«Johnny Depp ist nicht hier»

Bryn Terfel ist der gefragteste Bassbariton – und der schlagfertigste. Derzeit probt er in Zürich «Sweeney Todd».

«Im Moment pfeife ich dauernd ‹Sweeney Todd› im Tram»: Bryn Terfel im Zürcher Opernhaus. Foto: Fabienne Andreoli

«Im Moment pfeife ich dauernd ‹Sweeney Todd› im Tram»: Bryn Terfel im Zürcher Opernhaus. Foto: Fabienne Andreoli

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Bryn Terfel, wie ist es, ineiner Rolle gegen Johnny Depp anzutreten?
Ha! Der sitzt in Hollywood, nicht in Zürich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er zweieinhalb Monate opfern würde für eine Aufführung an einem Opernhaus. Das wäre ja auch schwierig, bei seiner Gage.

Aber viele, die «Sweeney Todd» im Opernhaus sehen werden, kennen Tim Burtons Film mit ihm.
Sie kennen das Musical trotzdem nicht, es wurde ja ziemlich gekürzt für den Film. Bei uns gibts nun die ganze wunderbare Partitur, in der wirklich alles drinsteckt: Familie, Liebe, Rache, Tod. Komödie, Tragödie. Es ist kein Weihnachtsstück, wirklich nicht. Aber grossartiges Theater.

Sie haben es, um noch ein bisschen in Hollywood zu bleiben, einst zusammen mit der Oscarpreisträgerin Emma Thompson gesungen. Wie kam das?
Nun, Emma Thompson ist sehr gut befreundet mit der Schauspielerin Imelda Staunton, und die hatte die Mrs. Lovett mit grossem Erfolg gesungen. Dass Emma das dann auch wollte, könnte man wohl als eine Art freundschaftliche Rivalität bezeichnen. Jedenfalls hat sie Imelda gefragt, ob sie das wagen soll, und die hat gesagt: Unbedingt, aber du musst die Partitur ein Jahr vor der Aufführung studieren.

Und, hat sie das getan?
Ja. Sie kam perfekt vorbereitet auf die Probe. Ein wirkliches Vorbild in Sachen Qualität, Integrität, harter Arbeit.

Auch für Sie ist das Stück eine ungewöhnliche Herausforderung. Zum Beispiel müssen Sie mit Verstärkung singen.
Die Orchestrierung ist sehr schwer. Massive Perkussion, fette Streicher. Aber wir lernen eine Partie ja in unserem Musikzimmer. Und es ist wichtig, sich auf der Bühne an das zu erinnern, was man dort erarbeitet hat. Wenn man das aufgibt, ist es der Untergang. Man darf die Stimme, die Aussprache kein bisschen vernachlässigen. Das Mikrofon gibt einem keine Freiheiten.

Und wie ist es mit den Dialogen? Viele Sänger hassen gesprochene Passagen.
Aber wir kennen das doch von der «Zauberflöte»! 

Es ist aber schon praktisch,dass Englisch Ihre Muttersprache ist, nicht?
Ich muss mir trotzdem überlegen, wie ich den Text gestalte, damit er lebendig wird. Wo ich schnell sprechen kann, wie nebenbei – und wo ich ganz gezielt Informationen transportieren muss.

Wie ist es beim Singen? Welche Rolle spielt da die Sprache für Sie?
Wir Sänger sind Multilinguisten, wir singen in allen möglichen Sprachen. Aber Englisch ist ja sozusagen die internationalste Sprache – da fände ich es schrecklich, wenn die Leute aus dem Theater gingen und sagen würden, sie hätten kein Wort verstanden. Wissen Sie noch, die drei Tenöre? (singt) «I justa metta a girla named Maria» – das ist grauenvoll, das wird Bernsteins Stück nicht gerecht. Englisch ist schwierig zu singen, man muss ganz klar artikulieren. Zwerchfellstütze, Atemkontrolle, nicht zu schnell.

Sie singen auch andere Sprachen erstaunlich akzentfrei.
Ich singe Wagner, das ist für mich eine weit entfernte, unfreundliche Sprache – aber ich muss sie so lernen, dass ich sie in jedem Land der Welt präsentieren kann. Und wenn ich in Italien schlechtes Italienisch singe, kann ich ja nie mehr dorthin zurück. 

Braucht es da ein besonderes Talent? Oder reichen gute Sprachcoachs?
Für manche Sprachen hat man ein Gefühl, da kann man sich bis zu einem gewissen Grad selbst korrigieren. Interessant war für mich «Boris Godunow»: Für Russisch habe ich dieses Gefühl nicht, da war ich wirklich den Coachs ausgeliefert. Nun ist es ja so, dass man eine Oper über längere Zeit lernt, also nicht nur an einem Ort. Als ich «Boris Godunow» vorbereitet habe, war ich in Monte Carlo, Paris, Colorado und New York. Also brauchte ich an all diesen Orten einen Sprachcoach und einen Pianisten. Das sind Herausforderungen!

Und von der Stimme haben wir noch gar nicht gesprochen. Ihre ist ziemlich schwarz; war sie das schon immer?
Nein, die Stimme verändert sich mit dem Alter, je nachdem, was man singt. Ich habe ja mit Mozart angefangen, da geht es um Leichtigkeit, in der Stimme und überhaupt. Wenn man «Le nozze di Figaro» singt, hat man Spass, auf und neben der Bühne. Da läuft alles sehr kollegial unter den Sängern, man geht zusammen essen und ins Kino. Sobald man dann mit Wagner anfängt, wird man langweilig, obwohl Wagner-Sänger eigentlich lustige Leute sind. Man ist sich bewusst, dass man diese langen Stücke nur durchsteht, wenn die Stimme gesund ist.

Eigentlich schade, nicht?
Sehr schade! Deshalb bin ich nicht nur unfroh darüber, dass meine Wagner-Zeit beinahe vorbei ist. Ich kenne ja meine Agenda für die nächsten fünf Jahre, da stehen noch zwei, vielleicht drei Produktionen des «Fliegenden Holländers» drin. Danach werde ich sechzig sein, also zu alt, um noch einmal den Hans Sachs oder den Wotan zu singen.

Aber Bassbaritonstimmen altern ja oft gut?
Sie sind vielleicht weniger klar definiert als Tenorstimmen. Ich kann so ziemlich alles singen in meinem Fach, nur die höheren Verdi-Partien gehen nicht. Bei Tenören dagegen ist es oft viel klarer, in welche Richtung die Stimme geht: Mozart-Tenor, Bach-Tenor, Verdi-Tenor ...

Wir sitzen hier in der Opernhaus-Garderobe gerade unter einem Tablar mit den Probe-Schuhen von Tenören.
Genau, da sieht man das schön. Lawrence Brownlee kann enorm hoch singen und endlose Koloraturen. Roberto Alagna – da kommt mir sofort die «Tosca» in den Sinn. Dann Piotr Beczala, Pavol Breslik – speziell, die da so alle versammelt zu sehen.

Sie selbst wären als Tenor irgendwie nicht vorstellbar.
Ich wäre ein grossartiger Tenor! Der beste! Oder zumindest der beste Otello. Ich könnte Peter Grimes singen, Andrea Chénier. Jeder Bariton wäre gerne Tenor.

Matti Salminen hat einmal gesagt, er möchte für einen einzigen Tag Tenor sein und dann den Tristan singen.
Gute Wahl. Er wäre ein sehr guter Tristan. Aber für mich wäre das nichts, ich möchte nicht noch einmal eine so lange Oper lernen. Obwohl ich leicht lerne, es ist interessant, was der Geist kann, wenn er unter Druck ist. In ein paar Tagen kann man eine ganze Oper in den Kopf bringen.

Vergisst man sie dann auch schnell wieder?
Was man schnell lernt, vergisst man auch schnell. Aber wenn etwas lange im Hinterkopf köchelt, bleibt es. Im Moment pfeife ich dauernd «Sweeney Todd» im Tram. Die Leute denken dann wohl, ich spinne. Aber so ist es, wenn man richtig drin ist.

«Sweeney Todd» am Zürcher Opernhaus: ab 9. Dezember.

Erstellt: 04.12.2018, 20:31 Uhr

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Bryn Terfel

Der 1965 als Sohn eines walisischen Farmers geborene Bassbariton ist auf allen grossen Bühnen gefragt. Zu seinen Paraderollen gehört neben Wagners fliegendem Holländer und Verdis Falstaff (die er beide schon in Zürich sang) auch der fiktive Serienmörder Sweeney Todd aus Stephen Sondheims Musical von 1979. (red)

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