nacht auf Montag definitiv zerschlagen, als Olifr Maurmann am Zürcher Unispital nach langer Leidenszeit einen finalen Herzinfarkt erlitt.

In Musikerkreisen hat sich die traurige Nachricht seither still verbreitet. Denn wer in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande auch nur ein einziges Bühnenbrett betreten hat, stand früher oder später irgendwann mal neben dem gross gewachsenen Mann mit Koteletten und Raufaserstimme – oder hat in dessen Star-Track-Studio oben in Schaffhausen Platten aufgenommen. Dort entstanden Mundart-Meisterwerke von Bands wie Stahlberger oder Baby Jail, und auch der Berner Rock-'n'-Roll-Haudegen Beat-Man oder Züri-West-Sänger Kuno Lauener kamen immer mal wieder gerne vorbei.

Eine grandiose Schweizer Band: Die Aeronauten, hier im Trailer zum Film «Die Aeronauten 16:9». Video: Hipp Mathis (Youtube)

Die Todesnachricht verbreitet sich nun auch unter all jenen, die bei einem der weit über 1000 Konzerte waren, die Maurmann mit den Aeronauten oder unter seinem Solopseudonym Guz im deutschsprachigen Raum gegeben hat: in dubiosen Kaschemmen, Jugendzentren, alternativen Kulturlokalen oder gar – im Rahmenprogramm der Fussball-EM 2008 – auf der Zürcher Sechseläutenwiese.

Bandrauschen am Bodensee

Die Karriere des 1967 in Konstanz geborenen Musikers beginnt in den 80er-Jahren. Bereits 1984 entstehen erste Heimaufnahmen auf Kassette, später gründet er das Trio Freds Freunde, das mit dem Stück «Markus» einen kleinen Untergrundhit landet. Eine Lehre im paragestalterischen Bereich – irgendwas zwischen Schriftenmaler und Steinmetz – begeistert ihn nur mässig, also verfolgt er sein Soloprojekt Guz, zieht zwischenzeitlich nach Zürich und spielt beim obskuren Experimental-Duo Raumpatrouille Rimini und bei der Gitarrenpop-Combo The Hunchbacks.

Eine Subkultur-Hymne: «Freundin» der Aeronauten.

Anfang der 90er-Jahre folgen dann die ersten beiden Alben der Aeronauten, und mit ihrer zackigen, von Bläsern beflügelten Musik sorgt die Band sofort für Furore. Das Lied «Freundin» vom Album «Gegen Alles» (1995) etabliert sich als Subkultur-Hymne, zwei Jahre später folgt das musikalisch noch ausgefeiltere Werk «Jetzt Musik», das beim renommierten Hamburger Label L'Age d'Or erscheint.

Der Durchbruch in Deutschland schien bloss noch eine Formsache zu sein, doch trotz gefeierter Konzertreisen durch die BRD-Metropolen bleiben Hitparadenplatzierungen und hohe Tantiemen aus. Ein Song schafft es immerhin in einen Beitrag der ZDF-Sendung «Das aktuelle Sportstudio» – es ist ausgerechnet «Nach Hause gehen» mit den programmatischen Zeilen: «Der internationale Durchbruch / vielleicht nächstes Jahr.»

Im ZDF gelandet: «Nach Hause gehen».

Was folgt, ist eine Phase der Neuausrichtung. Maurmann veröffentlicht gleich nach der Jahrtausendwende sein Guz-Album «We Do Wie Du», auf dem er im Lied «Parisienne People» die gutmütige, aber auch etwas schmalköpfige Gruppe der «Szenis» mit zeitloser Präzision analytisch zerlegt. Er selber positioniert sich bewusst etwas abseits: Während sie sich in Zürich und Hamburg über Tabellenkalkulation der Coolness und Kokainlinien beugen, werkelt er in seinem Studio in Schaffhausen, wo er seit 1992 eine neue Heimat gefunden hat, unbeirrt weiter.

Ausgerechnet die Beatles

Aus der Hektik der Gegenwart hat sich Olifr Maurmann bereits in jungen Jahren verabschiedet. Er orientiert sich an obskuren, störrischen Künstlern: den Deutschpunks der frühen Jahre, dem britischen Mehrzweckkünstler Billy Childish, uralten Bluesern oder der kalifornischen Country-Krachband Blood on the Saddle, deren grösster Fan er zeitlebens bleiben wird. Und dort knüpft er an, als die Aeronauten wegzubrechen drohen, aufgerieben zwischen Patchwork-Existenz und Punkvergangenheit.

Dann geht alles ganz schnell: 2006 findet die Band wieder verbindlich zusammen, doch zwei Jahre später erleidet der Sänger einen Herzanfall. Fünf Bypässe, ein implantierter Defibrillator, mehrere Monate Reha – keine gute Kombination. Der langjährige Chesterfield-Raucher muss sich mässigen, kehrt aber in neuer Frische auf die Bühne zurück.

Es folgen mehrere weitere Alben, und neben seiner Arbeit als Aufnahmeleiter im eigenen Studio ist Maurmann auch auf Theaterbühnen aktiv, spielt in der SRF-Serie «Güsel» einen griesgrämigen Müllinspektor und ist zusammen mit seiner Lebensgefährtin unter dem schönen Projektnamen Naked in English Class unterwegs.

Doch die Dunkelheit – die er zeitlebens in so vielen feinen Facetten besungen hat – senkt sich auf das eigene Leben. Mehrere Jahre wartet er auf ein Spenderherz, zuletzt während dreier Monate im Unispital. Doch es kommt nicht zur Transplantation, in der Nacht auf Montag stellt das bereits mehrfach reparierte eigene Herz seinen Dienst ein und steht einfach still. Endgültig. Es hält sich nicht an die künstlerische Vorgabe, die sein Besitzer im Stück «Das Ende ist nah» einst vorgegeben hat, als er den Refrain in bester «Hey Jude»-Manier gelassen weitersingen liess: «na na na na na na».

Erstellt: 23.01.2020, 10:52 Uhr

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