Hemmungslos und unzensiert

Elton John hat seine Lebensgeschichte publiziert. Sie ist schonungslos ehrlich – und eine der besten Autobiografien der letzten Jahre.

Vom Soldatensohn zum Superstar: Elton John im Hammersmith Odeon in London, 1973. Foto: David Redfern (Getty Images)

Vom Soldatensohn zum Superstar: Elton John im Hammersmith Odeon in London, 1973. Foto: David Redfern (Getty Images)

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Einmal bat Elton John seine Plattenfirma, für ihn das Wetter zu ändern. Das war im Herbst 1988, da wohnte der Sänger und Superpopstar vorübergehend im Royal-Inn-Hotel am Victoria Park in London. Sein Landsitz in Berkshire wurde gerade von Sotheby’s-Mitarbeitern entrümpelt, für eine Show-Versteigerung des Hausrats (die am Ende 8,2 Millionen Dollar bringen sollte).

Elton John schnupfte zu der Zeit sehr viel Kokain, trank viel, litt unter Bulimie. Nachts lag er wach, weil der Wind vor seinem Fenster so laut heulte. Wie hilft man sich da? Anstatt an der Hotelréception zu fragen, ob es nicht ein anderes Zimmer für ihn gäbe, wählte er den direkteren Weg: Er rief bei seinem Plattenlabel Rocket Records an. Ob irgendwer bitte umgehend den Wind stoppen könne? Das Personal war nicht allzu überrascht, erklärte den Boss trotzdem vorläufig für verrückt. Niemand versuchte, den Befehl auszuführen.

Andere würden solche Anekdoten verschweigen

Die Geschichte ist in Elton Johns neuem Memoirenbuch «Ich» zu lesen (Heyne-Verlag, 496 Seiten, 26 Euro), im zweiten Drittel, der dramaturgischen Komplikation, und wer jemals selbst auch nur ein bisschen jung, unbesorgt und zügellos war – für den wird sie vertraut klingen, dem werden vergleichbare Anekdoten aus dem eigenen Leben einfallen.

Die Mythenschreibung tut zwar gern so, aber man muss ganz sicher kein Millionär, Exzentriker oder notariell beglaubigter Knallkopf sein, um solche bedröhnten Klingelstreiche zu spielen. Viele Menschen haben schon mal im Rausch nette Menschen beleidigt, irgendwas kaputtgemacht oder Geld ausgegeben, das sie besser hätten behalten sollen.

Auf dem Höhepunkt seiner Drogensucht: Elton John live im Zürcher Hallenstadion, 1989. Foto: Keystone

Der Unterschied: Wer als Zivilist soziale Anerkennung will, wird solche Episoden nie in den offiziellen Lebenslauf aufnehmen. Nicht nur, weil sie ihm vor anderen peinlich sein könnten. Sondern weil man in der Regel davon ausgeht, dass der nächtliche Exzess gerade nicht das repräsentiert, was einen als Person gesellschaftlich wirklich ausmacht. Bürgertum und Arbeiterklasse definieren sich im Zweifel über ihren Status, ihre Arbeit, ihr Netzwerk. Verschwendung und Müssiggang, Kokain, teurer Kitsch und blödsinnige Wetteranrufe am frühen Morgen, das alles gilt eher als adlige Selbstrechtfertigung. Oder eben als künstlerische.

Man kennt die Mechanik seit Jahren: Bücher aus der autobiografischen Schwemme, ob von kapitalen Gestalten wie Patti Smith, Keith Richards oder Bruce Springsteen, latent Interessanten wie Otto Waalkes oder Boulevard-Schockgeistern wie Dieter Bohlen, werden im ersten Zug nach Exzess-Neuigkeiten abgeklopft und an ihnen entlang beworben. Von «Beichten» ist dann oft die Rede, als ob es Prominente und Ghostwriter geradezu heilsgeschichtlich drängen würde, Sex- und Drogenerinnerungen via Niederschrift loszuwerden. Über die Werke und schöpferischen Tätigkeiten erfährt man meist wenig. In der nicht bürgerlichen Autobiografie werden sie quasi als bekannt vorausgesetzt.

Die ersten 100 Seiten von «Ich» sind locker das Beste, was der Autobiografie-Boom der letzten Zeit hergegeben hat.

Wie ist das bei Elton John? Seit den späten Sechzigerjahren ist er (abwechselnd und oft auch gleichzeitig) als Suppenkasper und musikalischer Grossmeister bekannt, im Alter von 72 steht er heute mit rund 250 Millionen Platten- und Downloadverkäufen in der Liste der erfolgreichsten Popmusiker auf Platz fünf.

Und 2019 war das bislang intensivste Jahr seiner Selbstarchivierung, der Art von historisch-unkritischer Eigenurintherapie, mit der die meisten überlebenden Vertreter der klassischen Pop-Gründungsära heute ihren Ruhm pflegen.

Im Mai startete «Rocketman», ein von Elton John und seinem Ehemann David Furnish selbst entwickelter und koproduzierter Biografiespielfilm, der bisher fast 200 Millionen Dollar einspielte (hier gehts zur Kritik). Für die weltumspannende Konzerttour «Farewell Yellow Brick Road», die Ende 2018 als Bühnenabschied und Lebensbilanz begann, standen 2019 mehr als 100 Konzerte auf dem Plan – lesen Sie hier die Rezension des letzten Schweizer Konzerts.

Das Buch «Ich» hat in dieser autobiografischen Rundum-Konstellation nun den Kreis geschlossen, mit feurig guten Kritiken, dazu exzellenten Verkaufszahlen. Tatsächlich geschrieben hat es Alexis Petridis, der Musikkritiker des «Guardian», denn Elton John ist bekanntlich kein Mann des Wortes. Wobei sein einziger selbst verfasster Songtext gar nicht mal übel ist, er ist zu hören in «Song For Guy», 1978, und besteht aus drei Worten: «Life isn’t everything».

Und obwohl die fast 500 Seiten selbstverständlich genug Bilder und Blitzgeschichten zum postadligen Exzentrikdiskurs bieten, von bizarren Treffen mit Queen Elizabeth II oder Sylvester Stallone über rätselhafte Auftritte im Ronald-McDonald-Kostüm bis zu einer noch rätselhafteren Fahrt, auf der Stevie Wonder einen Schneepflug steuert: Der mit Abstand reizendste Teil von Elton Johns Buch ist der Anfang, die Zeit vor dem Erfolg, die Schilderung der Lehr- und Wanderjahre im London der frühen Sechziger.

Billie Eilish oder Taylor Swift werden die Handlungsstränge ihrer Autobiografien völlig anders erzählen.

Der Soldatensohn startet mit elf ins akademische Klavierstudium, tritt schon mit 15 in wüsten Pubs auf. Beginnt zunächst eine Karriere als bestens ausgebildeter, aber ohne jedes Privileg schuftender Musikarbeiter: als Kaffeekocher und Notenkopierer in Musikverlagen, nach Stundenzettel bezahlter Leihpianist für Studioaufnahmen, Bühnenmusiker für alternde US-Soulstars, die ohne eigene Band auf Englandtour geschickt werden. «Singen und Klavierspielen konnte ich zwar, aber ich hatte nicht das Zeug zum Popstar», schreiben John und Petridis dazu. Trotzdem haben sie die frühe Phase nicht etwa als wehleidiges Wartezimmer-zum-Glück-Märchen inszeniert (wie im «Rocketman»-Film), sondern als rasanten, detailliert erzählten, situationskomischen Schelmenroman, voller Tätigkeit und tapfer erkämpfter Selbstverortung. Die ersten 100 Seiten von «Ich» sind locker das Beste, was der Autobiografie-Boom der letzten Zeit hergegeben hat.

Ganz zum Schluss, das dürfte ohnehin bekannt sein, kämpft sich der Protagonist aus dem Abgrund von Sucht und Realitätsverlust zur Vorbildfigur hoch; wird zum identitätspolitischen Aktivisten, zum Mentor, der prominenten Leidgenossen wie dem Rapper Eminem weise beisteht.

Das Bild ging um die Welt: Prinzessin Diana tröstet Elton John an der Beerdigung des Modedesigners Gianni Versace. Foto: Reuters

Was zwar für alle Beteiligten schön ist, aber ein ernstes literaturwissenschaftliches Problem auslöst. Ist Elton Johns Autobiografie nun ein Entwicklungsroman, eine Fin-de-Siècle-Dekadenznovelle mit angehängtem Happy End oder eine passagenweise überraschend todesnahe Eulenspiegelei? Sicher sagen kann man nur eines: Auf jeden Fall stellt dieses grosse Buch ein letztes Fanal des alten, prädigitalen Rock-’n’-Roll-Narrativs dar. Der eine oder andere Nachzügler könnte in den nächsten Jahren noch folgen, aber irgendwann beginnt eine neue Geschichtsschreibung. Schon Madonna oder Pharrell Williams, erst recht Billie Eilish oder Taylor Swift werden die Handlungsstränge ihrer Autobiografien völlig anders erzählen. Falls man das im Jahr 2049 überhaupt noch macht.

Zur Aufklärung historischer Missverständnisse sind solche Bücher allemal gut. So erzählt Elton John über die Beerdigung von Gianni Versace im Juli 1997. Danach ging ein Foto durch die Agenturen, auf dem sich Lady Diana tröstend zum weinenden John herunterbeugt. Nun stellt er klar: Die Ex-Prinzessin hatte sich lediglich nach einem Pfefferminzbonbon gebückt. Geschichte ist immer ein Konstrukt, da haben wirs wieder.

Erstellt: 07.01.2020, 13:54 Uhr

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