«Ich werde in jedem Konzert reden»

Der Stargeiger Daniel Hope hat das Zürcher Kammerorchester schon als Kind kennen gelernt. Nun übernimmt er als erster Nichtdirigent die künstlerische Leitung des Ensembles.

Endlich in einer festen Bindung: Für Daniel Hope war die Anfrage aus Zürich «nicht einfach ein Jobangebot». Foto: Reto Oeschger

Endlich in einer festen Bindung: Für Daniel Hope war die Anfrage aus Zürich «nicht einfach ein Jobangebot». Foto: Reto Oeschger

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Was reizt einen ausgebuchten Solisten wie Sie an der Leitung eines Kammerorchesters?
Gerade als ausgebuchter Solist sehnt man sich irgendwann danach, auf etwas zu fokussieren. Das Musikerleben ist ja oft ziemlich rastlos. Und ich habe schon als Kammermusiker erlebt, was es bedeutet, ein Zuhause zu haben: Als ich mich entschieden habe, beim Beaux Arts Trio einzusteigen, war das etwas ganz anderes als das Hier und Da zuvor. Und das ZKO ist ja nicht irgendein Kammerorchester.

Sondern auch eine Art Heimat?
Es war das erste Orchester, das ich in meinem Leben gehört habe. Meine Mutter war Assistentin von Yehudi Menuhin, deshalb war ich als Kind dabei bei den Festivals in Gstaad, wo das ZKO als Gastorchester auftrat. Ich kenne die Geschichte dieses Orchesters, und die Schweiz, das Schwiizertüütsch, die Schweizer Küche sind enorm präsent in meinem Leben. Von daher war das nicht einfach ein Jobangebot. Sondern eine Möglichkeit, mich zu binden, wie ich sie bisher vermisst habe.

Wie hat sich denn das ZKO verändert im Lauf der Zeit? Sie haben unter allen vier bisherigen Chefdirigenten gespielt.
An den Gründer Edmond de Stoutz denke ich mit grosser Bewunderung und Sympathie. Er war unglaublich nett zu mir, als ich ein kleiner Knabe war, und hat sich später für meine musikalische Entwicklung interessiert. Er war in jeder Hinsicht grosszügig, auch in dem satten romantischen Streicherklang, den er pflegte. Wenn ich an ein Concerto grosso von Händel denke, dann gibt es für mich nicht nur den entschlackten Stil, der heute gefragt ist, sondern auch diesen Zürcher Klang.

Den hat Howard Griffiths dem ­Orchester dann ausgetrieben.
Bei ihm war der Charme das Besondere, seine Leichtigkeit, die Nähe zum Publikum. Muhai Tang war dann wieder ganz anders, da war alles sehr kontrolliert, architektonisch durchgestaltet. Und Roger Norrington . . .

Sie lachen.
Er ist ein toller Kerl. Er hat alles gesprengt, was vorher war. In Sachen Barockspiel habe ich enorm viel von ihm gelernt, in anderen Bereichen war ich nicht immer einig mit ihm. Einmal haben wir das Berg-Konzert gemacht, er wollte auch das ohne Vibrato haben. Da haben wir uns, nun ja: ziemlich lebhaft ausgetauscht. Aber er respektiert andere Meinungen. Zudem haben wir denselben Humor: ein Glücksfall.

Und Sie wollen nun alles Bisherige bündeln?
So ungefähr. Das Orchester ist dank der unterschiedlichen Dirigenten sehr ­flexibel geworden. Ich möchte diese ­Flexibilität nutzen, um jedem Komponisten, jedem Stil ein Gesicht zu geben. Barockes soll barock klingen, Romantisches romantisch.

Wie wollen Sie das ZKO technisch fit halten? Ein Dirigent ist ein Trainer, als leitender Solist haben Sie eine etwas andere Funktion.
Entscheidend ist, dass das Orchester kammermusikalisch funktioniert. Ich habe im Sommer verschiedene Kammermusikkonzerte mit den ZKO-Stimm­führern gespielt, das werden wir fort­setzen. Es gibt sehr grosse Musiker­persönlichkeiten in diesem Orchester, die sollen zur Geltung kommen. Einige sind ein wenig schüchtern geworden, weil man sich in einem Orchester manchmal auch verlieren kann.

Aber braucht es nicht auch dieses Sich-Verlieren? Eine Gruppe von Individualisten ist noch kein Orchester.
Natürlich, es braucht die Anonymität im gemeinsamen Klang. Ich selbst suche das auch, kürzlich setzte ich mich bei einem Stück zu den zweiten Geigen: Da ist man mittendrin, hört, wie die Kollegen funktionieren, man trainiert sich gegenseitig. Aber auch im Gesamtklang darf man sich nie zurücklehnen, ob mit Dirigent oder ohne.

Aufführungen ohne Dirigent liegen im Trend: eine Chance für die Kammerorchester, die man schon fast abgeschrieben hatte?
Um Trends sollte man sich nie kümmern, sondern das tun, was einen interessiert. Sonst hat man schon verloren. Denken Sie nur an die Kinderkonzerte: Da hat das ZKO Pionierarbeit geleistet zu einer Zeit, als noch alle darüber gelacht haben.

Seither hat man ja auch noch sogenannte Krabbel- und Nuggi- Konzerte erfunden.
Nachwuchskonzerte sind das Wichtigste überhaupt! Kinder sind zugleich das dankbarste und schwierigste Publikum: Man muss sie kriegen. Was dann zurückkommt, ist unglaublich. Ich sehe das auch bei meinem zweieinhalbjährigen Sohn. Wenn man Kinder ohne Musik aufwachsen lässt, schneidet man ein Stück aus ihrer Seele.

Für die Grossen programmieren Sie gern spartenübergreifend. Eine Lockstrategie?
Es geht nicht darum, die Säle zu füllen – das ist nur ein Nebeneffekt. Wenn ich mit Wirtschaftsleuten oder Politikern über Musik rede, wenn ich Filme kommentiere oder mit unserem Artist-in-Residence Klaus Maria Brandauer Projekte aushecke: Dann sind das alles Möglichkeiten, um meine Musikbesessenheit zu befriedigen. Ich suche immer nach Verbindungen, ich will mehr wissen über viele Dinge. Und ich stelle fest, dass es anderen ähnlich geht.

Wie wichtig ist die Kommunikation mit dem Publikum für Sie?
Ich werde in jedem Konzert reden. Es geht nicht um Geschichtsunterricht, es muss auch nicht viel sein. Aber ich finde, es tut der klassischen Musik gut, wenn man die Atmosphäre zwischendrin unterbricht. Wenn man ein bisschen etwas über die Hintergründe einer Musik erzählt. Nehmen Sie Johann Sebastian Bach, der für mich ganz weit oben steht: Der konnte ja unglaublich eitel sein, auch geldversessen. Wenn ich darüber spreche, geht es nicht darum, einen ­Mythos zu dekonstruieren. Sondern ich bewundere Bach noch viel mehr, wenn ich mehr über ihn weiss: Er war ein Mensch und hat trotzdem diese unglaubliche Musik geschrieben. Darum lese ich so gern Musikerbriefe. Was man da alles erfährt!

Dann bedauern Sie, dass heute nur noch gemailt wird?
Vielleicht bringt ja später mal irgendein Edward Snowden das alles wieder zum Vorschein.

Warum spielen Sie übrigens nicht ab Notenblättern, sondern ab iPad? Das tut sonst kaum jemand.
Ein paar Pianisten habe ich schon ge­sehen, aber bei den Geigern bin ich wohl wirklich der einzige – was mich sehr ­erstaunt. Gerade wenn man ohne Dirigent spielt, ist es grossartig, wenn man die ganze Partitur vor sich hat und nicht nur seine eigene Stimme. Das sind dann ja Hunderte von Seiten, blättern könnte man das nie, aber auf dem iPad und mit Fusspedal geht das bestens. ­Natürlich kann man nicht alles lesen, aber man nimmt die Architektur eines Stücks ganz anders wahr. Und ausserdem muss ich so nicht all die Noten ­herumschleppen!

Saisoneröffnung mit dem Zürcher Kammerorchester und Daniel Hope: Dienstag, 27. September, 19.30 Uhr, Tonhalle (Werke von Bach, Mendelssohn, Weinberg und Beethoven).

Erstellt: 21.09.2016, 17:44 Uhr

Daniel Hope

Geiger ohne Berührungsängste

Geboren 1973 in Südafrika als Sohn eines Schriftstellers und einer Musikmanagerin, wuchs Daniel Hope in Grossbritannien auf. Er studierte bei Grigori Zhislin; auch von Zakhar Bron und Yehudi Menuhin wurde er gefördert. 2002 kam Hope zum legendären (und mittlerweile aufgelösten) Beaux Arts Trio. Als Solist ist er weltweit gefragt, seine CDs erscheinen bei der Deutschen Grammophon. Daneben hat er Bücher publiziert (über Filmmusik oder seine Familie) und betreut eine wöchentliche Musiksendung bei WDR 3. Ein breiteres Publikum kennt ihn auch von Crossoverprojekten (etwa mit Sting). Als neuer Music Director des ZKO sucht Hope spartenübergreifende Ansätze: mit dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer als Artist-in-Residence oder mit Gesprächs­konzerten. (suk)

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