«Ich dachte, sie würden uns alle umlegen»

O’Shea Jackson alias Ice Cube lancierte mit N.W.A. seine erfolgreiche Rapkarriere. Hier sagt er, wie Gangsta-Rap damals begann.

Behält die schlechten Reime lieber für sich: Ice Cube. Foto: Getty Images

Behält die schlechten Reime lieber für sich: Ice Cube. Foto: Getty Images

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Wann haben Sie Dr. Dre zum ersten Mal getroffen?
1986 an einem Barbecue bei seinem Cousin Sir Jinx. Eine Art Familienfeier. Ich hing dort fast jeden Tag ab. Sir Jinx war ebenfalls Produzent und DJ, und wir waren gut befreundet.

Was war Ihr Eindruck von ihm?
Dr. Dre war bereits eine Respektsperson. Mit der World Class Wreckin’ Cru spielte er an den grossen Partys in Los Angeles. Ich wollte ihm unbedingt vorrappen.

Wusste er schon damals, dass seine Stärke nicht beim Texten liegt?
Ja, und er schämte sich auch nicht dafür. Ihm war nur wichtig, dass die Texte gut waren und zu ihm passten. Zuerst war es so: Er dachte sich eine Zeile aus, ich dachte mir eine Zeile aus. Dann setzten wir das zusammen. Mit der Zeit spielte er mir einfach einen Beat vor: «Schreib mir dazu einen Rap.»

Wieso hat er als Rapper trotzdem eine solch enorme Präsenz?
Er hat eine gute Stimme. Und hatte immer die besten Texter: mich, MC Ren, D.O.C., Snoop Dogg und später Eminem. Da kann nicht viel schiefgehen.

Die World Class Wreckin’ Cru hatte langsame Tanznummern und trat in Glitzerkostümen auf. Wie entstand daraus Gangsta-Rap?
Alonzo Williams, der Gründer der Gruppe, wollte mit Kuschelmusik die Frauen ansprechen. Er hielt Rap für eine Modeerscheinung. Genau dann kam Eazy-E ins Spiel, ein Drogendealer aus der Nachbarschaft, den wir flüchtig kannten. Er wusste, was die Leute wollten und was sich verkaufen würde – er war ja schon vorher Verkäufer gewesen. Den Hardcore-Rapstil hatten Dre und ich schon auf seinen Mixtapes entwickelt. Und ich begann mit der Zeit darüber zu rappen, was in unserer Nachbarschaft los war: Gewalt, Drogen, Gangs, die Brutalität der Polizei. Ganz einfach die unverblümte Wahrheit. Das kam an. Also blieben wir dabei und gründeten N.W.A. – Niggaz Wit’ Attitude.

Sie gelten seither als einer der besten Texter in der Geschichte des Hip-Hop, Dr. Dre als einer der besten Produzenten. Welche Rolle spielte der verstorbene Eazy-E?
Er war der Architekt. N.W.A. und das Label Ruthless Records waren seine Visionen. Ohne ihn gäbe es keinen Ice Cube, und auch Dr. Dre wäre niemals so gross geworden. Er setzte die ganze Sache in Bewegung, finanzierte die Studioaufnahmen, bezahlte selber die Pressung, hatte die Kontakte. Und er ermunterte uns, keine Kompromisse zu machen.

In der Szene, in der die Figur Ice Cube im Film eingeführt wird, fahren Sie mit dem Bus zur Schule und schreiben Reime. Da wird der Bus von Gangmitgliedern gestürmt, die Passagiere werden mit Waffen bedroht. Ist das wirklich passiert?
Aber ja.

Wie war das?
Wie das war? Ich machte mir fast in die Hose. Ich dachte, sie würden uns alle umlegen. Stattdessen sagte der Anführer nur: Statt Faxen zu machen, solltet ihr lieber die Schulbücher studieren. Dann verschwanden sie wieder.

Ihre Texte waren schon früh auf einem hohen Niveau: lebendig, voller Feuer und Atmosphäre. Woher kommt das?
Ich bin da wie jeder andere: Auch ich fing klein an, musste üben, schrieb schlechte Texte. Der Unterschied ist: Meine schlechten Reime haben die Hefte nie verlassen. Ich erkannte immer schon schnell, wenn etwas wirklich gut war. Musste ich auch – wenn du mit Dre arbeiten willst, geht das nicht anders, sonst fliegst du aus dem Studio.

1989 stiegen Sie bei N.W.A. aus und starteten eine sehr erfolgreiche Solokarriere. Wie lange war Funkstille zu Dr. Dre?
Ein paar Jahre. Und es dauerte, bis ich die Gelegenheit hatte, um mich für «No Vaseline» zu entschuldigen, das Stück, in dem ich über ihn hergezogen war. Irgendwann konnten wir die Vergangenheit aber ruhen lassen.

Dr. Dre mit Snoop Doggy Dogg: «Nuthin But a 'G' Thang». Video: Youtube.

Was dachten Sie, als Sie das erste Mal sein Opus magnum «The Chronic» von 1992 hörten?
Ich war sehr beeindruckt. Gegenüber den Sachen von N.W.A. hatte er seinen Stil deutlich weiterentwickelt. Wenig Samples, viele extra eingespielte Sachen. Er war als Produzent enorm gewachsen. Das Album markierte einen Wendepunkt im Hip-Hop, keine Frage.

Worin ist er eigentlich so gut?
Er hat Geduld. Er will immer das beste Resultat, egal, wie lange er braucht.

N.W.A. haben Hip-Hop-Geschichte geschrieben. Wer hat Ihrer Meinung nach ähnliches Gewicht?
Sicher 2Pac. Aber auch Eminem, Snoop Dogg oder Jay-Z. Und die Black Eyed Peas, einfach in einer anderen Form.

Kendrick Lamar?
Er hat einen verdammt guten Start hingelegt. Aber er muss mindestens nochmals zehn Jahre investieren, wenn er Geschichte schreiben will.

Erstellt: 26.08.2015, 19:10 Uhr

Ice Cube

Rapper und Produzent

Geboren im Juni 1969 in Crenshaw, Los Angeles, war O’Shea Jackson von 1986 bis 1989 einer der Rapper bei N.W.A. (Niggaz Wit’ Attitude), der prägenden Gruppe des Gangsta-Rap. Nach der Trennung veröffentlichte er neun Soloplatten, zuletzt
«I Am the West» im Jahr 2010. Auch arbeitet er bis heute als Schauspieler. Er trat etwa im Hip-Hop-Film «Boyz n the Hood» (1991) auf oder in der Komödie «Friday» (1995). (TA)

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