«Jeder hat eine Heimwehgeschichte»

Georg Schlunegger ist der Erfinder der erstaunlich erfolgreichen volkstümlichen Boygroup Heimweh. Ein Gespräch über Heimatliebe, Hitrezepte und den Stadt-Land-Graben.

Hitproduzent mit emotionaler Ader: Georg Schlunegger im Hitmill-Studio in Zürich. Foto: Samuel Schalch

Hitproduzent mit emotionaler Ader: Georg Schlunegger im Hitmill-Studio in Zürich. Foto: Samuel Schalch

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Sie sind einer der drei Betreiber der Hitmill-Studios, der grössten Hitfabrik der Schweiz. Wenn Sie jetzt einen Hit schreiben müssten, was würden Sie dann tun?
Ich brauchte einen Singer-Songwriter, der auf Mundart singt, der eine Geschichte aus seinem Leben und aus seinem Umfeld erzählt und nicht weltmännisch daherzukommen versucht. Ein Ed Sheeran aus der Schweiz, das würde wohl funktionieren.

Sie haben Lieder geschrieben für Adrian Stern und Anna Rossinelli, für Ast und Jordi, für Kunz und Heimweh. Tun Sie alles, wofür Sie angefragt werden?
Nein, das kann ich nicht. Im Hip-Hop bin ich beispielsweise gar nicht zu Hause. Aber das Hitmill-Trio ergänzt sich hier hervorragend. Ich bin mehr für die leichte Muse zuständig.

Zu Ihnen kommen also Künstler, denen die Ideen ausgegangen sind und die bereit sind, es einmal mit der Pop-Brechstange zu versuchen.
(lacht) Ja. So kann man es sagen.

Wie oft haben Sie still in sich hineingekichert bei der Produktion von Schluneggers Heimweh?
Gar nicht. Ich habe herausgespürt, dass vielen Leuten auf dem Land eine Musik fehlt, der eine gewisse Ernsthaftigkeit zugrunde liegt. Da gibt es diese Judihui-Musik, Festbank-Schlager, aber eine volkstümliche Musik, die auch ernste Themen wie Tod, Alkoholismus oder Landflucht aufgreift – das fehlte.

Will das Hitmill-Team die grosse Masse der nur halbwegs an Musik interessierten SVP-Wähler erobern?
Einen politischen Aspekt gibt es bei Heimweh nicht. Mich interessiert die Auseinandersetzung mit Herkunft, mit den eigenen Wurzeln, mit dem Weggehen. Dies sind die Aspekte, um die sich Heimweh dreht.

Dennoch beschleicht einen das Gefühl, diese Boygroup sei auf dem Reissbrett entstanden.
Dem ist so! Anders kann man so etwas auch gar nicht aufziehen. Da steckt eine Idee dahinter. Und ein Plan. Wir haben viel ausprobiert, wir haben gepröbelt, ob es eher Richtung Pop oder Richtung Folklore gehen soll, welche Stimmen dazu passen und so weiter. Heraus­gekommen sind Lieder für ein älteres Publikum, das in Randregionen lebt. Für diese Leute habe ich das geschrieben, es sind ihre Geschichten.

Wie viel steckt vom landflüchtigen Georg Schlunegger drin?
Sehr viel. Die meisten aus meiner Generation ziehen aus den Randregionen weg. So wie ich. Ich bin in Grindelwald aufgewachsen, lebe heute an der Zürcher Langstrasse und kehre immer wieder gern in die Berge zurück. Ich bin beileibe kein wertkonservativer Mensch, wohl aber ein hoffnungsloser Nostalgiker.

Was gab den Ausschlag, eine Männergruppe zusammenzustellen? Hat Sie der Erfolg des TV-Formats «Kampf der Chöre» beflügelt?
Nein, ich liess mich von der Musik aus dem Balkan inspirieren. Dort gibt es kleinere Chorverbünde von sechs bis acht Leuten. Sie singen über ähnliche Themen, sehr nostalgische Sachen, Geschichten aus ihrem unmittelbaren Umkreis. Ich habe mir viele dieser Lieder übersetzen lassen und sie thematisch mit den Schweizer Volksliedern abgeglichen.

Ich höre in Stücken wie «Drheime» und «Seel vo dr Schwiiz» eine sonderbare patriotische Demut.
Das ist eher eine Demut vor der Natur. Ich kann natürlich nicht beeinflussen, wer die Lieder wie auslegt. Nehmen wir das Stück «Seel vo dr Schwiiz». Es ist zur Gotthard-Eröffnung entstanden, und es geht um die Alpenpässe, die ich als Sinnbild für die Schweiz empfinde. Sie erzählen von diesem Kommen und Gehen, sie bringen Leute zusammen und wieder auseinander.

Dieser Song klingt, als hätten Sie eine neue Nationalhymne dichten wollen.
Dieser bombastische Hymnencharakter war durchaus gewollt. Später heisst es sinngemäss: In guten Zeiten haben wir die Neat, in schlechten Zeiten das Reduit. In der Geschichte der Schweiz dreht sich alles um diese Bergpässe. Sie stehen für internationale Verbindungen und für einen Rückzugsort.

Nehmen wir das Stück «Edelwyss». Ein Bub zieht aus der Heimat weg, die weinende Mutter überreicht ihm ein Abschiedsgeschenk. Der Refrain: «Es Edelwys so wyss wie Schnee, us dire Heimat so wunderschön. Es Edelwyss, sodass du weisch, wohär du bisch und dass öpper a di deicht.» Etwas dick aufgetragen.
Ich habe den Text bewusst in eine Volksliedtradition gestellt. Die Geschichte ist gar nicht weit von der Realität entfernt. Mein Grossvater ist mit 15 Jahren in die USA ausgewandert, das Heimweh hat ihn wieder zurückgespült. Es gibt einige solcher Geschichten in unserer Band.

Mussten Sie früher bei «Heidi» weinen?
Ja eh. Auch hier ist der Kern der Geschichte nicht das Herumsitzen in den Bergen, sondern das Weggehen. Und diese Zerrissenheit findet sich nicht nur bei «Heidi» und in der ganzen Historie des Mundartrock, sondern wohl auch in der Seele dieses Landes. Zudem bietet die Schweiz für solche Themen eine prima Kulisse. Der Gegensatz zwischen dem Mittelland als urbanem Grossraum und den ruralen Gegenden ist etwa in Deutschland nie so ausgeprägt.

Der Stadt-Land-Graben entzweit die Schweiz immer stärker. Gibt es bei Hitmill eine Idee, diesen musikalisch wieder zu planieren?
Mag sein, dass unsere Musik eine etwas einseitige Sicht der Schweiz vermittelt. Ich spüre von der Stadtseite her auch eine pauschale Ablehnung. Im Aufeinanderzugehen sind die Städter ähnlich konservativ wie die Leute vom Land. Darum ist der Graben in den letzten zehn Jahren immer tiefer geworden.

Die Art, wie man lebt, wird heute ideologisch aufgeladen – auch die Heimatliebe. Trägt Ihr Projekt nicht zur Verklärung konservativer Werte bei?
Ich hoffe im Gegenteil, dass es zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beiträgt. Allerdings findet in der Popmusik ständig ein Verklären statt. Auch die Stadt als wilder Sündenpfuhl, in dessen Strassen man sich verliert, wird oft überzeichnet. Ich versuche, die Bergwelt mit all ihren Problemchen abzubilden.

Das ergibt einen eher trostlosen Ort. Da gibt es keinen Humor, nur Treueschwüre, ernste Berggipfel und wortkarge Männer. Wird es Ihnen nicht zu eng in Ihren Songs?
Wir haben in der Band zwei Sänger, die aus Spanien und Italien stammen. Also haben wir auch einen italienischen Song in unser Set aufgenommen, und Sänger Fabrizio erzählt jeweils die Geschichte, wie es für seine Eltern war, von Italien in die Schweiz zu kommen. Sein Stück ist meist der Höhepunkt des Konzerts. Und wenn mein Schwiegervater, der aus Ägypten stammt, von seinem Heimweh erzählt, dann geht es um Orangenbäume am Nildelta. Jeder hat doch seine Heimwehgeschichte, und jede klingt ein bisschen anders.

«Die #MeToo-Bewegung läuft Gefahr, alles zu vermengen»: Kulturredaktor Martin Ebel schaut mit einem sprachlichen Jahresrückblick auf das 2017 zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 17:50 Uhr

Georg Schlunegger

Mit Nostalgie in die Charts

Erste Erfahrungen als Songwriter und Komponist machte der musikalische Autodidakt Schlunegger (*1980), als er nach der KV-Lehre bei den SBB Geschichte an der Uni Bern studierte. 2010 stiess er zu Hitmill, der 1997 von Roman Camenzind gegründeten Firma für Künstler- und Werbemusikproduktionen; seit 2014 gehört er der Geschäftsleitung an. «Heimweh», das erste Album von Schluneggers gleichnamigem Projekt-Männerchor, erreichte Goldstatus und gewann 2017 zwei Swiss Music Awards. (Red)

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