«Ich bin eine billige Queen»

Lange verheimlichten Stars ihre Homosexualität, heute können Künstler wie die Sängerin King Princess offen damit umgehen. Nun ist ihr Debütalbum erschienen.

Sie kann ausgewachsene Typen zum Heulen bringen: King Princess. Foto: Sony Music

Sie kann ausgewachsene Typen zum Heulen bringen: King Princess. Foto: Sony Music

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Wird der Sex besser, wenn das Verhältnis der Intimpartner zueinander genau definiert ist? Die Frage beschäftigt Mikaela Mullaney Straus aus New York in ihrem Song «Ain’t Together». Pop kann auch für solche komplexeren Fragen des Erwachsenwerdens zuständig sein. «Do you think labels make it taste much better?», singt Straus – auf Deutsch in etwa: Denkst du, dass sie noch besser schmeckt, wenn wir ein Etikett draufkleben auf das, was zwischen uns läuft? Pärchen? Affäre? Offene Beziehung?

Was da schmeckt, das ist die Vagina, und dass Mikaela Straus, die sich als Popkünstlerin King Princess nennt, in ihrer hymnischen Pop-Ballade so offen über lesbisches Jung-und-verliebt-Sein singen kann, das ist doch schön. Viel zu lange mussten Popstars wie Elton John oder Dusty Springfield ihr Verlangen verheimlichen, nur der geneigte Teil ihres Publikums hörte ein «she» dort, wo kein «he» gemeint war, oder andersherum. Die anderen merkten nichts. Und mussten so auch nicht über ihr Verhältnis zu nicht heterosexuellen Menschen nachdenken.

«Als Kind wollte ich unbedingt ein Rock-Gott sein, so ein sexy Gitarrenmann.»King Princess, Sängerin

Später wagten Popkünstlerinnen und -künstler das Coming-out, aber erst, nachdem sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatten. Das Kalkül: Erst müssen die Leute meine Musik mögen, dann bleiben sie hoffentlich auch dann meine Fans, wenn sie erfahren, wie es in meinem wirklich Innersten aussieht.

Heute aber zieht im Pop eine Generation von jungen Künstlern ein, für die Offenheit in queeren Belangen selbstverständlich ist. Troye Sivan aus Australien gehört dazu, Héloïse Letissier alias Christine and the Queens aus Frankreich, die Band Years & Years aus London – und jetzt King Princess, deren wunderbar eingängiges, zwischen Folkrock und Synthiepop changierendes Debütalbum «Cheap Queen» kürzlich erschienen ist.

Wie ihre Kolleginnen und Kollegen spielt King Princess Songs für die grosse Pop-Bühne, im Sommer trat sie beim Lollapalooza-Festival in Chicago auf. Das Publikum dort bestand sicher nicht allein aus queeren Menschen. Aber aus Menschen, für die Details der sexuellen Orientierung anscheinend nicht so entscheidend sind. Und gerade deshalb können sie offen besungen werden.

Formuliert keine gesellschaftliche Anklage: «1950» von King Princess. Video: King Princess (Youtube)

Mikaela Straus ist 20 Jahre alt und stammt aus Brooklyn. Ihr Vater ist Toningenieur und betreibt dort ein Musikstudio. Darin haben schon Philip Glass, Animal Collective oder Pink aufgenommen. In Interviews erzählt sie, sie habe vor allem die Musik von Jimmy Page und Jimi Hendrix geliebt: «Als Kind wollte ich unbedingt ein Rock-Gott sein, so ein sexy Gitarrenmann.» Ihren ersten Hit hatte sie Anfang 2018, noch bevor sie von Mark Ronson für dessen Label unter Vertrag genommen wurde: Sie lud ihren Song «1950» auf Youtube hoch, inzwischen ist er auf Spotify knapp 300 Millionen mal gestreamt worden.

Sie schrieb die Ballade unter dem Eindruck von Patricia Highsmiths Roman «Salz und sein Preis» aus dem Jahr 1952, das Buch stand in ihrer Schule auf dem Lehrplan, unter dem Titel «Carol» wurde es vor ein paar Jahren mit Rooney Mara und Cate Blanchett verfilmt. Nach der Lektüre habe sie erst einmal fünf Tage lang blaumachen müssen, erzählt Straus in Interviews. So sehr habe sie die Geschichte einer klandestinen lesbischen Affäre in den Fünfzigerjahren in den Vereinigten Staaten mitgenommen.

Wobei: Mehr noch als die Erkenntnis, dass queere Liebe früher in der Öffentlichkeit unsichtbar bleiben musste, bestürzte sie, dass es heute oft genug immer noch so ist. «Queere Menschen verstecken sich und fühlen sich an öffentlichen Orten unwohl», sagt Straus. Der Clou ihres Songs «1950» ist dabei, dass er keine gesellschaftliche Anklage formuliert. Stattdessen kostet Straus die erotischen Potenziale der Verschworenheit aus mit Zeilen wie «I love it when we play 1950» und «Your stare’s ’bout to kill me». Zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit nur mit Blicken ein Geheimnis teilen – das kann auch sexy sein. Wenn es nicht, wie 1950, ein Geheimnis bleiben muss.

«Ich bin eine billige Queen, ich kann ausgewachsene Typen zum Heulen bringen»: Der Titelsong des Debüts von King Princess. Video: King Princess (Youtube)

Ihr Debüt «Cheap Queen» beschreibt sie als «schönes lesbisches Herzschmerz-Album». Zum Verständnis mag das biografische Detail hilfreich sein, dass Straus von Anfang bis Ende 2018 mit Amandla Stenberg zusammen war. Stenberg ist die afroamerikanische Schauspielerin, die durch ihre Rolle in den «The Hunger Games»-Filmen zum Star wurde und 2015 zur Stichwortgeberin der «Black Lives Matter»-Bewegung. Sie hatte mit 17 Jahren in einem millionenfach geklickten Video gefragt: «Wie sähe Amerika aus, wenn wir schwarze Menschen genauso lieben würden, wie wir schwarze Kultur lieben?»

Die Frage liesse sich mit King Princess ummünzen auf die queere Kultur, etwa: Warum schwärmen alle von der Reality-Serie «RuPaul’s Drag Race», die in Grossbritannien sogar in der BBC läuft, aber wenn mal eine Dragqueen in der U-Bahn sitzt, wird sie bespuckt? King Princess bezieht sich sehr affirmativ auf die Drag-Kultur, was sich nicht nur in ihrem Künstlernamen zeigt. Die Drag-Reverenz zeigt sich auch auf dem Cover ihres Albums: Da trägt Straus ein Make-up, das aussieht, als habe sie sich in einen schwulen Jungen verwandeln wollen, der sich zur Dragqueen zurechtmacht – und als habe sie auf halber Strecke aufgehört.

Warum auch sollten queere Popkünstlerinnen und -künstler musikalisch schräg klingen müssen? Ein weiterer Track von King Princess. Video: King Princess (Youtube)

Ihr Songwriting ist exzellent, die Sounds und Grooves sind eher gefällig. Viele Songs auf «Cheap Queen» erinnern an den weltläufigen Sound, den der Produzent Chilly Gonzales vor 15 Jahren dem ersten Album von Feist, «Let It Die», gab.

King Princess’ Stärken sind eindeutig ihre Stimme, die manchmal unübersetzbaren Ausdrücke und diese breitbeinig-paradierende Keckheit, für die es im Englischen das schöne Wort cockiness gibt. Im Titelsong besingt sie sich selbst als «cocky». «Ich bin eine billige Queen, ich kann ausgewachsene Typen zum Heulen bringen», heisst es in dem Song.

Die Musik bleibt verdaulich. Und warum auch sollten queere Popkünstlerinnen und -künstler musikalisch schräg klingen müssen? Nur um kreativ weiter eine Randständigkeit zu markieren, die sie gesellschaftlich nicht mehr haben wollen?

Letztlich geht es King Princess also um Anschlussfähigkeit, und sie funktioniert für alle, die wie sie das miese Gefühl kennen, ganz allein auf eine Party zu gehen, und die einzige Person, die man dort zu treffen hoffte, ist nicht gekommen. Und dann starrt man ewig auf sein Smartphone, weil ja noch eine Nachricht aufblinken könnte.

Gefühle wie diese haben nichts mit dem Geschlecht zu tun, auf «Cheap Queen» werden sie Thema in Songs wie «Trust Nobody» oder «Watching My Phone». Sie singt: «Wenn das Liebe ist, dann will ich mein Geld zurück, den Check könnte ich gebrauchen, um mir ein besseres Herz zu kaufen.» Man will aus diesem Album gar nicht mehr auftauchen.

King Princess: Cheap Queen (Columbia/Sony)

Erstellt: 16.11.2019, 08:10 Uhr

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