«Ich wollte meinem kleinen Max keine Alkoholfahne zumuten»

Noch immer feiert Büne Huber manchmal den Exzess – doch das Wichtigste ist dem Frontmann von Patent Ochsner heute die Familie.

«Ich fürchte mich nicht davor, dass man meine Schwächen erkennt»: Büne Huber Mitte Juli am Gurtenfestival. Foto: Adrian Moser

«Ich fürchte mich nicht davor, dass man meine Schwächen erkennt»: Büne Huber Mitte Juli am Gurtenfestival. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Büne Huber, derzeit sind die Medien voll des Lobes für Sie. Nicht bloss wegen des neuen Albums «Cut up». Sie sollen auch besser aussehen denn je. Finden Sie auch?
Überhaupt nicht. Man sieht mir doch an, dass mein Leben Spuren hinterlassen hat. Vielleicht ist meine Ausstrahlung besser, weil ich glücklicher bin als früher.

Was bekommt Ihnen gut?
Meine Familie: meine wunderbare Frau Sue, meine 22-jährige Tochter Hannah, Max, mein knapp 4-Jähriger, und Julie, die bald 3 wird. Mit 57 noch einmal Vater von zwei kleinen Kindern zu sein, ist gleichzeitig eine Herausforderung und vitalisierend. Zudem habe ich mit Patent Ochsner eine tolle Band. Ich glaube, ich war noch nie dermassen ausgeglichen wie heute.

Sie galten stets als melancholischer und nachdenklicher Typ.
Der bin ich noch immer, es gehört zu meinem Naturell. Vor allem, was die Politik anbelangt, sorge ich mich ernsthaft. Ich erinnere mich nicht, dass jemals gleichzeitig so viele Wahnsinnige an der Macht waren und ihre Muskeln spielen liessen: Wladimir Putin, Donald Trump oder Recep Tayyip Erdogan, um nur einige zu nennen. Das macht mir Schiss. Und ich verstehe nicht, wie man den Klimawandel leugnen kann. Wir müssen schliesslich für die Kinder eine gute Zukunft schaffen.

Jetzt ärgern Sie sich. Aber Sie sollen auch nah am Wasser gebaut sein. Wann verdrücken Sie Tränen?
Mich berührt vieles. Neulich während der Ferien in Rom etwa stand ich vor einem reich geschmückten Portal. Ein historisches Bauwerk. Eine wahrhaftige Trophäe. Ein Sinnbild für Erfolg, Reichtum und Masslosigkeit. Darunter schlief eine obdachlose Frau. Grösser hätte der Kontrast nicht sein können. Dieses Bild hat mich aufgewühlt.

Ein Liebeslied, das von Freude und Schmerz erzählt: Der Hit-Song «Für immer uf di». Video: Youtube

Auf der neuen Patent-Ochsner-CD «Cut up» besingen Sie das volle Leben: Geburt, Tod, innere Dämonen, die Scheidung von Ihrer ersten Frau. Sind die Lieder persönlicher als Ihre vorherigen?
Ich glaube nicht. Aber die Botschaften sind weniger versteckt. Ich fürchte mich nicht davor, dass man meine Schwächen erkennt. Ich will keine Liftmusik produzieren.

Sondern etwas Gewichtiges.
Genau!

Warum lachen Sie?
Weil ich ziemlich gewichtig bin. Im Ernst: Meine Unzulänglichkeiten geben der Musik mitunter mehr Gehalt.


«Mich fasziniert, wie ein Song die Fantasie vieler Menschen beflügelt»: Büne Huber, Vater, Musiker, Künstler. Foto: Adrian Moser

Von welchen Schwächen sprechen Sie?
In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Das eine zart, friedlich und zugewandt. Das andere wüst, grob, angriffig und wild. Die beiden in Balance zu halten, fällt mir nicht immer leicht. Ich reagiere empfindlich, wenn man meine Grenzen nicht respektiert oder versucht, mich zu manipulieren.

Vertonen Sie auch Geschichten, die Ihnen andere anvertrauen?
Nie so, dass man die Personen erkennen könnte. Ich nehme höchstens die Essenz aus ihren Erzählungen.

Um den Hit «W. Nuss vo Bümpliz» von 1997 ranken sich verschiedene Spekulationen, wer oder was damit gemeint ist. Sie wollen partout nicht verraten, worum es im Lied wirklich geht. Warum nicht?
Weil ich es lustig finde, auf welche Ideen die Leute kommen, etwa, dass die W. Nuss eine Kindergärtnerin, ein Baum oder eine Kirche sei. Sie schicken uns ihre Vermutungen zu. Mich fasziniert, wie ein Song die Fantasie vieler Menschen beflügelt.

«Vaters Herzinfarkt hat unsere Welt auf den Kopf gestellt.»

Kennt das Geheimnis tatsächlich niemand ausserhalb der Band?
Selbst der grösste Teil der Band kennt es nicht. Einer alten Bäckersfrau im bernischen Bolligen, wo ich eine Weile wohnte, habe ich die Hintergründe einst erklärt. Sie hat mich so herzig gefragt, dass ich nicht anders konnte. Sie versicherte mir, des Rätsels Lösung für sich zu behalten. Später hat mir ihre Tochter gesagt, dass die Frau inzwischen verstorben sei. Sie habe das Versprechen gehalten und das Geheimnis mit ins Grab genommen.

Wen bitten Sie in «Guet Nacht, Elisabeth» von 2008 darum, Sie loszulassen?
Meine Mutter. Das Stück spielt in der letzten Nacht vor meinem Auszug aus dem Elternhaus. Ich war zwanzig, hatte meine Bananenschachteln gepackt und hörte, wie meine Mutter im Zimmer nebenan weinte. Sie war traurig und wusste nicht, wie sie die Zukunft allein mit meinem pflegebedürftigen Vater bewerkstelligen sollte. Ich konnte nicht zu ihr, um sie zu trösten. Sonst wäre ich am nächsten Tag nicht gegangen. Diese Situation und ihren Schmerz auszuhalten, war schwierig.

Ihr Vater hatte zwei Jahre zuvor einen Herzinfarkt erlitten und war zu spät reanimiert worden. Deshalb war er körperlich und geistig behindert.
Genau. Meine Mutter betreute ihn mit aller Fürsorge und Hingabe. Ich weiss nicht, woher sie die Kraft dazu nahm.


«Ich kämpfe gegen übertriebene und absurde Verlustängste»: Büne Huber in Bern. Foto: Adrian Moser

Wie erging es Ihnen dabei?
Ich hatte kurz vorher angefangen, mir meinen Platz in der Gesellschaft zu suchen und mich von zu Hause abzulösen. Vaters Herzinfarkt hat unsere Welt auf den Kopf gestellt, die Rollen wurden von einem Tag auf den anderen vertauscht. Der Sohn musste plötzlichen den Vater füttern und säubern. Das ist nicht das, was man mit achtzehn möchte. Dieses Erlebnis hat mich in gewisser Weise traumatisiert.

Wie zeigt sich dieses Trauma?
Ich kämpfe gegen übertriebene und absurde Verlustängste und habe vermutlich so etwas wie ein Helfersyndrom. Das Wort mag ich nicht, ansatzweise stimmt es jedoch. Dieses Thema möchte ich an dieser Stelle allerdings nicht breitschlagen.

In Liedern wie «Villajoyosa», «Ohni di» oder «Himu & Höll» auf dem neuen Album verarbeiten Sie, dass Ihre erste Ehe 2009 in die Brüche ging. Warum beschäftigten Sie sich Jahre später noch damit?
Die Trennung hatte mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich fiel in eine Depression. Eine Zeit lang hatte ich Zweifel, ob ich je wieder aus dieser Dunkelheit finden würde. Doch durch eine Therapie, Medikamente und die Unterstützung aus meinem nächsten Umfeld habe ich es geschafft. Die Songs sind der endgültige Befreiungsschlag.

«Ich habe mich auf einen Schlag verliebt.»

Wie hat diese Erfahrung Sie verändert?
Ich bin achtsamer und sorgfältiger geworden. Vielleicht gelingt es mir besser, meine Grenzen zu akzeptieren, und ich setze Prioritäten. Die Familie ist mir das Wichtigste.

Ihre heutige Frau Sue haben Sie 2014 kennengelernt. Wie hat sie Sie in ihren Bann gezogen?
Sie betrat das Restaurant, in dem ich einen Auftritt hatte, und ich dachte: Das ist sie. Ich versuchte, den Ball flach zu halten, und sagte mir: «Bleib ruhig, alter Mann. Mach dich nicht lächerlich. Sie ist zu jung für dich.» Sue ist 17 Jahre jünger als ich. Doch wir kamen ins Gespräch, und mit jeder Minute spürte ich, dass alles stimmt. Ich habe mich auf einen Schlag verliebt.

Sie sagten kürzlich, Sue gestehe Ihnen hin und wieder Exzesse zu. Was bedeutet das?
Ich möchte lieber nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Nur so viel: Gerate ich in einen wilden Schaffensprozess, kann fast alles geschehen. Unsere Abmachung besagt, dass ich mich dafür in mein Atelier ausser Haus zurückziehe.

Wie finden Sie nach einem Exzess wieder zurück in den Alltag als Familienvater?
Ich habe mich unter Kontrolle. Auf der Tournee 2016 etwa trank ich bis auf eine Ausnahme keinen Tropfen. Ich wollte meinem kleinen Max keine Alkoholfahne zumuten, wenn ich ihn durch die Nacht trug, weil ihn Krämpfe plagten. Als Vater sollte man sich nicht wie ein Teenager verhalten.


«Ich versuche einfach, der bestmögliche Ehemann und Vater zu sein»: Hanspeter aka Büne Huber. Foto: Adrian Moser

Was lehren Sie Ihre Kinder über den Umgang mit Rauschmitteln?
Dass man sich nur gehen lassen sollte, wenn man auch imstande ist, sich wieder zurückzuholen. Verbote bringen wenig. Jugendliche suchen ihre Grenzen, wollen Verbotenes erst recht ausprobieren. Uns Eltern bleibt das offene Gespräch. Bei Hannah hat das wunderbar funktioniert, und ich hoffe, dass es auch bei Max und Julie klappt.

Hannah ist seit zwei Jahren selbst Mutter, Sie wurden jung Grossvater.
Ich finde das toll. Nun sind Hannah und ich auf Augenhöhe. Ich frage sie sogar häufiger um Rat als umgekehrt.

Das Lied «Für immer uf di» ist Ihrer Mutter gewidmet, von der Sie letztes Jahr endgültig Abschied nehmen mussten. Wie helfen Ihnen Ihre Lieder über Verluste hinweg?
Mein gesamtes Schaffen – sei es mit Songs, Kurzgeschichten oder Zeichnungen – dient einem einzigen Zweck: mit dem Leben klarzukommen. Es ist meine Art, die Welt zu verstehen und mich mit ihr zu versöhnen. Durch meine Lieder gewinne ich Distanz zu schwierigen und traurigen Ereignissen wie dem Tod meiner Mutter. Der entscheidende Input zu «Für immer uf di» kam mit einem erschreckenden Bild, das ich verarbeiten musste.

«Immer, wenn ich über den Tod meiner Eltern spreche, wühlt mich das Thema auf.»

Mit welchem?
Ich erhielt einen Notruf, meiner Mutter gehe es nicht gut. Sofort stieg ich ins Auto, fuhr nach Bümpliz, stürzte in die Wohnung und fand meine Mutter. Sie war zehn Minuten zuvor gestorben. Ich hätte nie gedacht, dass man sich als 57-jähriger Mann wie ein Waisenkind fühlen könnte. Doch so erging es mir. Das Bild der leblosen Mutter hat sich mir eingebrannt und drohte schwer und dunkel zu bleiben. Ich musste mich damit arrangieren. Das Lied hilft mir dabei.

Sie wirken aufgewühlt.
Immer, wenn ich über den Tod meiner Eltern spreche, wühlt mich das Thema auf. Aber hey! So ist das nun einmal: Wir erleben Geschichten, die Spuren hinterlassen. Deshalb werden wir, wer wir sind.

Sie sind Musiker, Maler, Hausmann, Vater dreier Kinder und zum zweiten Mal verheiratet. Was schenkt Ihnen das Vertrauen, dass alles gut bleibt?
Es gibt keine Gewissheit, bloss Hoffnung. Ich versuche einfach, der bestmögliche Ehemann und Vater zu sein, bin immer für meine Familie da, gebe alles für sie. Das ist manchmal nicht viel. Aber ich gebe es von ganzem Herzen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 05.09.2019, 16:44 Uhr

Erfolgreicher Mundart-Musiker

Büne Huber, mit bürgerlichem Namen Hanspeter, kam am 27. Februar 1962 in Bern zur Welt. Nach seiner Ausbildung zum Metallbauschlosser liess er sich zum Sozialpädagogen umschulen. 1990 gründete er mit Patent Ochsner eine der inzwischen erfolgreichsten Mundart-Bands der Schweiz.

Seither macht Büne Huber Musik und Kunst und feiert mit seinen CDs regelmässig Erfolge. «Cut up» ist das zehnte Studioalbum und stieg in der Schweizer Hitparade direkt auf Platz eins ein.

Huber ist Vater von Hannah, 22, aus erster Ehe, sowie von Max, 4, und Julie, 3. Zusammen mit seiner Frau Sue lebt er in Bern.

Artikel zum Thema

«Wenn Gölä das so machen will ...»

Interview Büne Huber über «Penner vor dem Denner», Vaterfigur Polo Hofer und sich selbst, den «Schwelgisiech». Mehr...

Überschätzt: Patent Ochsner

Serie Allerweltsmelodien, trümmlige Reggaerhythmen, gmögige Harmlosigkeit: Was spricht überhaupt noch für die Berner Band? Mehr...

«Ich stelle mir vor, wie der kleine Huber an der Wandtafel steht»

SonntagsZeitung Büne Huber und Eric Blum, der Musiker und der Hockeyspieler – zwei Freunde unterhalten sich über Lampenfieber, spirituelle Momente und Pussy-Fussballer Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...