«Kreative Prozesse entspringen nicht irgendwelchen Launen»

Sophie Hunger hat für ihr sechstes Album die elektronische Musik entdeckt. Die Schweizer Sängerin über Unberechenbarkeit, Neiddebatten und Ferien auf Mallorca.

«Ich stelle mir vor, dass es von Weitem aussieht wie ein elegantes Stolpern»: Sophie Hunger, 35. Fotos: Marikel Lahana

«Ich stelle mir vor, dass es von Weitem aussieht wie ein elegantes Stolpern»: Sophie Hunger, 35. Fotos: Marikel Lahana

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Sie haben mal zehn Regeln für Ihre Kunst aufgestellt. Eine hiess: «Erkläre weder dich noch deine Arbeit». Treiben Sie ein mediales Verwirrspiel?
Nein. Das würde ja eine strategische Boshaftigkeit voraussetzen. Das wäre mir definitiv zu aufwendig. Ausserdem sind das ja keine Gesetzestexte, sondern alberne Wortspiele.

Sie gelten als unberechenbare Künstlerin. Können Sie diese Unberechenbarkeit auch im richtigen Leben aufrechterhalten?
Ich finde es lustig, wenn Sie vom richtigen Leben sprechen. Meine Arbeit ist das richtige Leben. Es gibt keine heimliche Alternativliga, in die ich mich für meine Arbeit zurückziehen könnte. Die Unberechenbarkeit, die Sie erwähnen, rührt vielleicht daher, dass ich in meinem Leben einfach noch keine Linie gefunden habe. Ich stelle mir vor, dass es von weitem aussieht wie ein elegantes Stolpern.

Gibt es denn ein Sehnen nach Berechenbarkeit?
Ja, das gibt es manchmal. Von Zeit zu Zeit fragt man sich, wie lange dieses Lotterleben noch gut geht und ob ich eventuell bereits irreparable Schäden davongetragen habe. Aber ich bin mir bewusst, dass ich in der normalen Welt keinen Platz gefunden habe, daran kann man sich ja erinnern. Wenn man Musik macht, möchte man nun mal das Leben übertreffen, nicht kopieren. Wenn sie unhöflich sein wollen, können Sie sagen, es sei eine Flucht.

«Die Arbeit am Computer war ein kleiner Affront für jemanden wie mich.»

Welche Fantasie lag dem neuen Album zugrunde?
Ich wollte ein Album mit Synthesizern und programmierten Beats machen. Ich wollte ausschliesslich auf Englisch singen. Und es sollte eine akustische Gitarre zum Einsatz kommen. Gerade die Arbeit am Computer war ein kleiner Affront für jemanden wie mich, der sich immer gerne mit Musikern austauscht. Der Auftrag war der totale Monolog.

Wann kam die Erkenntnis, dass es einen musikalischen Umbruch braucht?
Ich reagiere stark auf meine Umgebung. Deshalb hat mein Umzug nach Berlin eine Rolle gespielt. Ich bin hier schicksalshaft in eine Clubber-Clique geraten und habe mich dann auch auf Spurensuche nach der Geschichte der deutschen elektronischen Musik gemacht. Ich habe Krautrock gehört und gestaunt, wie viel diese Bands vorweggenommen haben.

Sie haben einmal gesagt, dass die Lieder auf Ihren Alben bei Ihnen kaum mehr etwas aus-lösen. Ist das bei Ihrem neuen Album «Molecules» auch so?
Mal schauen. Studio und Bühne sind halt zwei verschiedene Medien – vergleichbar mit einem Buch und einem Theaterstück. Beim Live-Spielen fliegt mir sicher mehr Serotonin um die Ohren als im Studio.

Sie hatten eine längere Auszeit. Was tut Sophie Hunger eigentlich in den Ferien?
In Berlin sagt man: «Ihr könnt mich alle alle – ich geh nach Malle Malle.» Da habe ich mir gedacht, dass ich da wohl auch mal hingehen sollte. Es war Februar, ich hatte mich schlecht informiert. Es hat eine Woche lang geregnet, es war 10 Grad. Und ich war der einzige Gast im Hotel. Der Pool, der im Prospekt noch super ausgesehen hatte, war leer und mit totem Laub bedeckt. Es sah aus wie in Stanley Kubricks Film «Shining». Darüber gibts irgendwann einen Song. Hölle Malle.

Sie haben erst mit 23 begonnen, eigene Songs zu schreiben. In den Jahren davor hatten Sie Schlafstörungen.
Oh Gott, das ist mir unangenehm, dass ich Ihnen das damals erzählt habe. Ich war Anfang zwanzig, stand vor einem Leben und hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Man sollte Leuten in diesem Alter keine existenziellen Fragen stellen. Sie hätten mich fragen sollen, was mein Lieblings-Gitarrensolo ist.

Was ist denn Ihr Lieblings-Gitarrensolo?
Zurzeit ist es das Solo am Ende des Songs «Hopefulessness» von Courtney Barnett.

«Ich erwarte von mir, dass wenn ich mich am Morgen hinsetze, am Abend ein Song da sein könnte.»

Dann hätten wir das. Zurück zum Existenziellen: Der Philosoph Emile Cioran beschrieb, dass der Schrecken der Schlaflosigkeit darin besteht, dass man dabei auf seine blosse Existenz zurückgeworfen wird.
Das ist eine sehr männliche Antwort, denn es geht dann doch ums Ego. Wie auch immer, er war mir offensichtlich voraus. Er hatte anscheinend eine Existenz und eine Form, auf die er zurückgeworfen wurde. Ich hatte keine Substanz. Ich war ein Chrüsimüsi, ein Birchermüesli mit Hang zu fatalistischen Theorien, und ich war wohl auch ein bisschen einsam.

Nachdem Sie davon geheilt waren, sind die Songs nur so aus Ihnen gesprudelt. Geht das heute noch immer so leicht?
Ich mag das vorherrschende Bild nicht, dass kreative Prozesse irgendwelchen Launen oder einem Zufall entspringen. Ich erwarte von mir schon, dass wenn ich mich am Morgen hinsetze, am Abend ein Song da sein könnte. Das ist auch Berufsstolz. Wenn das eine Krankenschwester kann, dann muss ich das auch können. Sonst ist das doch peinlich. Sonst muss ich all meine Preise wieder zurückgeben.

Ach ja, die Preise: Als Sie vor zwei Jahren den mit 100'000 Franken dotierten Schweizer Musikpreis gewonnen haben, haben Sie eine regelrechte Neiddebatte ausgelöst. Hat Sie das verletzt?
Lassen Sie mich den grossen Germanisten Peter von Matt zitieren, der auf die gleiche Frage geantwortet hat: «Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen.» Zum Erfolg gehört, dass man Preise bekommt, zum Preisebekommen gehört dazu, dass es ein paar Nasen kaum ertragen.

Geklagt wurde damals, dass eine, welche die Schweiz kritisiert, von diesem Land kein Geld bekommen sollte. Was nervt Sie denn so an der Schweiz?
Nichts. Ich fühle mich der Schweiz sehr verbunden. Im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten sind wir ein riesiges 5-Stern-Hotel – ohne tote Blätter im Swimmingpool.

Hat Sie die Debatte um Ihre Person endgültig aus der Schweiz getrieben?
Nein.

«Ich vermisse manchmal ein kollektives Bewusstsein.»

Was nervt Sie an Deutschland, wo Sie derzeit leben?
Berlin ist ja eine Art Gegenstück zu Deutschland. Ein kleines Widerstandsnest. Alle anderen wollen immer effizienter werden, die Berliner weigern sich, da mitzuspielen. Schon der Versuch, hier etwas zu raffiniert oder produktiv zu machen, würde Befremden auslösen. In dieser Kultur des ungestörten Scheiterns fühle ich mich geborgen.

Sie erzählten, einst der «Friede, Freude, Eierkuchen»-­Generation angehört zu haben. Wie kommt diese Generation mit der immer unwirtlicher werdenden Welt zurecht?
Wir waren mit zwanzig tatsächlich sehr unpolitisch. Das hat sich – jedenfalls bei mir – geändert. Man lernt irgendwann, dass man als einzelne Person keinen Einfluss hat. In Westeuropa gibt es eine Tendenz zum Über-Individualismus: Jeder hat seine individuelle Philosophie, seinen individuellen Ernährungsplan und seine individuelle religiöse Dogmatik. Ich vermisse manchmal ein kollektives Bewusstsein.

Den neuen Song «She Makes President» haben Sie unter dem Eindruck geschrieben, dass auch viele Frauen Trump wählten. Hatten Sie die Illusion, dass Frauen für vernünftigeres politisches Denken stehen als Männer?
Ich konnte zuerst nicht nachvollziehen, dass – nach all dem, was man über ihn wusste – auch Frauen bereit waren, ihn zu wählen. Aber darin steckt vielleicht ein altes Verständnis von Herrschaftsanspruch, die Idee vom Unterwerfungsvertrag. Schutz gegen Gehorsam. Man erträgt jede Schweinerei, wenn man dafür seine Hühner behalten kann. Warum aber die Idee vom Schutz noch immer verknüpft ist mit dem Profil eines schikanösen, herrschsüchtigen Milliardärs, ist mir ein Rätsel. Der Klassenkampf scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, wo er doch hochaktuell sein müsste.

Das Versprechen des Kapitalismus ist, dass nur Gewinner produziert werden.
Ja, der Fisch stinkt vom Kopf her. Im Lied «Let It Come Down» hab ich mir vorgestellt, das Ganze würde zusammenfallen. Es ist eine Aufzählung von Sachen, die alle verschwinden müssten, doch der Destruktion fallen leider auch eine ganze Menge Träume zum Opfer. Man kann vermutlich nicht wirtschaftlich prosperieren und systemkritisch sein.

Ist da ein hippiesker Wille zur Weltverbesserung zu spüren?
Ich hoffe nicht. Ich mag keine autoritären Künstler. Man weiss ja, dass nicht alle Menschen gleich sind. Ich habe keine Botschaft. Ich mache, was mich interessiert, und habe das Glück, dass sich irgendwo auf der Welt ein paar Nasen auch dafür interessieren. Und selbst das kann sich von einem Album aufs andere ändern.

Sie singen nur noch auf Englisch. Streben Sie nun die endgültige Welteroberung an?
Ich habe mir immer gesagt: Am Tag, an dem ich ein rein englisches Album mache, stelle ich mich dem Vergleich mit all jenen Künstlern, die ich bewundere. Bisher habe ich mich davor gedrückt. Jetzt werden wir sehen, was da passiert.

Sophie Hunger: «Molecules» (Universal)

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2018, 16:42 Uhr

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