Der Absturz der Saubermänner

Vorwürfe wegen sexuellen Kontakten mit Minderjährigen gegen Ryan Adams zeigen: In der Popwelt ist es vorbei mit Selbstgerechtigkeit.

Er hat sich selber einen Strick gedreht: Gegen Popsänger Ryan Adams ermittelt das FBI.

Er hat sich selber einen Strick gedreht: Gegen Popsänger Ryan Adams ermittelt das FBI. Bild: Keystone

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Er konnte mit seinen Liedern Herzen brechen – sein erfolgreichstes Album aus dem Jahr 2000 heisst schliesslich «Heartbreaker». Aber Ryan Adams, einer der herausragenden Songwriter seiner Generation, konnte auch Hoffnungen, wenn nicht gar ganze Leben zerstören: nicht mit seinen Songs, sondern mutmasslich mit emotionalen Misshandlungen, Manipulationen und sexuellem Fehlverhalten. So berichtete es vergangene Woche die «New York Times».

Mindestens sieben Frauen sollen gemäss der Zeitung Opfer des heute 44-Jährigen gewesen sein: darunter Mandy Moore, Adams Ex-Frau, junge Musikerinnen wie Phoebe Bridgers oder eine Bassistin, die im Bericht Ava heisst. Nachdem Ryan Adams ihr dank seiner Machtposition Hilfe für die Karriere in Aussicht gestellt haben soll, sei er immer zudringlicher geworden. In einem Chat via Skype habe sich der damals 40-Jährige entblösst, Ava soll zu diesem Zeitpunkt minderjährig gewesen sein. Mittlerweile ermittelt das FBI.

Frauenhass, gehört das im Pop nicht dazu?

Die Musikindustrie hat es sich in Sachen #MeToo bislang arg bequem gemacht. Ja, sie konnte es auch, indem sie auf ihre Geschichte zurückgriff. Frauenhass und sexuelle Übergriffe? Gehören im Pop halt dazu. Man denke bloss an die Groupie-Kultur, die ein fester Bestandteil des ­Rock-’n’-Roll-Mythos ist, oder an die misogynen Ausfälligkeiten in zahllosen Raptexten. Und sowieso: Sind die Songs des Soulsuperstars R. Kelly, der seit Jahren unter Verdacht steht, Sex mit Minderjährigen gehabt zu haben (und dem nach einem neu aufgetauchten Video, das ihn beim Geschlechtsverkehr mit einem Teenager zeigen soll, nun eine Anklage droht), nicht immer noch zum Dahinschmelzen?

Sie habe in ihrer Ehe mit Adams unter seinem Kontrollwahn gelitten: Mandy Moore an den Emmys 2018. Foto: Keystone

Kurz: Genauer hinsehen mussten die Industrie und auch die Fans nicht; die grenzüberschreitenden, wüsten und perversen Aspekte müsse man in Kauf nehmen, da man sonst einen grossen Teil der Musikgeschichte, die voller ekliger Gestalten steckt, neu beurteilen müsste, wie es immer wieder heisst. Zumal man ja Leben und Werk sowieso nicht miteinander vermischen soll. Und das Geschäft, das weiterlaufen muss, darf man auch nicht vergessen.

Bislang konnte man immer auf die anderen zeigen

Der Fall von Ryan Adams ist insofern anders gelagert, als er nun ein Schlaglicht auf jene bislang unbescholtenen Kreise wirft, die sich lange Zeit als Gegenwelt zur machohaften Rockwelt behaupten konnten – weil sich ihre Vertreter immerzu resolut gegen Sexismus ausgesprochen haben. Es ist die Welt des Indie-Pop mit all den sensiblen Songs, gesungen von Männern, die sich gewöhnlich über alle moralischen Zweifel erhaben geben.

Man wusste ja, dass diese Makellosigkeit eine Illusion ist, nicht erst als der Begriff Indie spätestens in den Nullerjahren selber zu einem kommerziellen Faktor wurde. Aber die Musiker, die letztes Jahr wegen sexuellen Fehlverhaltens aufgeflogen sind – Matt Mondanile von der Band Real Estate oder der Sänger der aufstrebenden englischen Gruppe Hookworms, die dann gleich aufgelöst wurde­ –, waren zwar keine Randnotizen, aber doch allzu peripher, als dass es für Schlagzeilen abseits der Musikpresse gereicht hätte.

Aber nun könnte endlich etwas geschehen, und die Selbstgerechtigkeit, mit der viele aus dem Indie-Bereich bislang auf die anderen zeigen konnten – die Rapper! die Rocker! –, hätte ein Ende. Denn dieser ach so gute Teil der Popwelt wird nun entzaubert von Musikerinnen, die auf Twitter schreiben, dass das, was über Ryan Adams – diesen «mittelmässigen Perversling», wie es in einem Tweet heisst – berichtet wird, auch über viele andere Exponenten der Musikindustrie geschrieben werden könnte.

Da passt es ins Bild, wenn die Musikjournalistin Laura Snapes im «Guardian» noch einmal an jene Episode erinnert, als sie vom Singer-Songwriter Mark Kozelek von der Bühne aus als «Bitch» abgekanzelt wurde, die ihn doch nur «ficken» wolle. Dabei hatte sie beim Musiker nur eine Interviewanfrage deponiert.

Meist sind die Ausfälligkeiten natürlich weniger drastisch als bei einem Sänger wie Mark Kozelek, dessen Skandale gern mit dem Genieverweis relativiert werden. Vielmehr geht es meist um eine Männlichkeit, die nicht kraftstrotzend, sondern weich und liebenswürdig erscheint. Die sich so oft getrieben gibt vom schweren Leben – von den Drogen, den Depressionen –, das in ihrer Kunst Spuren und damit auch Bedeutung und Grösse hinterlässt.

Es ist eine Männlichkeit, die Sehnsüchte nach dem Authentischen befriedigt und Zuspruch findet, auch gerade bei Musikjournalisten, die jene Singer-Songwriter selbst dann noch verteidigen, wenn es wie im Fall von Ryan Adams aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mehr zu verteidigen gibt.

Ein neues, weibliches Gesicht für den Indie-Rock

Es hilft den Musikern auch, dass die Musikindustrie wie so viele andere Kulturbereiche weiterhin ein Boys-Club ist. Egal, ob in den Studios mit all den Starproduzenten, bei den Booking-Agenturen, in den Clubs und bei den Labels: Fast überall sind Musikerinnen – natürlich auch hierzulande – auf die Gunst von Männern angewiesen, die Karrieren fördern, aber auch sabotieren können, zumal dann, wenn man nicht mit allen Entscheidungsträgern Sex haben will. Da kann an Galas wie den diesjährigen Grammys zwar das Bild vermittelt werden, dass nun Frauen die Popwelt regieren: Es stimmt halt doch nicht.

Immerhin: Im vergangenen Jahr betrat eine Generation an Singer-Songwriterinnen die Bühnen, die dem Indie-Rock ein neues Gesicht geben. Es sind Musikerinnen wie Julien Baker, Lucy Dacus oder Phoebe Bridgers, die sich nun gegen Adams stellte. Gemeinsam gründeten die drei Frauen die Band mit dem nunmehr sarkastisch wirkenden Namen Boygenius. Fast so, als wollten sie sich über den männlichen Geniekult lustig machen, der Phoebe Bridgers beinahe die Karriere gekostet hat.

Bridgers ist also nicht untergegangen. Nicht so wie Ava. In einer SMS soll Ryan Adams der damals Minderjährigen über sein Verhalten geschrieben haben: «Wenn die Leute das wüssten, würden sie sagen, ich sei wie R. Kelly.» Es wirkt wie ein besonders makabrer Witz angesichts der Schwere der Vorwürfe, die dem Soulsänger Kelly angelastet werden. Ava hat ihre Bassgitarre seither nie wieder angerührt.

Erstellt: 20.02.2019, 14:36 Uhr

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