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Heisser Jazz im Treibhaus

Gitarrist John Scofield und Bassist Dave Holland trumpfen an den 22. Langnau Jazz Nights gross auf.

Gern gesehener Gast: Bereits 2011 nahm John Scofield am Festival im Emmental teil.
Gern gesehener Gast: Bereits 2011 nahm John Scofield am Festival im Emmental teil.
Manuel Zingg

Wo gibt es das spannendere Jazzangebot, in Langnau oder in New York? Während den Langnau Jazz Nights lässt sich diese Frage gar nicht so leicht beantworten. In der speziellen Atmosphäre im gotthelfschen Högger-Land fühlen sich selbst die vorgängig durch die Sommerfestivalmühle gedrehten Jazz-Cracks aus Übersee pudelwohl und kommen dementsprechend schnell auf Touren.

Was die Koryphäen John Scofield und Dave Holland heuer mit neuen Bands in der Treibhausatmosphäre einer ehemaligen Kupferschmiede boten, war jedenfalls nicht «business as usual», sondern Hochspannungsjazz der Kategorie 1A: inspiriert, leidenschaftlich, abwechslungsreich, stimmungsvoll, dringlich und mit einer kinetischen Energie aufgeladen, die einen aus den Socken haute (auch wenn man gar keine Socken anhatte).

Quirligkeit und Schärfe

Im Vergleich zu den atemberaubenden Höhenflügen dieser grandiosen Gruppen fielen die durchaus ansprechenden Auftritte des Basler Trios Vein (mit kunstvollen, aber manchmal auch etwas arg konstruierten Bearbeitungen von Stücken aus der Gershwin-Oper «Porgy & Bess») und des souverän zwischen Tradition und Moderne mäandrierenden Quartetts der französischen Altsaxofonisten Géraldine Laurent, die die verwinkelte Quirligkeit eines Greg Osby mit der Schärfe eines Jackie McLean würzt, insbesondere in puncto Energie ab.

Mit dem Overtone Quartet trat der Bassist Dave Holland in den letzten Jahren als Primus inter Pares einer Kreativitätskooperative in Erscheinung, deren demokratischer Geist sich nicht zuletzt darin offenbarte, dass jedes Bandmitglied eigene Stücke zum Repertoire beisteuerte.

So funktioniert nun auch das Quartett Prism, das durch den Kevin Eubanks (Gitarre), Craig Taborn (Klavier, Fender-Rhodes-Electric-Piano) und Eric Harland (Schlagzeug) vervollständigt wird – Letzterer war ebenfalls bereits bei Overtone mit von der Partie; Eubanks, der zwischenzeitlich in den Niederungen des televisionären Late-Night-Entertainments verschwand, war 1989 an der Einspielung von Hollands ECM-Album «Extensions» beteiligt.

Bei den bahnbrechenden Miles-Davis-Alben dabei

Nicht nur in der Instrumentierung, sondern auch in der ästhetischen Ausrichtung entpuppte sich Prism als Hybrid aus 70s-Fusion-Formation und akustischer Postmodern-Jazzcombo: eine reizvolle und alles andere als alltägliche Mischung mit sehr viel Mindfuck- und Kickass-Potenzial.

Diese Band rockte heftig und übermütig ab (wie weiland Tony Williams mit Lifetime), aber es gab auch einen sehr, sehr langsamen und sehr, sehr bluesigen Blues zu hören (Eubanks liess seine Gitarre nach allen Regeln der Kunst jaulen und miauen), gefolgt von psychedelisch-mysteriöser Klangmalerei – und da fiel einem ein: Ach ja, dieser Dave Holland war ja 1969 bei der Einspielung der bahnbrechenden Miles-Davis-Alben «In a Silent Way» und «Bitches Brew» dabei – und manchmal fühlte man sich auch ein bisschen an das Trio Gateway (mit John Abercrombie und Jack DeJohnette) erinnert, mit dem Holland nach seiner Zeit bei Davis an den Start ging.

Höchste Disziplin und entfesselte Wildheit

Natürlich spielte Taborn wieder einmal absolut wahnwitzig: Sogar der mit allen Wassern gewaschene Holland, der im Kreise seiner jüngeren Kollegen wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung wirkte, schaute mehrmals ungläubig staunend und selig lächelnd zu dem Tastenmagier herüber. Wie Taborn höchste Disziplin (etwa in der Fortspinnung und im Ausschmücken von «verrückten» Motiven) mit entfesselter Wildheit zusammenbringt, ist absolut grossartig. Kommt hinzu, dass er über ein extrem variables rhythmisches Vokabular verfügt, zu dem eine sehr eigensinnige, superschnelle Stotterphrasierung gehört, wie man sie zuvor noch nie vernommen hat.

Griffbrett-Gipfeltreffen

Von Taborn stammte auch das modernste Stück im Repertoire: ein labyrinthisches Liniengeflecht über fraktalgeometrischen Groove-Shifts. Ebenfalls bravourös: Harlands Fähigkeit, rhythmischen Hochdruck mit Geschmeidigkeit und «space» zu kombinieren. Dieser Schlagzeuger ist sozusagen Bodybuilder und experimenteller Ausdruckstänzer in Personalunion.Anlass zum frohlockenden Staunen hatte auch John Scofield. Er hat mit dem 1970 geborenen Kurt Rosenwinkel einen 19 Jahre jüngeren Gitarren-Buddy in seine Hollowbody Band geholt.

Und so kam es zu einem kontrastreichen und äusserst animierten Griffbrett-Gipfeltreffen zwischen zwei ganz unterschiedlichen Stilisten. Auf der einen Seite Scofield mit Glatze und Bart und grimassierend wie ein Komiker: oft nahe am Blues, die Töne verbiegend, manchmal bewusst bockig phrasierend.

Garantiert mehr Jazzwunder als in New York

Auf der anderen Seite Rosenwinkel mit schwarzem Käppi und flatternden Augenliedern wie ein nervöser Neurotiker: flüssig, komplex, virtuos, zuweilen mit hymnischem Pop-Sound spielend. Ein lautes Bravo hat sich auch der wie geschmiert laufende Swing-Motor mit Ben Street (Bass) und Bill Stewart (Schlagzeug) verdient: Sowohl die typischen Groove-Nummern Scofields wurden mustergültig in Schwung versetzt als auch ein schneller Blues, Bop-Fetzer und die wunderbare Ballade «Moonlight in Vermont».

Einziger Wermutstropfen: Leider loteten Scofield und Rosenwinkel den faszinierenden Texturenreichtum von zwei an zahlreiche Effektgeräte angeschlossenen Stromgitarren nur gerade in einem (Trip-haften) Stück auf unkonventionelle Weise aus – ansonsten waren Solier- und Begleitrollen auf traditionelle Weise verteilt. Fazit: In diesen zwei Tagen konnte man in Langnau garantiert mehr Jazzwunder als in New York erleben.

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