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«Ich könnte mich nie auf ein Love-Mobile stellen»

DJ Hell, einer der weltweit erfolgreichsten House-DJs, sieht die Street-Parade mittlerweile kritisch. Protokoll eines Gesprächs.

Vollprofi in Pose: Der 47-jährige Helmut Geier alias DJ Hell.
Vollprofi in Pose: Der 47-jährige Helmut Geier alias DJ Hell.
pd

«Ein guter DJ kann an einem Abend alle Gefühle durchexerzieren, die du jemals erlebt hast – von Monotonie bis hin zu Euphorie; ich bin ein professioneller Emotionsverdichter. Natürlich muss man diese Gefühle auch selber durchleben, sonst wäre man nicht glaubwürdig. Ein Vollprofi kann auch hier im Regen an der Abschlusskundgebung der Street-Parade ein Set spielen und seine eigene Identität einbauen. Ich habe versucht, meine Definition der Street-Parade 2010 zu formulieren. Dass es regnet und viele ihre Regenschirme aufgespannt haben, spielt auch eine Rolle.

Jeder Abend ist anders, jede Bühne ist anders, jedes Publikum ist anders. Deswegen gehe ich gerne auch vorab hin und checke die Lage. Ich muss wissen: Wie ist die Stimmung? Wie ist das Licht? Wie klingt die Musik? Im Moment spiele ich sehr viel Deep House, weil da die Innovation lebt. Aber das ist pure Clubmusik und funktioniert nicht in diesem Rahmen hier. Wenn ich mal einen Abend nicht im Griff habe, sollte ich mit meiner Erfahrung trotzdem wissen, wie ich die Zügel an mich reissen kann. Aber es gibt sicher auch Abende, an denen einfach gar nichts klappt. Das darf nicht zu oft vorkommen. Von zehn Partys sollten sieben, acht schon sehr gut sein. Wenn die Hälfte nur mässig wäre, dann wäre ich im falschen Beruf.

Schon 1994 in Zürich aufgelegt

Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt, dann sage ich meistens einfach, ich sei im Nachtleben tätig. Bohrt die Person dann weiter, erfinde ich meist einfach was. Das kommt besser an als die Wahrheit. Wenn ich aus meinem Berufsleben erzähle, komme ich oft wie ein Angeber rüber. Dabei stimmen die Geschichten ja. Ich kenne P. Diddy und war schon im Playboy Mansion. Ich bin in viele Bereiche vorgedrungen, in die sich andere DJs nie vorgewagt hätten – seis als Musikproduzent, seis als Label-Betreiber, seis im Modebereich. Mit Zürich verbindet mich vieles, nicht nur die Street-Parade. Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich schon 1994 an Arnold Meyers Energy-Party aufgelegt. Ich habe viele Freunde hier und schätze die Clubkultur und Lebensqualität dieser Stadt.

Die Street-Parade ist mittlerweile ein Volksfest – genauso wie die Love-Parade ein Volksfest war. Solange so viele Leute einen Sinn darin sehen, geht das aber in Ordnung. Ausserdem kommen so viele Touristen nach Zürich. Der Anlass ist wichtig für die Stadt. Ich betrachte den Umzug mittlerweile durchaus kritisch und distanziert. Ich könnte mich nicht auf einen Wagen stellen. Das wäre unglaubwürdig. Das Unglück bei der Love-Parade in Duisburg hab ich zu Hause im Fernsehen gesehen. Ich war schockiert und bins immer noch. Ich hatte immer schon Respekt vor grossen Menschenmassen. Damals in Berlin habe ich ja mehrfach vor einer Million Menschen aufgelegt. Da war mir schon etwas mulmig zumute. Was in Duisburg passiert ist, grenzt an ein Verbrechen. Da ist viel zu viel schiefgelaufen. Ein zweiter Skandal ist jetzt die Aufarbeitung. Keiner übernimmt Verantwortung. Die warten einfach darauf, dass Gras über die Sache wächst. Grundsätzlich war die Love-Parade aber eine gute Sache. Lange war sie das Aushängeschild der elektronischen Musik. Und obwohl sie sich im Laufe der Jahre zu einem Volksfest gewandelt hat, war es immer noch wichtig, zu zeigen, dass diese Musik nicht ausstirbt und ein Lebensgefühl transportiert wird, das gar nicht so verkehrt ist. Wenn eine Million Menschen in Duisburg, Berlin oder Zürich tanzen, dann ist das eine Aussage.

Von neuer Musik enttäuscht

Wenn man so will, dann ist Techno der Überbegriff von allem, was hier passiert. Ob das jetzt modern ist oder nicht modern, hat mich nie interessiert. Auch die ganzen Stilbezeichnungen sind eigentlich unwichtig. Als ich 1992 «My Definition of House Music» veröffentlicht habe, war das ein Gemisch aus verschiedenen Einflüssen. Ich hab immer versucht, das Beste aus allen Genres rauszuziehen, es zu verbinden und dabei einen eigenen Stil zu finden. Wie das dann heisst, spielt wirklich keine Rolle. In letzter Zeit hat mich wenig neue Musik wirklich mitgerissen. Ich habe mir vor zwei Monaten praktisch jedes neue Album gekauft, das in letzter Zeit auf den Markt gekommen ist. Keines hat mich wirklich überzeugt. Es waren viele dabei, bei denen ich mir dachte: «Es kann doch nicht sein, dass ihr mit dieser leblosen Musik durchkommt!»

Als Nächstes produziere ich vermutlich ein Stück mit Jesus Luz, dem Freund von Madonna. Ausserdem war ich mit einer bekannten Opernsängerin im Studio und will mit ein paar Schlagermusikern aus den Siebzigern zusammenarbeiten. In dem Bereich macht gerade keiner was. Aber für die Charts ist das nichts; ich bin am Experimentieren.

Das Höchste der Gefühle ist für mich, keine Musik zu hören. Ich bin immer mit Musik beschäftigt, immer von Musik umgeben, im Auto, im Büro, im Studio, hier auf der Party, immer. Stille bedeutet Erholung, Inspiration und neue Kräfte sammeln. Denn am nächsten Wochenende gehts ja schon wieder los. Batterien aufladen. DJs sind Spitzensportler. Das ist ja kein Job, den jeder durchhält. Meine Tourmanager kommen oft nach einem halben Jahr zu mir und sagen: Du, sorry, aber ich kann nicht mehr. Das ist nur was für die Härtesten. Aber es ist die ganze Anstrengung wert. Ich glaube, ich fühle mich schon immer noch als Teil des Ganzen hier. Schliesslich bin ich hier für viel verantwortlich. Warum soll ich das anderen kampflos überlassen?»

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