João Gilberto, das taumelnde Genie

Er erfand den Bossa nova auf einem WC. Nun ist der Sänger und Gitarrist João Gilberto mit 88 gestorben.

João Gilberto: Er stiess die grösste musikalische Revolution Brasiliens an. Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

João Gilberto: Er stiess die grösste musikalische Revolution Brasiliens an. Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

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Der Mann, der im September 1955 am Busbahnhof des verschlafenen brasilianischen Städtchens Diamantina ankam, muss einen höchst verwirrten Eindruck gemacht haben. Den wenigen Leuten, denen er auf dem Weg zum Haus seiner Schwester begegnete, blieb er jedenfalls in lebhafter Erinnerung. Denn obwohl er sich die nächsten acht Monate nicht mehr an der frischen Luft blicken liess, sprach sich in Diamantina bald herum, dass da ein merkwürdiger Mann eingezogen sei, der den ganzen Tag im Pyjama Gitarre spiele, oft immer den gleichen Akkord. Manchmal 20 Stunden lang, ohne Pause. Dabei schliesse er sich in der Toilette ein, weil dort die Akustik am besten sei.

Der sonderbare Mann hiess João Gilberto und hatte drei Monate zuvor seinen 24. Geburtstag gefeiert. Was niemand in Diamantina ahnen konnte: Er war gerade dabei, die grösste musikalische Revolution Brasiliens anzustossen. João Gilberto erfand den Bossa nova.

Grosse Stricke hatte er in seiner bisherigen Vita noch nicht zerrissen. Mit 18 war er aus seiner verschlafenen Heimatstadt Juazeiro im Nordosten des Landes nach Salvador gezogen, wo den Sänger und Gitarristen – wie er glaubte – «Champagner, Frauen und Musik» erwarteten. Es kam anders. Ein Jahr später zog er wegen anhaltender Erfolglosigkeit nach Rio weiter, wo es ihm jedoch nur unwesentlich besser erging. Er sang für eine Radiostation die geläufigen Schlager ein und kam zu Auftritten in den angesagteren Clubs der Stadt, bis er sich weigerte, vor schwatzendem und trinkendem Publikum aufzutreten und von der Bildfläche verschwand. Sein Umzug nach Diamantina war schon deshalb folgerichtig, weil er in Rio alles verloren hatte, was er einmal besass: sein Selbstvertrauen, seine Bleibe, sein Geld und viele seiner Freunde. Auch seiner Schwester fiel bald auf, dass mit João Gilberto etwas nicht stimmte. Sie beschloss, ihn umgehend beim örtlichen Psychiater einzuweisen.

Vom Anrollen der neuen Welle

Mitte 1957 kehrte João Gilberto nach Rio zurück und wagte sich wieder unter die Leute. Diese waren paralysiert von dem, was er ihnen vorspielte. Diese Rhythmik im Gitarrenspiel, diese Akkorde, diese Technik – noch nie war ihnen Vergleichbares zu Ohren gekommen. Und dann erst der Gesang: leise, nasal und doch voller Empfinden, Erregung und Poesie. Das hatte nichts zu tun mit dem, was man bisher an Musik kannte.

Ein Jahr später landete eine Aufnahme von João Gilberto auf dem Pult des Bosses der grössten Musikladenkette Brasiliens. «Warum nehmt ihr jemanden auf, der erkältet ist?», soll dieser geschimpft haben. Darauf habe er die Platte auf dem Knie zerbrochen und geschrien: «Das ist also die Scheisse, die wir aus Rio kriegen!» Der Mann wurde bekehrt, das Stück «Chega de saudade» ging 1958 als erster Bossa-nova-Song in die Geschichte ein und löste jenes musikalische Erdbeben aus, das noch bis heute am Vibrieren ist.

So klang die Geburt des Bossa nova: «Chega de saudade» gefiel damals dem Boss der grössten Musikkette Brasiliens überhaupt nicht. Quelle: chickenzombie

Der Bossa nova (neue Welle) traf auf ein Brasilien in Aufbruchstimmung. Das Land war im Begriff, zu einer kulturellen Weltmacht zu werden. Der Architekt Oskar Niemeyer pflanzte futuristische Monumente in den Tropenstaat, und der Bossa nova war die Musik einer neu entstandenen Bourgeoisie, das Symbol für ein selbstbewusstes, modernes und cooles Brasilien. Bald strömten die angebeteten Jazzstars aus den USA nach Rio und São Paulo, auf der Suche nach dieser aufregenden neuen Musik und deren Urheber.

Als der Jazz den Bossa nova entdeckte: João Gilberto spielte mit Stan Getz eines der erfolgreichsten Jazz-Alben aller Zeiten ein. Quelle: thatkrishna

Nur Probleme mit dem «Girl von Ipanema»

João Gilberto, als Vater der Bewegung, war bald der gefragteste Mann Rios. Einen unbeschwerten Menschen hat der zunehmende Erfolg aus ihm indes nicht gemacht. Gerade die amerikanischen Jazzmusiker und deren Labels beuteten die Bossa-nova-Helden nach Strich und Faden aus, indem sie ihnen für wenige Dollar die Rechte ihrer Lieder abkauften. Mit Urheberrechten hatten die Brasilianer noch keine grosse Erfahrung.

Dennoch zog Gilberto in den Sechzigerjahren nach New York, wo seine Ehe mit der Sängerin Astrud Gilberto in die Brüche ging. Mitschuld an der Trennung soll eine Aufnahmesession am 19. März 1963 gewesen sein. Tom Jobim und João Gilberto wurden eingeladen, mit dem Saxofonisten Stan Getz ein Album einzuspielen. Der Produzent ermunterte die musikalisch unerfahrene Frau Gilbertos, eines der Stücke auf Englisch einzusingen – gegen den erbitterten Widerstand der beiden brasilianischen Alphatiere. Das Lied hiess «Girl From Ipanema» und wurde zum erfolgreichsten Lied der brasilianischen Musikgeschichte. Der Produzent entschied sich, für die Single-Auskoppelung die Gesangsspur von João Gilberto ganz aus dem Lied zu eliminieren. Dass seine – aus seiner Sicht – unbedarfte Frau zum Weltstar wurde, soll er nicht verkraftet haben. Immerhin: João spielte auf dem Hit die Gitarre.

Das «Girl From Ipanema» wurde zum bekanntesten Lied Brasiliens. Und es führte zu einer Ehekrise im Hause Gilberto. Quelle: Jan Hammer

João Gilberto galt als schwieriger Charakter. Seine Phobien machten ihm und seinen Nächsten das Leben schwer. Er pflegte Konzerte unvermittelt abzubrechen, wenn er sich vom Publikum nicht genügend respektiert wähnte, da konnte bereits ein Rascheln oder Husten aus dem Auditorium reichen. Das hatte zur Folge, dass sich viele Brasilianer von ihm abwandten. Doch sobald irgendwo eines seiner Lieder ertönte, wurden selbst die grössten Skeptiker handzahm. João Gilberto hat einen Nerv der Brasilianer getroffen. Sein flüsternder Gesang, seine – meist vom Dichter Vinicius de Moraes verfassten – Texte über die kleinen Schönheiten des Daseins, seine feinen Nadelstiche gegen die herrschende weisse Elite und seine präzisen, poetischen Alltagsbeobachtungen lassen bis heute keinen Brasilianer kalt.

Armut, Depressionen und Genugtuung

1980 kehrte Gilberto endgültig nach Rio zurück. Die Samba habe ihn gerufen, und er möchte dem Boogie-Woogie den Rücken kehren, wie er im Lied «Adeus America» beschrieb.

Dem Boogie-Woogie den Rücken gekehrt: João Gilberto spielt in Montreux das Lied «Adeus America». Quelle: xman77c

Mit anderen Musikern zu arbeiten, war ihm – dem krankhaften Perfektionisten – kaum mehr möglich. Er trat nur noch solo auf, allein mit seiner Gitarre, genauso, wie er es auf der Toilette in Diamantina gelernt hatte. Sozial zog er sich immer mehr zurück und verkam beinahe zum Phantom.

Die letzten Meldungen über ihn waren besorgniserregend. In der Familie herrschte Streit um ein mögliches Erbe, nachdem er vor zehn Jahren die Ehe mit einer Journalistin einging. Er soll ein Leben in Armut und Depression zugebracht haben, soll bei Freunden untergekommen sein, nachdem er sein Luxusappartement in Rios Nobelviertel Leblon verlassen musste.

Doch im März 2019 gewann er vor Gericht einen Prozess gegen die Plattenfirma Universal, welche die Rechte seiner Lieder übernommen hatte. Es ging um Geld, das ihm in der Anfangszeit des Bossa nova unterschlagen wurde. Die Entschädigung soll sich auf 44 Millionen Franken belaufen.

Die Genugtuung kommt für ihn zu spät: Am letzten Samstag ist João Gilberto im Alter von 88 Jahren in Rio de Janeiro gestorben. Seine Musik wird sämtliche Launen der Zeit überdauern.

Erstellt: 07.07.2019, 16:55 Uhr

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