Hallo Zürich, wie findest du meinen Bart?

Es war viel Gesichtshaar am zweiten Tag des Openairs in Rümlang. Doch die Rockmusik wucherte erst mit TV on the Radio richtig schön.

Rock für heute: TV on the Radio am Zürich Openair mit Tunde Adebimpe (vorne) und Kyp Malone.

Rock für heute: TV on the Radio am Zürich Openair mit Tunde Adebimpe (vorne) und Kyp Malone. Bild: Dominic Steinmann/Keystone

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Ja genau. Wir sind hier in Zürich, und es sind tatsächlich alle da, die da sind. Es geht uns okay und wir haben eine gute Zeit, und wenn die Band bitte nur nicht weiterfragt, machen wir auch gerne Lärm für dies und das, nötigenfalls sogar für Zürich. Denn es ist ja nicht so, dass wir im Publikum der Ideenlosigkeit der ansagenden Musiker nicht prompt und gerne nachkommen würden. Wäre denn die Musik nicht genauso ideenlos.

So begibt es sich zum Beispiel am zweiten Tag des Zürich Openairs, dass nacheinander Bear's Den aus London und Mighty Oaks aus Berlin auf die Hauptbühne treten und es aussieht und auch klingt, als seien zwischen den Konzerten bloss die Gesichter hinter den Bärten ausgewechselt worden. Denn da wird beides Mal ein locker aufgekrempelter Folkpop im Gedenken an die schönsten Stadionmelodien von Mumford & Sons aufgeführt. Mit leichten Vorteilen für die Mighty Oaks, durchaus. Auch sie wollen zwar, wie es bei Bear's Den heisst, niemanden verletzen und den Verstand beileibe nicht lauter sprechen lassen als das Herz. Aber ihre Melodien haben denn doch etwas mehr Raffinesse, und die Satzgesänge sind richtig hübsch.

Rendezvous im Zelt

Und doch geht an so einem Festival die Hoffnung manchmal leicht verloren, dass es im Musikgeschäft, in dem an freier Luft zumal, noch Musiker gibt, die mehr wollen. Mehr als einen gemütlichen Platz in der Schnittmenge, gebildet aus Seelenschau und Globaltrend. Besonders deprimierend sind in dieser Hinsicht namentlich Echosmith, die den Irgendpop, den sie im Fahrwasser ihres Hits «Cool Kids» spielen, tatsächlich für einen Ausdruck ihrer hochnot gutgelaunten, kalifornischen Natur zu halten scheinen.

Erst, als nach ihnen TV on the Radio auf die Zeltbühne treten, zeigt sich, wie viel Rock kann, und im Vergleich, mit wie wenig sich die meisten Festivalbands begnügen. Schon die erste Ansage von Tunde Adebimpe ist so anzüglich wie selbstironisch und bietet damit in fünf Worten mehr Rock-'n'-Roll-Esprit als all die tief empfundenen Leerformeln der Folkbarden. «Willkommen in unserem kleinen Zelt», sagt der Sänger der 2001 in New York gegründeten Band, die vor ein paar Jahren, in den Jahren des Hypes, wohl nicht auf der Nebenbühne angetreten wäre.

Der Bart des Tages

Schon in den ersten Tönen wird klar, wie viel diese Band will. Sie will ran an die Körper, nur eben mit Verstand. Da zeigt sich sofort ein Interesse am schieren Klang, an den Tonschichtungen des Free Jazz, an widerhakenden Strukturen. Und was ebenso offensichtlich ist: Diese Band will nicht empfunden werden, sie will begeistern. Noch die heftigsten Brüche werden nach vorne gespielt, die Musik ist dabei agil und hellwach. Die Grooves greifen, die Synthesizer saugen, und Adebimpe singt wie ein Soulsänger und performt wie ein MC.

Hörbar wird so im Nachhinein auch, wie seltsam weiss die Americana doch war, die man zuvor an mehreren Konzerten gehört hat. Bei TV on the Radio ist die amerikanische Musik nicht ums knisternde Gitarrenholz versammelt. Sie legiert einen Black Rock, der sich weiterherum auskennt und bedient – bei den Raps etwa von Nas, beim Free Jazz von Ornette Coleman, aber auch beim elektronischen Ambiente von Aphex Twin. Und, mal ganz abgesehen davon, trägt Gitarrist Kyp Malone ganz eindeutig den Bart des Tages.

Erstellt: 28.08.2015, 08:31 Uhr

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Video

«Happy Idiot»: Video von TV on the Radio.

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«Seven Days»: Video von Mighy Oaks.

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«Agape»: Video von Bear's Den.

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