Der Geiger mit den langen Haaren

David Garrett wird eher mit den Augen als mit den Ohren wahrgenommen. Dabei kann er mehr, als Kritiker ihm zutrauen.

Das T-Shirt mit der nackten Frau? Habe gepasst und sei sauber gewesen, erklärt sich Garrett. Foto: Urs Jaudas

Das T-Shirt mit der nackten Frau? Habe gepasst und sei sauber gewesen, erklärt sich Garrett. Foto: Urs Jaudas

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Er ist mal wieder überall, der deutsche Geiger David Garrett. In der Frauenzeitschrift «Barbara» erzählt er, dass er seine langen Haare praktisch finde. Der «Bunten» verrät er, dass ihn morgens jeweils sein Manager wecke. Und nun sitzt er in einem Zürcher Hotel und gibt einem Dutzend Journalisten Auskunft über seine neue Tour, die den Superlativ schon im Titel trägt: «Unlimited – Greatest Hits».

Weitere Superlative folgen während der Präsentation. Das Programm? «Eine Art wagnersches Gesamtkunstwerk». Das Soundsystem? «Das Beste vom Besten». Die Optik? «Wirklich innovativ». Dann flackern Flammen über die Leinwand hinter Garrett, seine Silhouette erscheint im Feuer. Beim folgenden Track sehen wir eine futuristische Autobahn, auf den Plakatwänden an der Seite spielt Garrett. Das sei jetzt nur so ein Vorgeschmack, sagt er, «in der Halle werden diese Effekte live gesteuert, mit einer ganz neuen Technik». Das Visuelle sei nun mal wichtig bei so einer Show.

Eroberung der USA steht an

Danach verschwindet er ins Nebenzimmer für die Einzelinterviews, und sein Manager plaudert mit den Wartenden. Ein Perfektionist sei der David, erzählt er, wahnsinnig engagiert und kreativ, «der hat für jedes Detail eigene Ideen». Und die Leute lieben ihn, wenn auch leider noch nicht überall gleich; in Osteuropa könne es vorkommen, dass ein Auftritt nicht ausverkauft sei. Auch fürs Zürcher Konzert sind noch Karten zu haben. Aber in Südamerika, «da waren die Fans so begeistert, dass wir den zweiten Gang durchs Publikum streichen mussten, weil sie ihn beim ersten fast erdrückt haben». Das nächste Ziel seien nun die USA, da lebt Garrett zwar, zumindest zeitweise, aber noch ziemlich inkognito. Das soll sich ändern, die Marketingabteilung feilt gerade an Konzepten.

Die Sprache stimmt schon mal, nicht nur bei den Titeln seiner Shows, sondern auch beim Namen. David Garrett wurde zwar als David Bongartz geboren, 1980 in Aachen. Aber schon früh fanden seine Eltern – ein deutscher Jurist und eine amerikanische Ballerina – den Namen der Mutter geeigneter für die Karriere des Jungtalents.

Der David sei extrem kreativ, sagt sein Manager, «für jedes Detail hat er eine eigene Idee».

Eine klassische Karriere sollte es sein, und am Anfang lief sie denkbar glatt. Garrett kam früh zu Zakhar Bron, der als einer der erfolgreichsten Starmacher unter den Geigenlehrern gilt. Mit 13 hatte er einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon, zwei Jahre später spielte er die Mozart-Violinkonzerte mit Claudio Abbado ein.

Aber mit 19 stieg er aus: Zu eng wurde ihm das alles, zu fremdbestimmt fühlte er sich. Er zog nach New York, für eine Weiterbildung bei Itzhak Perlman an der Juilliard School. Und merkte, dass Geigespielen nicht nur Pflicht ist – sondern tatsächlich das, was er will.

Es dauerte dann noch einmal eine Weile, bis er fand, was er gesucht hatte: den Crossover – und das Image als Klassikrebell. Er war nicht der Erste damit; der britische Geiger Nigel Kennedy besetzte mit Punk-Outfit und Werken von Vivaldi, Miles Davis oder Jimi Hendrix schon in den 80er-Jahren den Platz eins als Enfant terrible der Konzertwelt. Und von der Rockseite her hatte man die metallisierte Klassik ebenfalls längst entdeckt.

Aber Garrett fand nach zähen Anfängen seine Nische, und sie war bald einmal so gross wie die Stadien, in denen er auftrat. «Dangerous» oder «Explosive» hiessen seine Programme, er begeisterte damit auch jene jungen Leute, die er in den klassischen Konzerten immer vermisst hatte: «Dort gab es vor allem älteres Publikum», sagt er im Zürcher Hotel, «als 15-Jährigem gibt einem das zu denken.» Er wollte seine Generation erreichen, für seine Freunde spielen. Gern Beethoven oder Debussy. Aber gern auch anderes.

Zehn Jahre ist das nun her – und David Garrett ist zur Marke geworden. Drei Millionen Alben hat er verkauft, praktisch alle landeten in den Charts. Zwar spielt er nach wie vor gelegentlich in klassischen Konzerten, durchaus mit renommierten Dirigenten: Riccardo Chailly hat ihn engagiert, mit Zubin Mehta ist er mehrfach aufgetreten. Aber die Massen, die kennen ihn wegen seiner Haare und seiner Totenkopfringe; wegen des Themas aus «Pirates of the Caribbean», wegen «Viva la Vida» von Coldplay oder «The 5th» nach Beethoven selig.

Zwar gibt er sich locker, man ist sofort per Du; aber das Gespräch kommt nicht wirklich in Gang, er antwortet vorsichtig, fast misstrauisch.

Und ja, auch wegen der einen oder anderen Schlagzeile. 2016 klagte ihn seine Ex-Freundin, die er als Escort-Begleiterin kennen gelernt hatte, wegen gewalttätiger Sexpraktiken an. Garrett hat sich damals heftig gewehrt gegen die Vorwürfe, auch in den Medien; der Fall wurde aussergerichtlich beigelegt, seiner Karriere scheint er nicht geschadet zu haben. Fragen dazu beantwortet er keine mehr.

Auch sonst, das zeigt sich beim Interview rasch, mag er eigentlich keine Fragen. Zwar gibt er sich locker, man ist sofort per Du; aber das Gespräch kommt nicht wirklich in Gang, er antwortet vorsichtig, fast misstrauisch. Hat er sich früher offen über den Stress eines Wunderkindes und den Ehrgeiz der Eltern geäussert, findet er nun alles okay: «Es geht ja wohl jedem Kind so, dass es nicht immer gern tut, was man von ihm verlangt.» Und überhaupt: «Ich hätte meine Träume nicht verwirklichen können, wenn ich die Arbeit damals nicht gemacht hätte.»

Auch bei Fragen nach der Akustik in den grossen Hallen geht er in die Defensive und schnappt sich seine Geige, um zu zeigen, dass er die Nuancen draufhat: Das Spiel am Steg, das Vibrato, die Artikulation – «das habe ich alles gründlich gelernt, ich übe immer noch viel, und ich spiele mit Verstärkung nicht anders als ohne». Er brauche den Crossover nicht, weil er das andere nicht könne, «ich weiss, dass ich gut bin». Ein Chailly engagiere ihn ja nicht wegen seiner langen Haare, da zähle nur die Leistung: «Das gibt mir die Credibility.»

Oder, anders formuliert: Es hebt ihn ab von André Rieu, dem noch erfolgreicheren Stadiongeiger, der allerdings ganz andere Mechanismen bedient. Fönfrisur statt Mähne, Gemütlichkeit statt Rockbombast. Rieu gibt den guten Onkel mit der Geige, ein Virtuose muss er da nicht sein. Garrett dagegen macht auf Teufelsgeiger, nicht zufällig hat er in Bernard Roses Paganini-Film 2013 den berühmtesten Vertreter dieser Spezies verkörpert – und auch einen Teil des Filmsoundtracks komponiert.

Eher mit den Augen als mit den Ohren wahrgenommen

Kein Zweifel, Garrett hat Ambitionen, und er hat Talent. Zwar spielt er das klassische Repertoire braver als mancher Kollege im Frack (und auch weniger eigenwillig als Nigel Kennedy). Aber er kann mehr, als seine Kritiker ihm zutrauen. Und die Arrangements der Popstücke, die er zumindest teilweise selber schreibt, sind so effekt- wie stilsicher. Dass Garrett in jedem zweiten Satz betont, dass er ein ernsthafter Musiker sei: Man versteht es durchaus.

Dass er dennoch eher mit den Augen als mit den Ohren wahrgenommen wird: Das versteht man allerdings auch. Wer sein Image so sehr pflegt, muss damit rechnen, dass er darauf reduziert wird. Letzte Frage deshalb: Die nackte Frau mit den abgedeckten Augen und Brüsten auf seinem T-Shirt, ist die ein Statement? Nein, reiner Zufall, sagt Garrett, als ob er die böse Schlagzeile schon vor sich sehe: «Ich hab einfach irgendwas aus dem Koffer genommen, was passte und sauber war.»

Das Outfit für die Show: Das wird dann zweifellos kein Zufall sein. Ein David Garrett weiss, was er seinem Ruf schuldig ist.

Konzert im Zürcher Hallenstadion: 14. Mai, 20 Uhr

Erstellt: 06.05.2019, 18:13 Uhr

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