Die schlimmsten zwei Minuten der Weltmusikgeschichte

Bestsellerautor Frank Schätzing («Der Schwarm») hat ein Album aufgenommen. Ein fürchterliches Werk.

Erfolgsautor Frank Schätzing macht jetzt auch Musik. Foto: EPA

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Der Mann ist absolut angstfrei, ja mehr als das: Frank Schätzing (62), der sich vor 15 Jahren eine fast 900 Seiten umfassende, einerseits abstruse, andererseits aber gerade deshalb geniale, nämlich das Tollkühne mitreissend plausibel machende Irrwitzgeschichte namens «Der Schwarm» ausgedacht und damit einen globalen Bestsellerlisten-Tsunami losgetreten hat, dieser Mann ist ein Wunder der Selbsterkühnung. Ein Titan der Was-soll-schon-passieren-Haltung. Man muss ihn bewundern.

Da tut einer nicht, was er muss, soll, kann oder darf – sondern was er will, was er liebt. Liebe ist daher ein Mittel, um dem Autor Schätzing auch als Musiker zu begegnen. Andernfalls müsste man sagen, dass Schätzings delirierend furchtloses Musikdebüt, ein Album namens «Taxi Galaxi», auf grandiose Weise die bislang schlimmsten zwei Minuten der Weltmusikgeschichte um weitere 15 nervenaufreibende Songs in eine andere Dimension katapultiert.

«Ziele nach dem Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, wirst du zwischen den Sternen landen.»Friedrich Nietzsche

Angstfrei – wann war man das selbst zuletzt? Genau, als 14-jähriger Gitarrist der einzigartigen Band Unkraut. Bei jenem legendären Konzert in einem niederbayerischen Kolpinghaus vor Jahrzehnten hatte man sich ein zweiminütig ewiges Blues-Solo vorgenommen. Etwas Kühnes, Magisches und Inspiriertes. Man hatte unbedingt jenen unbeschreiblichen Mumm der Fantastik, der einst maximal 14-Jährigen vorbehalten war (bis Schätzing): sich nämlich mitten auf der Bühne des Lebens ein Wunder zuzutrauen. Später traut man sich so etwas nicht mehr. Das ist ein grosser Fehler. Man sollte sich immer alles zutrauen. Mindestens Sternstunden. Jedenfalls: Die sonstigen Mitglieder der Band waren vom Brennnesseltee meistens high. Sie schritten nicht ein. Und Gott war tot oder taub. Aber hey, was soll schon passieren? Der gottlose Nietzsche sagt: «Ziele nach dem Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, wirst du zwischen den Sternen landen.»

Das Album ist die ultimative Hommage an das Dasein als Amateur Nach dem Konzert sagte einem die eigene Mutter (!), das zweiminütige Solo gehöre nicht zu den Sternstunden, sondern zu den grausamsten zwei Minuten der Musikgeschichte. Womit man wieder bei der Popscham und Schätzing landet. Seine Musik ist auf eine faszinierende Weise so unterirdisch, dass sie auch seltsam erhaben ist.

Da traut sicher einer was. Baut sich, wie er einem mal in Köln in einem Gespräch erzählt hat, in dem es eher um das Musikmachenwollen als um das Bestsellerschreibensollen gegangen ist, als gefühlt 14-Jähriger mit dem Geld und dem Urvertrauen aus seinen Erfolgen als deutscher Dan Brown ein eigenes Tonstudio. Singt und gitarrisiert, übernimmt Bass, Tasten und Kalimba. Textet, arrangiert und produziert. Und huldigt, ja zerliebt, zersongt und zersägt seine wahre grosse Jugendliebe. Das ist/sind: David Bowie und die Achtzigerjahre. Weil Schätzing auch der deutsche David Bowie ist. Und dann leider auch ein bisschen wie Gazebo klingt, der Mezzoforte gut findet.

David Bowie als musikalisches Leitgestirn

«Taxi Galaxi» ist ein Vintage-Hearalike liebender Sehnsucht und abenteuerlicher Selbstermächtigung. Zwischen den Songs «Modern Entertainment» oder «Perfect Illusion» taucht immer wieder David Bowie als musikalisches Leitgestirn auf. Mit sinfonischer Allgewalt und jener höheren Komplexität, die bei Bowie in den besten Fällen einfach simpel erscheint (wie heisst es in der vollendeten Metheny-Bowie-Fusion von «This Is Not America» so entwaffnend? «sha la la la la»). Doch bei Schätzing ist das Komplexe eben: komplex. Hier noch ein Saxofonseufzer, da noch ein paar Synthiegirlanden. Und zu alldem ein Schätzing als Sänger, wie er versucht, aus dem Bowie auf Trip einen Bowie am Rhein zu machen.

Was auch dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass Schätzing bei der Produktion dieser galaktischen Vieldeutigkeit eines Albums, das mit einem kosmisch umwolkten Major Tom perfekt illustriert ist, hervorragende Amtshilfe hatte: vom langjährigen Bowie-Pianisten Mike Garson. Auch Tony Levin war dabei, Bassist für King Crimson und Peter Gabriel und jetzt eben Pate der Taxifahrt durch die Galaxie des Retro-Pops, die sich auf einem kolossal überinszenierten Soundteppich ereignet, wo das Vibrato den Hall und der Hall das Echo jagt. Es ist, als wollte Schätzing sagen: «Wollt ihr mal hören, was mein Studio so alles draufhat?» Schätzings Album ist aber nicht nur eine Variante der (doch: professionell gemachten) Sonntagspopkunst. Es ist eigentlich die Hymne des Amateurdaseins. Liebhaberei ist vor allem Liebe.

Auf fremdem Terrain furchtlos

Frank Schätzing macht also das möglicherweise schlechteste Popalbum der letzten einhundert Jahre, nicht weil ers kann, sondern weil ers liebt. Dabei lässt er eine Artpop-Glamrock-Verirrung von einzigartiger Entschlossenheit entstehen. Der Literat Schätzing ist auch auf fremdem Terrain furchtlos. Es macht ihm nichts aus, in der popkulturellen Galaxie der Denkbarkeiten auf die Knie gezwungen zu werden. Auf die Knie seines liebenden Herzens einerseits. Auf jene der musikalischen Möglichkeiten andererseits.

Das Album ist entsetzlich. Aber auch eine gewaltige, galaktische Liebeserklärung an all das, was man sich mal alles so zugetraut hat. Es ist insofern hinreissend. Daran glauben – das ist die Botschaft. Und wenn nicht ein Apfelbäumchen, so doch «Taxi Galaxi» in die Welt setzen. Man muss sich Frank Schätzing als mutigen und gläubigen Mann vorstellen. Den Mond verfehlt er sowieso, doch er landet immer in den Sternen. Und jetzt, wo er endlich Popstar ist, könnte er doch mal wieder was Überraschendes schreiben. Hey, was soll schon passieren.

Frank Schätzing, «Taxi Galaxi» (Sony)

Erstellt: 09.10.2019, 06:13 Uhr

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