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Im Timbre der Geister

Warum verkriecht sich Folk-Musiker Taylor Kirk hinter gruseligen Gestalten? Vielleicht sucht er im Schatten sein Glück.

Am liebsten ist Taylor Kirk (links) draussen im Wald, hier vermischte er erstmals Folk und Geistergeschichten.
Am liebsten ist Taylor Kirk (links) draussen im Wald, hier vermischte er erstmals Folk und Geistergeschichten.
zvg

Die Popmusik hat das Unheimliche hineingebeten. Nicht nur in Form von Popstars wie Lady Gaga oder Kanye West, deren übersteigertes Selbstwertgefühl sie in puppenhafte Automaten und karrieregesteuerte Gottgestalten verwandelt. Es gibt auch jenes Schaudern, das die Inszenierung überspringt und sich direkt in der Musik manifestiert. Denn das wirklich Unheimliche bleibt unsichtbar.

Letztes Jahr widmete sich die Transmediale, das Festival für Medienkunst und digitale Kultur in Berlin, der ganzen Spannweite der «Geistermusik». Hier wurde das Phänomen Hauntology genannt, ein Begriff, mit dem der Philosoph Jacques Derrida die Gegenwart mit den Geistern der Vergangenheit verkettet. Fever Ray, Burial oder oOoOOO sind die Vorboten des Versteckten, abstruse neue Genres wie Gruselpop, Witch-House oder Ghost-Drone hüllen die Dark-Wave-Symbolik der 80er-Jahre in elektronische Gewänder, die Pausen werden von Poltergeistern besetzt.

Auch Taylor Kirk wandelt im hypnagogischen Raum. Er ist der Botschafter unter den Übernatürlichen und bleibt trotzdem ein Geheimnishüter. Einmal unterbrach er eines seiner Konzerte, als er eine Zuschauerin dabei beobachtete, wie sie sein Konzert filmte. «Ich bin ein Einzelgänger. Am liebsten bin ich draussen im Wald, wo ich Musik aufnehme und Gras schneide oder Holz hacke», so Kirk. Seine ersten Songs unter dem Namen Timber Timbre entstanden in einer kleinen Holzhütte im kanadischen Wald. Hier entfesselte er sein Inneres und kreierte den Skelett-Blues, indem er Geistergeschichten mit altertümlicher Folk-Musik vermischte. «Ich war schon immer fasziniert von Symbolen, Metaphern. Das versuche ich auch in meinen Songs zum Ausdruck zu bringen.» Während Kirk vom Mond, brennenden Häusern, Wikingerschiffen und Sirenen singt, bleibt seine Person im Dunkeln. Vielleicht ist es hier einfach sicherer. Auch in Musikvideos lässt er lieber Käfer und Kobolde für sich sprechen.

Albtraumhafte Schatte

Heute lebt Kirk in Toronto. Doch da ist immer noch dieser konstante Natursog, eine Wehmut, wie sie der amerikanische Maler Andrew Wyeth in seinem Gemälde «Christina’s World» durch die Körperhaltung einer Frau ausdrückt, die auf einer herbstlichen Wiese zwischen hohen Gräsern liegt. Kirk denkt dieses Bild im Song «Lay Down in the Tall Grass» weiter und belegt es mit seinem albtraumhaften Schatten. Es ist nicht einfach, solche Songs aus der Mystik der Wälder vors Publikum zu bringen. «Ich habe keine Ahnung, wie wir das anstellen werden», sagte Kirk, nachdem er Timber Timbre 2009 mit dem Gitarristen und Perkussionisten Simon Trottier und der Violinistin Mika Posen zum Bandprojekt ausweitete. Die zwei Musiker, die sich vor allem in der kanadischen Impro-Szene bewegten, haben den Sound von Timber Timbre mit dem aktuellen Album «Creep On Creepin’ On» vor dem Ertrinken gerettet. Was auf «Timber Timbre» noch unheimlich gradlinig anmutete, war Wassergeistermusik mit einer unaufgeregten Dramatik, die zu zerfliessen drohte. Begleitet von einer Stimme, die zwischen Elvis Presley und Antony Hegarty oszilliert.

Auf «Creep On Creepin’ On» wird der Nachtwandler auch in den Tag geschickt, der konstante Fluss wird von Saxofon-Schreien und Orgel-Gekrächzte unterbrochen. Ist bei «Woman» ein Walzer zu erkennen? Und blitzt dazwischen tatsächlich Humor auf, oder ist das Positive hier bloss eine Erscheinung? In «Black Water» singt Kirk: «All I need is sunshine», verwirft die Option auf Erlösung in «Until the Night Is Over» aber sogleich wieder: «But you’re haunted by the morning sun.»

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