Kaum hörbar und vibrierend laut

Der junge Londoner Benjamin Clementine sorgt für emotionale Eruptionen am Flügel, bleibt unnahbar und macht sich leise aus dem Staub.

«Quiver A Little», «I Won't Complain» und «London»: Benjamin Clementine gibt für Deezer drei seiner intensiven Songs zum Besten.


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Die Aufmerksamkeit der Zuschauer im KKL Luzern wird konsequent auf das gerichtet, was zählt an diesem Abend: Benjamin Clementine. Barfuss (wie immer) betritt er seine Bühne, die er mit Cellospielerin, Schlagzeuger und Gitarrist teilt. Doch die im Konzertsaal schwach beleuchtete Bühne richtet den Blick des Publikums stets auf den 26-jährigen Pianisten.

Auf seine enorme Statur, auf seine charakteristische Silhouette mit der «Eraserhead»-Frisur, die wie eine Skulptur in Szene gesetzt ist. Und auf seine emotionalen Eruptionen am Flügel. Der englische Musiker ghanaischer Abstammung präsentiert am Blue Balls Festival sein Debütalbum «At Least for Now» zum ersten Mal in der Schweiz.

Atmosphärische Sogkraft

Während seine langen Finger über die Tasten gleiten, steigert sich seine soulige Stimme vom kaum hörbaren Flüsterton über seelenruhig stehende Töne bis zum schmerzhaft vibrierenden Schrei. Clementines dominante Stimme erfüllt den Raum, als würde er diesem Sänger zustehen. Während seine Musik ähnlich einem Film einen atmosphärischen Sog entwickelt, irritiert seine selbstüberzeugte Präsenz, die das Publikum dazu zwingt, still zu sein.

Obwohl seine ausgreifende Stimme und Performance mit Grössen wie Nina Simone, Antony Hegarty und Jimi Hendrix verglichen wurden, ist er einzigartig. Mit einfachen, aber dramatischen Gesten am Klavier stimmt er das Publikum ein, wird vom Pizzicato des Cellos abgeholt und fasst schlussendlich die Aufmerksamkeit des Publikums gemeinsam mit dem Schlagzeuger und dem Gitarristen. Spätestens seine Stimme erobert den letzten noch abgelenkten Zuschauer.

Eher durchdacht als real

Die Begeisterung um Clementines Person begann mit einem modernen, im Internet verbreiteten Märchen, das eher durchdacht als real scheint: Mit seinem letzten Geld verlässt er London und spielt in der Pariser Metro gegen den Lärm der Metropole an. Er ist pleite, schläft unter Brücken und in billigen Hotels, bis er eines Tages entdeckt und unter Vertrag genommen wird.

In einem Interview hat er die tragisch klingende Geschichte relativiert: «Ich habe nicht nur in der Metro gespielt, sondern auch auf Geburtstagen und in Bars», sagte er. «Ich will nicht, dass jemand Mitleid mit mir hat. Ich hatte eine Phase, die im Vergleich zu anderen Schicksalen nicht erwähnenswert ist.»

Sein Werdegang, sein Talent, sein Ziel: Clementine im Interview mit Qobuz (Video: Youtube/Qobuz France)

Auch in seinem Luzerner Auftritt bemüht er sich, die Strenge zu durchbrechen. So versucht er, Scherze einzubauen zwischen die dichten sängerischen Momente, in denen er Fragen flüstert wie: «What is good and what is mad? Should I be mad or should i just waste my time?». Mit einem Lächeln müht er sich, «Luzern» richtig auszusprechen. Doch irritiert dies eher, als dass es ihn menschlicher dastehen lässt. Der Mann wirkt so selbstbewusst wie unnahbar.

Die Themen seiner Songs setzen seine stoische Ernsthaftigkeit auch voraus. Über seine Lippen gehen eindringliche Texte, die der begabte Lyriker selbst schreibt und rhetorisch inszeniert: Tiefe Sehnsüchte, Leid und zerreissende Verzweiflung bringt er mit persönlicher Betroffenheit und Intensität auf die Bühne. Seine Lieder sind in ihrer Intimität fast überfordernd. Sein Ernst schnürt ein. Trotzdem spürt man, dass Clementine mit seinem Talent dort ist, wo er hingehört: auf der Bühne, mit seinem Flügel und seiner Stimme.

Eine Skulptur, ein Musiker

Er ist und bleibt eine fesselnde Figur, ob erfunden oder real. Eine knappe Stunde lang lässt er das Publikum seine Songs spüren und besitzt den Raum, dann macht er sich leise aus dem Staub.

Heute ist Benjamin Clementine in Nyon am Paléo Festival zu hören, und am 18. Dezember wird er im Zürcher Kaufleuten auftreten.

Erstellt: 20.07.2015, 17:50 Uhr

Ein kleines Kunstwerk von Benjamin Clementine: Sein Debütalbum «At Least for Now».

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