Was singen wir da, mit der Hand auf der Brust?

Am 1. August ertönt er wieder, der Schweizerpsalm. Wir haben die Nationalhymne analysiert – und mit anderen Ländern verglichen.

Für Gott und Vaterland: Der damalige Bundesrat Didier Burkhalter singt die Nationalhymne mit seiner Frau Fridrun Sabine und Sänger Bastian Baker am 1. August 2017. Foto: Keystone

Für Gott und Vaterland: Der damalige Bundesrat Didier Burkhalter singt die Nationalhymne mit seiner Frau Fridrun Sabine und Sänger Bastian Baker am 1. August 2017. Foto: Keystone Bild: mbb

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Trittst im Morgenrot daher,
Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!

Die einen stehen sofort stramm. Sie stimmen aus voller Kehle ein, wenn die Nationalhymne gespielt wird. Die anderen mögen sich nicht erheben. Und sie bringen kein Wort über die Lippen. Vielleicht, weil sie nicht mal die erste der vier Strophen der Schweizer Landeshymne auswendig können. Oder aber, weil sie sich am Text stören, der ihnen zu religiös und zu pathetisch ist. Manche von ihnen verlangen nach einer neuen Hymne – mit einem aktuellen, kritischen Text statt der Lobhudelei aus längst vergangenen Zeiten.

Womit sie vielleicht nicht ganz unrecht haben. Der Dichter Leonhard Widmer hat die Vorlage zum aktuellen Text vor nunmehr 179 Jahren verfasst – in der turbulenten Zeit vor der Gründung des Bundesstaates, als sich Liberale und Radikale, Reformierte und Katholiken ihre Scharmützel lieferten. Alberich Zwyssig, Mönch, Kapellmeister und im Unterschied zu Widmer kein Liberaler, hinterlegte den Zeilen seine Musik, die er einige Jahre zuvor für eine Pfarrinstallationsfeier in der Dorfkirche Wettingen komponiert hatte.

Der Schweizerpsalm erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Er wurde oft bei patriotischen Feiern gesungen. Genau wie auch das Lied «Rufst du, mein Vaterland», das zur Melodie der britischen Königshymne angestimmt wird. Der Bundesrat zierte sich im langen Hin und Her zwischen diesen Liedern. Erst anno 1961 machte die Landesregierung den Schweizerpsalm – vorerst für drei Jahre – zur provisorischen Nationalhymne.

Hauptthemen der internationalen Nationalhymnen sind das Land, die Freiheit und Gott.

Die Hauptargumente: Die britische Melodie von «Rufst du, mein Vaterland» habe bei internationalen Veranstaltungen für Verwirrung gesorgt; der Schweizerpsalm hingegen sei ganz schweizerisch. Und: Im Gegensatz zu «Rufst du, mein Vaterland» verherrliche dieser keine Gewalttaten. Die Hymne wurde von einigen Kantonen anerkannt, andere sträubten sich anfänglich dagegen. 1981 erklärte der Bundesrat den Schweizerpsalm schliesslich für diplomatische und militärische Anlässe zur offiziellen Nationalhymne.

Mittlerweile sei der Schweizerpsalm arg in die Jahre gekommen, finden Kritiker. Seit Jahrzehnten schon gibt es Initiativen, die eine neue Hymne oder zumindest einen neuen Text suchen. Nichtsdestotrotz: Im internationalen Vergleich steht die Schweiz mit ihrer Hymne gut da. Das merkt rasch, wer sich die Liedtexte der internationalen Nationalhymnen in Übersetzungen zu Gemüte führt. Die meisten der Texte stammen ganz offensichtlich aus der turbulenten Zeit vor der Gründung des betreffenden Staates. Bei einigen davon handelt es sich um Kriegslieder.

Wortflagge USA. Die am häufigsten genannten Begriffe wurden herausgelesen und in Form der US-Nationalflagge dargestellt.

Das wohl bekannteste ist der «Star-Spangled Banner»: In den Vereinigten Staaten von Amerika besingt man das grelle, rote Licht der Raketen und die berstenden Bomben. Und in der dritten Strophe: «Ihr Blut hat schon die Verunreinigung ihrer stinkenden Fussstapfen ausgewaschen, keine Zuflucht konnte die Söldlinge und Sklaven vor dem Schrecken der Flucht oder dem Dunkel des Grabes retten.»

Die Wortflagge von Frankreich.

In einigen unserer Nachbarländer geht es nicht minder martialisch zu. «Unreines Blut», schmettern die Franzosen in der aufpeitschenden, eingängigen Marseillaise, «unreines Blut, tränke unsere Furchen! Zu den Waffen, Bürger, formiert eure Truppen, marschieren wir, marschieren wir! Unreines Blut, tränke unsere Furchen!» Die Italiener wiederum wettern gegen die Söldner und ganz konkret gegen Österreich. Im Refrain machen sie mobil: «Lasst uns die Reihen schliessen, wir sind bereit zum Tod. Italien hat gerufen.»

Die Wortflagge von Afghanistan.

Kriegsrhetorik braucht man in den Hymnentexten nicht lange zu suchen. In alphabetischer Reihenfolge: Afghanistan beschreibt sich zweischneidig als «Land des Friedens, das Land des Schwerts». In Ägypten singt man: «Mein Ziel ist die Abwehr der Gegner». Die Albaner singen ein Kriegslied: «Vom Kampfe entfernt sich nur der, der als Verräter geboren ist. Wer ein Mann ist, der ist ohne Furcht, und wenn er stirbt, dann wie ein Held. Wir werden die Waffen erheben, um allerorts das Vaterland zu verteidigen.»

In Algerien wiederum wird detailliert der Freiheitskampf gegen die Franzosen besungen: «So nahmen wir die Trommel des Schiesspulvers als unseren Rhythmus und den Klang von Maschinengewehren als unsere Melodie. Und wir beschlossen, dass Algerien leben soll. So sollt ihr bezeugen.» Von A bis Z gehts in ähnlichen Tönen weiter.

Eine Auszählung der Wörter in den vereinigten Hymnentexten lässt tief blicken: Ganz zuoberst in der Hitparade steht erwartungsgemäss das Wort Land. Dann folgt Gott. Und hinter ihm kommen Freiheit, Vaterland, Heimat, Volk, Nation und Ruhm. Ganz weit oben in der Hitparade sind auch Flagge, Blut und Ehre zu finden.

Immerhin sind unter den meist genannten Wörtern auch einige friedfertig stimmende Begriffe zu finden: Liebe etwa auf dem Rang 12, etwas weiter hinten folgt der Friede, die Sonne, das Herz, die Einheit und das Glück. Bis man aber bei Begriffen wie Gerechtigkeit oder Brüderlichkeit landet, muss man lange suchen.

Ein aussergewöhnlicher Walzer

Die Schweizer hissen eine quadratische Flagge – als Einzige neben dem Vatikanstaat. Und auch bei der Hymne ticken wir etwas anders als die Mehrheit, wie unsere automatisierte Analyse von 195 Hymnen anhand von Tondateien zeigt. Die meisten davon sind in geraden Taktarten geschrieben, normalerweise in vier Vierteln, also verkappte Märsche.

Nur rund 5 Prozent der Länder haben eine Hymne im Dreivierteltakt. Die Schweiz ist eines davon, die USA und Grossbritannien zwei andere. Und richtig geraten: Auch die Österreicher sind im Walzertakt unterwegs. Der Schweizer Dreivierteltakt wird teilweise etwas ungewöhnlich betont. Vermutlich sollte die Melodie, die für einen Gottesdienst komponiert worden war, nicht zum Tanzen einladen.

Auffallend ist: Bei den Hymnen dominieren die Dur-Tonarten. Bloss ein gutes Dutzend der Stücke sind vorwiegend im melancholischen Moll gehalten. Darunter sind vorab solche aus Südosteuropa und Nordwestafrika.

Der Schweizerpsalm war ursprünglich in Es-Dur geschrieben. In dieser Tonart ist die offizielle Version des Bundes für die Militärspiele gesetzt. Doch oft wird er nach B-Dur transponiert, da diese Tonart für gemischte Chöre besser singbar ist. Oder er wird sogar in G-Dur angestimmt. Die Partituren des neuen Schweizer Hymnentextes etwa sind in dieser Tonart notiert.

Die drei Tonarten G-, F- und B-Dur, die bei den analysierten Tondokumenten am häufigsten eingesetzt werden, gelten als einfach spielbar. Die Analyse der Takt- und Tonarten lässt vermuten: Die meisten Werke sind weitaus stärker von der westlichen Blas- und Militärmusiktradition beeinflusst als von der lokalen Musiktradition.

Apropos: Der deutsche Musikwissenschaftler Daniel Müllensiefen und sein US-Kollege Alisun Pawley haben vor einigen Jahren den Schwierigkeitsgrad von sechs Nationalhymnen untersucht. Dabei berücksichtigten sie 30 Kategorien: die Länge der Strophen ebenso wie den Wortschatz sowie die Melodie. Besonders einfach ist demnach die schmissige «Marseillaise». Die deutsche Hymne landete nach der australischen auf Platz drei. Anspruchsvoller ist der «Star-Spangled Banner» der USA und schliesslich die schottische Hymne «Flower of Scotland». Die Schweizer Hymne wurde nicht untersucht.

Hymne der NiederlandeDie Wortflagge der Niederlande.

Die Schweizer Landeshymne überzeugt musikalisch mit einer gängigen, gut zu ihr passenden Tonart, während der Dreivierteltakt sie zu einem Sonderfall macht. Auch der Text passt: Mit seinen vier Strophen ist er nicht annähernd so ausufernd wie das Ausgangsgedicht der Griechen, das 158 Vierzeiler zählt, von denen aber glücklicherweise nur zwei gesungen werden. Aber er ist auch nicht so spartanisch wie die lediglich aus vier Versen bestehenden Hymnen von Japan und Jordanien.

Sie ist alt, aber nicht so antiquiert wie die Urversion des japanischen Vierzeilers, der im Jahr 905 nach Christus veröffentlicht wurde, oder wie die Verse der Niederländer aus dem 16. Jahrhundert.

Die Wortflagge der Schweiz.

Im Schweizerpsalm gibt es statt Blut Abendglühn, statt Krisen einen Nebelflor, statt Kriegsgetümmel lediglich einen wilden Sturm. Einzig die vierte Strophe in der von Charles Chatelanat relativ frei übersetzten französischen Version hat einen etwas anderen Charakter. Die Deutschschweizer singen: «In Gewitternacht und Grauen lasst uns kindlich ihm vertrauen». Bei den Romands hingegen heisst es in derselben Strophe: «Leg Deine Habe, Dein Herz und Dein Leben auf den Altar des Vaterlands!»

Doch abgesehen davon ist unser Text sehr friedliebend. Er ist einer der wenigen Pazifisten in der Reihe der internationalen Hymnentexte. Allein deshalb singen wir ein Loblied auf den Schweizerpsalm.

Erstellt: 30.07.2019, 16:36 Uhr

Datenanalyse

So wurden die Daten aufbereitet und ausgewertet.

Für die Wortzählungen wurden die deutschen Übersetzungen der internationalen Hymnen aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia extrahiert. In rund einem Dutzend Fällen war lediglich der Originaltext oder eine englische Übersetzung verfügbar. Diese Hymnen wurden mit Deepl oder Googles Übersetzungsservice ins Deutsche übersetzt. Ignoriert wurden die Hymnen von Spanien und San Marino, da es sich dabei um Instrumentalstücke ohne Text handelt.

Für die Musikanalyse wurden Musikdaten der Hymnen im Midi-Format zusammengetragen. Hauptquelle ist eine Sammlung auf der Online-Plattform Kaggle. Einige Dateien stammen auch aus den Sammlungen von Hamienet und Weltzeituhr.
Ausgewertet wurden die Midi-Dateien mit einem Skript in der Programmiersprache Python mit der Bibliothek Music21. Beratung bei der Musikanalyse: Stefan Münnich von der Universität Basel.

Der Code der Text- und Musikanalyse ist auf Github zu finden.

Ein Lied geht um die Welt

Die Nationalhymne von Lesotho stammt aus Basel.

Eine ganz besondere Geschichte hat die Hymne des Königreichs Lesotho, eine Enklave in Südafrika: Die Melodie geht auf den deutsch-schweizerischen Komponisten Ferdinand Samuel Laur zurück. Komponiert wurde sie in Basel. Ein französischer Missionar brachte sie dann, ergänzt durch einen eigenen Text, ins südliche Afrika, wo sie zu einer Art Volkslied wurde. Ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung von 1966 wurde das Lied zur Nationalhymne. Das am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Basel entstandene
und im Christoph Merian Verlag erschienene Buch «Unser Land?» zeichnet die
Geschichte von Lesothos schweizerischer Nationalhymne nach.

«Die Tonfolge von Ferdinand Samuel Laur zeichnet sich durch ihre Einfachheit und Eingängigkeit aus», sagt Mitautor Andreas Baumgartner. Damit eigne sie sich gut als Hymnenmelodie. «Verblüffend ist aber, dass diese Melodie ihre Wirkung sowohl in gemessenem Tempo wie auch in rascher Ausführung entfalten kann: entweder als choralartig getragener, feierlicher Lobgesang oder aber als marschartig-kämpferisches, revolutionär exaltiertes Lied.»

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