«Ich bin ein jüdisch-israelischer Kanake»

Der Berliner Rapper Ben Salomo erzählt, wie er Antisemitismus erlebt und wie er den Weg aus der Kriminalität gefunden hat. Er sagt: «Ich wollte kein Opfer sein, ich wollte Respekt.»

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Herr Salomo, Sie sind ein erfolgreicher deutscher Rapper. Doch Ihren Youtube-Kanal gibt es nicht mehr – was ist passiert?
Ich habe mich aus dem Kanal zurückgezogen, nachdem ich jahrelang antisemitische Erfahrungen gemacht hatte. Obwohl ich Songs geschrieben habe wie «Es gibt nur einen» oder «Kennst du das», das waren ja brückenbauende Lieder über alle Religionen und mein Leben als israelischer Migrant unter Migranten. Und was habe ich für Reaktionen erhalten? «Ey, das ist uns zu jüdisch.» Oder: «Was will der Jude hier?»

Was haben Sie noch als Jude in Deutschland erlebt?
Leider viel Antisemitismus. Da muss man sich nicht mal als Jude zu erkennen geben. Du fährst U-Bahn, und ein paar Jugendliche beleidigen dich als «Jude». Und sobald die anderen wissen, dass man Jude ist, kommen sofort die Anspielungen. Auf einer Party wurde ich von ein paar türkischen Jungs gefragt, was die jüdische Nationalhymne sei. Ich dachte mir, es gibt doch nur die israelische, da hielten sie mir ein Gasfeuerzeug unter die Nase, drückten aufs Gas und sagten: Das ist deine Hymne. Als ich Musiker war und mich Ben Salomo nannte, sprach man mich im Backstage-Bereich an, als sei ich Aussenminister von Israel. Als Jude und Israeli bist du in Deutschland immer ein Exot.

Haben Sie auch Gewalt erfahren?
Ja, seit der Schulzeit, immer wieder. Eines der prägendsten Erlebnisse hatte ich mit meinem Nachbarn. Eigentlich war er mein Freund, aber irgendwann wurde er Salafist. Er riss in unserer Strasse in Schöneberg die Stolpersteine aus dem Boden, und als ich ihn darauf ansprach, gab er mir eine Riesenbackpfeife vor meinen Kumpels. Und was noch schlimmer war: Niemand hat reagiert, alle haben sich weggeduckt.

Sie sind mit Ihren Eltern aus Israel nach Deutschland gezogen, um der Familie Ihrer Mutter nahe zu sein. Wie war es, Anfang der Achtzigerjahre, als jüdisches Kind in Berlin?
Ich erinnere mich noch gut, dass vor dem jüdischen Kindergarten ein Polizist stand, und meine Eltern sagten, es gebe Menschen, die mögen keine Juden, deshalb brauchen wir einen Polizisten vor der Kita. Als ich elf, zwölf war, hatte ich auf dem Hof einen Freund, der war Palästinenser. Wir spielten Murmeln, fuhren Rad. Irgendwann fragte er mich, woher ich komme, ich sagte: Ich bin Jude und Israeli. Am nächsten Tag kam er mit seinen Cousins und älteren Freunden an und attackierte mich. Da war mir klar, dass der Satz meiner Eltern «Manche Leute mögen Juden nicht» real war.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich war mit dem Thema eher alleine. Ich hatte zwar noch andere jüdische Freunde, aber die sahen nicht südländisch aus wie ich. Viele waren Russen und hatten dieses Mimikry-Verhalten, sich anzupassen, um den Anfeindungen zu entgehen. Die sagten: Ich bin kein Jude, ich bin Russe. Aber das gefiel mir nicht, ich war rebellisch. Ich wollte kein Opfer sein, ich wollte Respekt.

«Wir hatten kein Gefühl für den Rechtsstaat. Wenn man in so einem Milieu unterwegs ist, empfindet man sich nicht als kriminell.»Ben Salomo, Rapper

In Ihrer Autobiografie «Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens» beschreiben Sie, wie Sie als Jugendlicher mit Ihren Freunden an kriminellen Delikten beteiligt waren. War das ein Versuch, akzeptiert zu werden?
Ja, auch. Es gibt ja dieses Phänomen, vom Opfer zum Täter zu werden. Ich lebte damals in einem Wertevakuum. Mein Zuhause war eine familiäre Ruine, meine Eltern liessen sich scheiden. Es gab einen Rosenkrieg, meine Mutter musste arbeiten, um das Geld zu verdienen, mein Vater hämmerte nachts wie verrückt an unserer Wohnungstür. Da chillte ich lieber mit meinen Homies auf der Strasse. In Berlin gab es in den Achtziger- und Neunzigerjahren viele Jugendgangs, das waren regelrechte Territorialkämpfe, es herrschte eine Mentalität des Fressens und Gefressenwerdens.

Was meinen Sie damit?
Wir hatten kein Gefühl für den Rechtsstaat. Wenn man in so einem Milieu unterwegs ist, empfindet man sich nicht als kriminell. Die Polizei wurde als Unterdrücker wahrgenommen. Mir selbst ist einiges passiert, aber ich hätte mich als Petze oder sogar Verräter gefühlt, wenn ich zur Polizei gegangen wäre.

Was genau haben Sie angestellt?
Wir haben Geld, Jacken, Ketten, Pullis und Gras von anderen Jugendlichen abgezogen. Wir haben immer nach Opfern geguckt, die nach Kiffern aussahen, weil wir wussten, die gehen nicht zur Polizei. Dann haben wir die Beute aufgeteilt. Unsere psychologische Kriegsführung war der Kanaken-Slang, da haben die Leute gleich Angst bekommen.

Sie bezeichnen sich als Kanake?
Klar, ich bin ein jüdisch-israelischer Kanake. In Deutschland war und bin ich ein Ausländer, tiefschwarze Haare, dunkle Augen, Teil der Migrantengesellschaft. Das ist ja das Irre: Ich unterscheide mich gar nicht so sehr von denen, die mich hassen. Ich habe mal einen Song mit dem Titel «Yahudi» geschrieben, der geht so: «Deutsche nennen mich Kanake, Kanaken nennen mich Yahudi, als Israeli habe ich nur Beef».

Sie waren kurz davor, ins kriminelle Milieu abzurutschen. War Rappen eine Art Befreiung?
Ja, denn bei dieser Musik geht es um Werte. Hip-Hop im ursprünglich Sinn ist nicht rassistisch oder antisemitisch, im Gegenteil: Jeder kann sein, was er will. Und als Rapper brauchst du nichts, nur ein Blatt Papier, einen Bleistift, ein paar Reime. Ich konnte mit wenigen Mitteln aus etwas Negativem etwas Positives machen. Deshalb habe ich zum Entsetzen meiner Eltern meine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgebrochen. Ich wollte nur noch rappen.

Ende der Neunzigerjahre standen Sie mit Rappern wie Sido oder Frauenarzt auf der Bühne. Was war das für eine Szene?
Das war eine interessante Zeit, auch als die Berliner Migrantenkids den Rap für sich entdeckten und eine Fanbase bekamen, der Urschleim des heutigen Deutsch-Rap. Aber es gab schon bald Leute wie Deso Dogg, der später als Kämpfer des IS nach Syrien ging. Der zog bei einem Auftritt erst mal eine Hisbollah-Fahne aus der Tasche und bekam vom Publikum frenetischen Applaus. Das war beängstigend. Rapper reflektieren, was in ihrer Community läuft. Und in vielen Communitys ist der Hass auf Israel und Juden ein Thema, und die Rapper begreifen sich als Sprachrohr dieser Community.

«Der Blick auf Juden ist immer von Extremen bestimmt.»Ben Salomo, Rapper

Haben Sie deswegen Ihre Show «Rap am Mittwoch» aufgegeben, bei der sich die wichtigsten Deutsch-Rapper trafen?
Ja, denn man hat mich als Fremdkörper dieser Kultur diffamiert, die ich jahrelang positiv mitgestaltet hatte. In den sozialen Netzwerken wurden die Leute aufgestachelt, mich zu boykottieren. Ich bin ein emotionaler Mensch und stecke die Dinge nicht so professionell weg wie jemand, der in der Pathologie arbeitet, den Körper eines Unfallopfers untersucht, und am Abend mit seinen Kindern spielt, als wäre nichts gewesen.

Gerade ist der Fall des Rappers Bushido in den Schlagzeilen. Weil er sich vom Oberhaupt einer arabischen Grossfamilie lossagte, steht er unter Polizeischutz. Was haben Sie von den Beziehungen zwischen Rappern und kriminellen Clans mitbekommen?
Das geht schon seit vielen Jahren so. Rapper, die eine Gangsterattitüde nach aussen tragen und von Waffen, Drogen und Gewalt sprechen, provozieren Leute, die wirklich mit Prostitution, Drogen und Waffen zu tun haben. Es gab Schlägereien, die Leute brauchten Schutz, den sie von Strassengangs, Rockergangs oder arabischen Grossfamilien bekamen. Die Gangsterrap-Szene ist unterwandert von Clan- und Rockerkriminalität, die Rapper zeigen sich mit bestimmten Leuten in ihren Videos. Bei Bushido sieht man jetzt, wie so eine Allianz enden kann.

Mussten Sie selbst auch Schutzgeld zahlen?
Um Gottes willen! Meine Sicherheit hole ich mir nicht von Kriminellen, sondern von Sicherheitsunternehmen, die bei Problemen die Polizei rufen. So konnte ich acht Jahre lang friedlich und frei meine Show machen. Wenn die Clans an einer Location die Security stellen, kommen auch Drogen in den Club, und man wird erpressbar.

«Früher hat sich niemand dafür interessiert, ob wir Araber, Türken oder Juden waren», schreiben Sie in Ihrem Buch. Was hat sich geändert?
Ich habe mal einen Freestyle-Workshop an einer Schule gegeben. Da waren zwei arabische Kids, super talentiert. Plötzlich kamen die nicht mehr. Nach ein paar Wochen traf ich sie wieder und sie erzählten mir, sie dürften nicht mehr kommen, «weil du Jude bist». Die waren todtraurig und ich auch. Dagegen kämpfe ich jetzt, ich will solche Haltungen nicht akzeptieren. Meine Mutter hat mal gesagt: Es gibt Kinder mit solchen Augen und mit solcher Hautfarbe, aber alle Kinder sind gute Kinder, und mit allen darfst du spielen. Das ist mein Fundament, um mit Menschen umzugehen.

Sie rappen: «Ich fühl mich eingekesselt, weil der Faschismus um sich greift.» Erreicht man damit die Jugendlichen?
Hoffentlich. Ich versuche, dem Judenhass mit Fakten entgegenzutreten, aber oft ist alles, was man zu hören bekommt, wieder eine Verschwörungstheorie. Auch nach diesem Interview werden viele sagen: Ben Salomo hat die jüdische Lobby hinter sich und die Medien in der Hand. Ist der Jude reich, ist er ein Ausbeuter, ist der Jude arm, ist er ein Schmarotzer. Für einen Judenhasser ist allein die Tatsache, dass ein Jude existiert, ein Problem.

«Die sozialen Netzwerke sind ein Raum geworden, in dem Leute ihre Fratze zeigen, und je mehr dort rausgelassen und Zustimmung erhalten wird, desto mehr trauen sich die Leute in der realen Welt.» Ben Salomo, Rapper

Wer sind die typischen Judenhasser in Deutschland?
Judenhasser gibt es überall, in der Mitte der Gesellschaft, am rechten und am linken Rand, mit und ohne Migrationshintergrund. Ich wurde auch schon von Leuten, die sich als Intellektuelle begreifen, gefragt, ob es stimme, dass Juden hier keine Steuern zahlen wegen dem Holocaust.

Leben Sie Ihr Judentum?
Seit meine Frau konvertiert ist, ist unser Alltag traditioneller geprägt. Wir feiern den Schabbat, zünden die Kerzen an. Ich liebe das am Schabbat, dass man mit der Familie zusammensitzt und einen Rückzugsort vom Stress da draussen hat.

Würden Sie sich als religiös bezeichnen?
An Gott habe ich immer schon geglaubt, aber die jüdischen Traditionen waren kein Teil meines Alltags. Ich wurde natürlich beschnitten und hatte meine Bar Mitzwa, aber in meiner Familie wurden nur die grossen Feste wie Pessach und Rosch Haschana gefeiert. Inzwischen gehe ich gerne mal morgens, nachdem ich meine Tochter zur Kita gebracht habe, zur Synagoge, lege für fünfzehn Minuten Teffilin an, die Gebetsriemen. Das gibt mir Zuversicht und lässt mich runterkommen. Andere gehen zum Yoga, ich bete.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte hat kürzlich Juden in zwölf europäischen Ländern zu ihrem Alltag gefragt. 38 Prozent der Befragten fühlen sich vom Antisemitismus dermassen bedroht, dass sie über das Auswandern nachdenken.
Wir reden in unserer Familie auch darüber. Die meisten jüdischen Leute wollen zwar hier leben, denn in Israel herrscht eine andere Mentalität, nicht jeder ist dafür geschaffen. Aber wenn jüdische Kids an Schulen gemobbt werden, wenn hier bei Demos israelische Fahnen verbrannt oder Rabbiner angegriffen werden – dann wird Deutschland in fünf bis zehn Jahren einen jüdischen Exodus erleben.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sagt, es sei fünf Minuten vor zwölf. In den sozialen Medien herrsche bereits eine regelrechte «Pogromstimmung».
Die sozialen Netzwerke sind ein Raum geworden, in dem Leute ihre Fratze zeigen, und je mehr dort rausgelassen und Zustimmung erhalten wird, desto mehr trauen sich die Leute in der realen Welt. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen. Hinter dem Judenhass steckt eine brandgefährliche Ideologie. Weil man Sozialneid erzeugt, wenn man sagt, Juden sind reich, regieren die Welt, beherrschen die Medien, damit kann man mobilisieren. Der Blick auf Juden ist immer von Extremen bestimmt: Entweder werden sie als Opfer im Dritten Reich gesehen oder als angebliche Täter im Nahostkonflikt. Der ganz normale jüdische Mensch, der an Krebs erkrankt ist oder als Taxifahrer arbeitet, der existiert gar nicht.

Warum müssen eigentlich immer Juden Antisemitismus und Israelhass zum Thema machen?
Weil die Mehrheitsgesellschaft leider nicht aufsteht. Ich bin ein Jude aus dem Maschinenraum. Ich weiss, wie die Kessel dort brodeln, da pfeift es schon aus allen Ventilen. Immerhin kriegt das jetzt auch die Mehrheitsgesellschaft auf dem Promenadendeck mit. In meinem neuen Musikvideo ist ein Barhocker zu sehen, auf den ich mich setze und von dem ich wieder aufstehe. Der steht für die deutsche Gesellschaft. Sie muss endlich aufwachen und sich einsetzen.

Seit Jahren setzt sich Ben Salomo in seiner Musik gegen Hass ein. «Dieser Song ist ein Song für den Frieden», sagt er zu Beginn von «Es gibt nur einen». Quelle: Youtube

Erstellt: 14.02.2019, 16:32 Uhr

Zur Person

Jonathan Kalmanovich, 41, stammt aus der israelischen Kleinstadt Rechovot und ist mit vier Jahren zusammen mit seinen aus Rumänien und der Ukraine stammenden jüdischen Eltern nach Berlin gezogen. Aufgewachsen ist er in den Hinterhöfen von Schöneberg unter türkischen und arabischen Jugendlichen. Kalmanovich macht Conscious Rap unter seinem Künstlernamen Ben Salomo, er singt gegen Antisemitismus, Homophobie und Frauenverachtung an. Wer «von dicken Autos» rappe, sagt er, habe die Zeiten nicht erkannt. Acht Jahre lang hostete er die erfolgreiche Internet-Konzertreihe «Rap am Mittwoch», dann wurde ihm der Antisemitismus in der Szene zuviel. Er rappt noch immer und betreibt Aufklärung an Schulen.

Mehr Informationen finden Sie auf Ben Salomos Homepage.

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