«Janis Joplin hat uns alle unter den Tisch gesoffen»

Alice Cooper reist seit 50 Jahren um die Welt. Wer zur rechten Zeit ein Nickerchen halte, überstehe das. Zwischen den Konzerten bleibt Zeit, um Golf zu spielen. Etwa mit Donald Trump.

«Ich habe alles gemacht, was einen umbringt – und überlebt.» Alice Cooper (69) in Zürich. Foto: Urs Jaudas

«Ich habe alles gemacht, was einen umbringt – und überlebt.» Alice Cooper (69) in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Zürich ist Konzert Nummer 92 auf Ihrer Welttournee. Sind Sie müde?
Oh Mann. Ich schaue mir den Tourplan nie an, weil mich das psychisch fertigmacht. Noch 91 Shows? Da bin ich gleich mental erledigt. Ich sage meinen Leuten deshalb: Wo sind wir die nächsten zwei Nächte? Mehr will ich nicht wissen. Ich überlege auch nie in Australien: In Kalifornien wäre es nun zwei Uhr in der Früh. Das bringt dich um. Du musst einfach mit der Uhrzeit leben, die du kriegst.

Sie werden 70. Wie stehen Sie das durch?
Ich bin der Einzige, der nach der Show nicht schwer schnaufen muss. Ich bin überhaupt nicht müde! Aber ich mache das auch schon seit 50 Jahren und weiss, wie man tourt. Alle fragen mich: Alice, wie schaffst du das? Ich sage: Das ist mein Job. Ich weiss, wann ich mein Nickerchen mache, wann ich esse und wann ich ins Kino gehe. Du kannst nicht improvisieren, du brauchst einen Plan.

Sie könnten aber auch daheim bleiben und Ihre Legende für sich arbeiten lassen.
Wer will das schon. Die Leute sagen: Bleib daheim, dann kannst du immer Golf spielen. Aber das mache ich sowieso, auch auf Tour! Golf am Morgen, Rock ’n’ Roll in der Nacht. Wenn du dich auf deinen Lorbeeren ausruhst und auf dem, was du 1973 gemacht hast, dann bist du kein echter Künstler. Ich habe meine besten Songs noch nicht geschrieben.

Ist das wahr?
Ja. Und ich habe eine Verpflichtung gegenüber meinen Fans. Wer Millionen Fans auf der ganzen Welt hat, muss sie besuchen gehen. Mit immer wieder neuen Songs.

Ihre Tochter hat Sie auf Tour lange als Tänzerin begleitet.
Ja. Nun spielt sie in einer eigenen Band, Beasto Blanco. Und sie tritt auf als Komikerin. Sie kann wirklich alles. Meine Frau Sheryl aber ist immer noch in der Alice-Cooper-Show. Sie spielt die Puppe während «Only Women Bleed» und die Irrenhaus-Krankenschwester.

Sind Sie ein Familienmann?
O ja. Mehr als alles andere. Drei Kinder, zwei Enkel, Zwillingsbuben. Sheryl und ich sind 41 Jahre verheiratet. Ihr schreibt nur immer über die gescheiterten Ehen des Rock ’n’ Roll. Aber es gibt auch erfolgreiche. Rick Nielsen von Cheap Trick zum Beispiel ist seit 1969 verheiratet. Aber das ist nicht auf­regend. Die Leute wollen eben wissen, wer mit wem schläft. Wir guten Eheleute bekommen keine Presse.

Was ist denn Ihr Geheimnis für eine gute Ehe?
Heirate die richtige Frau.

Aha.
Und: Bleib ihr treu. Denke nicht, jetzt bin ich unterwegs, weit weg, da mach ich, was ich will. Du musst die Ehe ernst nehmen. Wenn du jemanden liebst, dann willst du diese Person nicht verletzen. Zehn Minuten mit irgendeinem Mädchen? Als ich 20 war, vielleicht. Aber jetzt bin ich verheiratet. Ich habe meine Frau nie betrogen.

Sie sind ein treuer Mensch?
Ja. Mein Manager und ich arbeiten seit 48 Jahren zusammen – ohne dass wir irgendeinen Vertrag hätten. Ich bin auch dem Golfspiel treu – ich spiele an sechs Tagen in der Woche. Weil ich das mag. Ich bin ein Suchttyp. Was ich gern mag, das übertreibe ich. An Weihnachten packen wir fünf Stunden lang Geschenke aus, weil ich nicht mit dem Shopping aufhören konnte. Heute aber übertreibe ich nur noch bei positiven Sachen.

Sie waren schwerer Alkoholiker.
Ich habe alles gemacht, was einen umbringt, haha. Und habe irgendwie überlebt.

Waren die frühen Exzesse notwendig für den Aufstieg des Alice Cooper?
Wahrscheinlich schon. Das war eben diese Zeit. Ich bin 1967, mit 19 Jahren, mit der Band nach L.A. gezogen. Die Ersten, die wir dort trafen, waren Jim Morrison und The Doors, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Sie sind alle an ihrem Exzess gestorben. Versuch einmal, mit Jim Morrison zu trinken. Auch Janis, die hat uns alle unter den Tisch gesoffen. Doch das war eben eine Zeit, in der Rockstars genau das tun sollten. Das brauchte es, um dazuzugehören. Ich habe früh gemerkt, dass ich nicht mit 27 sterben will. Und habe mich entwöhnt – vom Alkohol, von den Drogen. Das war vor mehr als 30 Jahren.

«Ich gebe sogar Bibelstunden.»

Und heute sind Sie immer noch da.
Alle, die noch hier sind, haben irgendwie einen Weg durch die Drogen gefunden. Steven Tyler (der Sänger von Aerosmith), Ozzy (Osbourne von Black Sabbath), Iggy. Ich weiss nicht, wie Keith Richards (Rolling Stones) es geschafft hat. Jemand sollte sein Blut untersuchen lassen, vielleicht ist er ein Alien.

Alice Cooper wurde innert weniger Jahre eine Berühmtheit.
Ja. Ruhm ist so unnatürlich. In unserer Zeit wird man über Nacht berühmt. Anfangs hassten alle unsere Band. Aber plötzlich hatten wir einen Hit, plötzlich fanden uns alle künstlerisch wertvoll. Sag einem 22-Jährigen, er habe jetzt alles Geld der Welt und allen Ruhm, werde fertig damit. Bang! Es gibt keine Gebrauchsanweisung für so etwas. Natürlich treibst du Exzess. Und wenn du Glück hast, überlebst du.

Kritiker nennen Alice Cooper bis heute einen Satanisten, einen Hasser. Korrekt?
Völlig falsch. Alice ist ein Satiriker, kein Satanist. Ich bin in einem christlichen Haus aufgewachsen und heute selbst ein guter Christ. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und lese jeden Morgen in der Bibel. Ich bete jeden Tag und gebe sogar Bibelstunden. Auch meine frühen Texte waren nie satanisch, es ging eher um die Versuchung durch das Böse. Zu Beginn der 70er mochten uns viele nicht, weil sie uns nicht verstanden. Es gab nichts, das war wie Alice Cooper, wir waren eher ein Kunstprojekt als eine Band. Wir haben das Theater zum Rock ’n’ Roll gebracht. Und ja, wir haben versucht, die Eltern zu ärgern, weil uns die Kids dafür geliebt haben. Daher die Schockelemente. Das Establishment hasste uns, die Kirche auch. Aber sie haben die Show nicht verstanden. Es ist Satire, Vaudeville. Keine umgekehrten Kreuze, das würden wir nie tun.

Aber Enthauptungen, Zwangsjacken, Gewalt.
Aber das war Spass! Das Publikum verstand das: Der Bösewicht Alice Cooper muss sterben, und es muss grossartig aussehen. Hängt ihn auf, guillotiniert ihn! Jeder Teenager im Publikum hat das verstanden. Nur die Eltern nicht.

Sie haben die ganzen Requisiten heute noch auf der Bühne. Wird das nicht albern? Funktionieren die Songs nicht gut allein?
Wenn du keine guten Songs hast, dann ist es nur ein Puppentheater, klar. Das Theater ist nur die Dekoration für die Songs. Die Songs waren mir immer wichtig. Ich wollte musikalisch ernst genommen werden. Erst als Leute wie Bob Dylan und John Lennon Alice Cooper als Songschreiber lobten, nahm uns die Presse ernst. Dylan sagte in einem Interview, ich sei der am meisten unterschätzte Songwriter. Das war in den 70ern. Ich war baff, dass er wusste, wer ich war.

In seinen Anfängen war Alice Cooper der Anti-Hippie. Wegbereiter des Punk, wüst und wild. Was ist seine Funktion heute?
Ich bin einer der etabliertesten Rocksänger. Alle können kommen. Deine Eltern und deine Kinder. Die heute 70-jährigen Beatles-Fans und ihre Enkel.

Alice Cooper wurde gross, als Amerika zerrissen war: Bürgerrechtsbewegung, Vietnam. Ist es heute wieder gleich gespalten?
Nein, glaube ich nicht. Wenn Donald Trump weg ist, wird einfach der nächste Präsident der schlimmste Präsident aller Zeiten sein. Überhaupt, wer möchte schon Präsident der USA sein. Das ist ein wirklich blöder Job.

Aber Sie haben doch selbst kandidiert 2016 – mit dem Slogan: «Ein kranker Mann für kranke Zeiten!»
Das war ein Witz. Hey, nicht nur die Welt macht Witze über Amerika, wir machen das selbst auch. Und es ist doch wahr: In den USA leben mehr als 300 Millionen Menschen. Und diese zwei Typen bleiben am Wahltag als Kandidaten übrig? Igitt. Niemand hat für Trump gestimmt, nur gegen Hillary. Und niemand war für Hillary, nur gegen Trump. Keiner der zwei war populär. Ich hätte gern einen Politiker wie JFK zur Wahl gehabt.

Sie hatten Donald Trump und Hillary Clinton 2016 als Puppen auf der Bühne. Sind Politiker der wahre Horror unserer Zeit?
Es heisst immer: Diese Rockstars sind Satanisten. Aber Rocker wollen Spass haben, Party machen. Nicht so satanisch. Was wollen Politiker? Macht, Geld, Einfluss. Das sind die wahren Satanisten.

Alice will also nicht regieren?
Nein! Wenn du an mein Konzert kommst, sollst du eine Pause haben, zwei Stunden Ferien von CNN. Das ist mein Job. Nachher geh zurück, wenn du willst. Wirklich, ich bin ein Optimist: Es wird schon gut gehen. Am Ende gewinnt der Gute.

. . . und der Böse wird guillotiniert, wie in der Alice-Cooper-Show. Sie haben mit Donald Trump Golf gespielt. Spielt er eigentlich gut?
Er kann spielen. Aber auch Obama konnte das. Ein bisschen. Wer richtig gut war, war Dan Quayle (George H. W. Bushs Vizepräsident). Und Eisenhower. Ich würde keinem Präsidenten vertrauen, der nicht Golf spielt. Das wäre verdächtig.

Nicht alle sind so locker, was Trump angeht.
Ich verstehe nicht, weshalb es einen einzigen Präsidenten braucht. Soll Trump sich um die Wirtschaft kümmern, das scheint er zu können.

Nun . . .
Aussenpolitik? Findet einen anderen Kerl. Muss nicht derselbe sein. Homeland Security? Noch einen anderen. Man sollte die amerikanische Präsidentschaft aufsplittern.

Anders als die meisten US-Künstler haben Sie George W. Bush öffentlich unterstützt. Im Krieg, sagten Sie, wollten Sie einen Pitbull, keinen Pudel. Sind Sie ein Rechter?
Ich bin einfach nicht zwingend ein Linker. Das genügt vielen schon, mich als Republikaner abzustempeln. Aber ich bin unabhängig. Ich kann sehr sozial sein, aber dann auch wieder sehr konservativ. Ich bin keiner Seite etwas schuldig. Ich sehe mich als gemässigten Amerikaner.

Sie sind auch ein Botschafter für Amerika, bringen die USA in die Welt hinaus.
Ja, und ich zeige der Welt, wie absurd Amerika sein kann. Obwohl eigentlich der Rest der Welt auch ­absurd ist. Dass man in Europa nirgends Eiswürfelautomaten hat, oder dass ihr das Popcorn ohne Butter macht – wie kann man nur?

Ist Amerika heute weniger populär als früher?
Egal, wie sehr die Welt Amerika zu hassen vorgibt – sie liebt es! Und würde gern dort leben. Weil es ein tolles Land ist. Nach dieser Tour gehe ich heim und fühle mich sehr sicher in Amerika. Ich wollte nirgendwo sonst zu Hause sein.

Amerika muss nicht wieder gross werden?
Nein. Es ist bereits gross. Die Schweiz ist aber auch nicht schlecht, keine Sorge. Ich war hier drei Tage lang Weihnachtseinkäufe machen. Toll.

Sie haben einmal gesagt, jemand anders soll Alice Cooper spielen, wenn Sie tot sind. Wer?
Er oder sie wird sich an die Regeln der Rolle halten müssen. Alice flucht nicht, Alice ist kontrolliert auf der Bühne, Alice schimpft nicht gegen Gott. Alice Cooper ist eine Rolle, wie Sherlock Holmes.

Wer könnte das machen?
Johnny Depp war interessiert, aber ich habe ihm gesagt, er sei nicht hübsch genug.

Erstellt: 15.12.2017, 18:19 Uhr

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Showman und Spassmacher

Alice Cooper kam im Februar 1948 als Vincent Furnier zur Welt. Er wuchs in Phoenix, Arizona, auf, sein Vater war Pfarrer. Als Schüler liebte er surrealistische Kunst, als Sänger schuf er 1969 den ersten Bühnenbösewicht des Rock ’n’ Roll. 2017 erschien sein 27. Album. (dhe)

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