So elegant wie nie zuvor: Das neue Album von Jeans for Jesus

Die Berner Berufshipster unterstreichen mit ihrem dritten Album, warum sie die gegenwärtigste Popgruppe des Landes sind.

Lieber in der Gegenwart: Jeans for Jesus.

Lieber in der Gegenwart: Jeans for Jesus. Bild: zvg/Anja Wille

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Er hat nur noch Angst – und zieht sich auf die Toilette zurück, um sich in Ruhe durch die verschiedensten Feeds und Chats auf seinem Smartphone zu scrollen. Wie der Sänger da entkräftet sitzt, am Ende einer zehnminütigen, verschnipselten Gegenwartsbetrachtung, klingt es so, als sei das WC der letzte Zufluchtsort in einer Welt, die den Verstand verloren hat. Er erzählt von einer Welt, in der der Nachbar 24 Stunden pro Tag Pornovideos im Livestream anschaut, Flüchtende drangsaliert werden – und in der sich unser Erzähler entscheiden muss zwischen Jus, BWL oder Fine Arts, «eifach öppis woder gfaut», wie ihm seine Mutter sagt. Die Freunde liegen ihm lachend im Arm – mit Beruhigungsmitteln sediert – oder hängen im Gym rum. Und ist seine Band namens Jeans for Jesus nicht einfach «schwul», wie es in einer beschimpfenden Zeile seines Protokolls heisst? Weil hohe Männerstimmchen, ja, das provoziert einige noch immer.

Bis auf die Toilette: Der dreiteilige Bewusstseinsstrom «127.0.0.x» von Jeans for Jesus, der am Schluss des Albums zu hören ist.

So weit ist es also mit dem Mundartpop im Jahr 2020 gekommen: Statt Fernwehträume schliessen sich ihre Sänger in den privatestmöglichen Ort ein. Wobei: Jeans for Jesus haben abgesehen von ihrer Berner Herkunft nicht sehr viel mit dem landläufigen immer noch festgesetzten Idyllen-Bild von Schweizer Popmusik zu tun. Denn die Entkräftung, die Desorientierung und die Vereinzelung, die das Aufwachsen in der digitalisierten Gegenwart mit sich bringen kann und die auf ihrem neuen Album «19xx_2xxx_» zugespitzt ist: Sie schwingt ja seit den Anfangstagen der Band mit.

Man hörte das bereits in «Estavayeah», jenem immer noch sehr frischen Hit aus dem Sommer 2013, der die Ausgezehrtheit einer Liebesbeziehung mit aufgekratzten Popsounds zu überdecken versuchte. Und der mit der Zeile schloss: «Oh Baby, I bi müed». Man hörte das, stärker noch, auf ihrem zweiten Album «PRO», das Jeans for Jesus 2017 bereits beim Majorlabel Universal veröffentlichten. Etwa dann, als Demian Jakob, der gemeinsam mit Michael Egger die Liedtexte schreibt und diese singt, mit seinem dünnen Stimmchen formulierte: «Für meh aus Mönsch si längt mini Chraft nümm.»

Der erste Hit der Band: «Estavayeah» aus dem Jahr 2013. Video: Jeans for Jesus (Youtube)

Immerhin reicht die Kraft dieses Menschen, der am Ende der Selbstoptimierung angelangt ist, auf dem neuen Album «19xx_2xxx_» noch zum Scrollen durch die verschiedensten Timelines. Kraft hat er auch, um Liebeslieder zu singen, selbst dann, wenn alles auf der Kippe steht. «Merci», das das Album eröffnet, ist so eine Schlafzimmersoulballade, in der sich ein verwundeter Liebender bei seiner Noch-Gerade-Liebsten für alles bedankt. Und sich entschuldigt, dass er sich wie ein Tubel verhalten hat, ehe ein Stimmsample «But I can’t get you out of my mind» sehnsüchtelt. Demian Jakob umsingt dies so privat, als würde er sein Lieblingslied mitträllern.

Auf dem Album scheint nach diesem Liebeskonflikt vieles leichter zu werden, im lupenreinen Popsong «Liechter», in dem der Mainstreampop-Zugriff der Band so elegant und selbstverständlich klingt wie noch nie zuvor. Überhaupt ist «19xx_2xxx_» aufgeräumter als die Vorgängerplatte «PRO»: Die nerdhafte Lust an der Sabotage der glatten Popoberfläche wird weniger offensichtlich zelebriert als in der Vergangenheit, vielleicht auch, weil die Popfans, die die Band auch sind, mittlerweile über ein genügend grosses Archiv an eigenen Sounds verfügen, auf das sie zugreifen können.

Aber nicht, dass die Band, die jeder Nostalgie aus dem Weg geht, bereits zurückschaut. Wenn es Michael Egger in der gleitenden Zeitreise «2000&irgendwo» doch versucht, scheitert er, will lieber an die «gränzä zum itz». Er fragt dann: «Was hautisch du vom Ougäblick?», weil «fürä und zrügg geit beides ewig», und was wissen sie, die Dreissiger und Mittdreissiger, schon von der Vergangenheit? (Ein bisschen mehr Altersweisheit strahlt die französische Version des Songs aus, in der Stephan Eicher mitsingt.)

Ihre Zeit ist ja die Gegenwart, selbst wenn sich Jeans for Jesus im Titel des Albums fragen, in welchem Jahr sie sich eigentlich befinden. Dieses Jetzt vermessen die «Berufshipster», wie sie sich im selbstreferenziellen Album-Booklet einmal bezeichnen, so rasch, dass ein Song wie «Babyboomsuperstar», der bereits im letzten Herbst erschienen ist und sich mit der Boomergeneration auseinandersetzt, nach dem «Okay Boomer»-Meme schon leicht abgestanden wirkt.

Bereits vor dem «Okay Boomer»-Schlagwort erschienen: «Babyboomsuperstar». Video: Jeans for Jesus (Youtube)

So kann das halt passieren in der rasenden Livestream-Gegenwart, aber man kann sich als Hörer auch einfach weitertreiben lassen auf diesem genau gearbeiteten Album, das sich zwischen Sex, dem Leben in der Bubble und spätkapitalistischen Erfahrungen an der Selfcheckout-Kasse hin und her bewegt.

Dieser Informationsoverkill kann natürlich hibbelig machen, denn die Ruhe ist nun mal ein bedrohtes Gut. Eines, das umso wertvoller wirkt, wenn Jeans for Jesus diese in «Dans ta vie ensoleillée», dem vielleicht schönsten Song des Albums, finden. Wohin geht das Leben, wenn es stehen bleibt?, fragt dort jemand, bevor es wieder weitergeht. Bis auf die Toilette, allein mit dem Smartphone.

Jeans for Jesus: 19xx_2xxx_ (Universal)

Erstellt: 24.01.2020, 15:48 Uhr

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