Keine Zeit für Nostalgie

Auf seinem ersten Soloalbum seit 14 Jahren sucht David Byrne nach Möglichkeiten, um die amerikanische Gegenwart auszuhalten.

Nur Touristen, aber die Aussicht ist schön: Byrnes «Everybody’s Coming to My House» vom neuen Album.


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Alles ist so schön lieblich hier: die akustische Gitarre, das Klavier, ja, selbst die Stimme von David Byrne. Die strahlte ja früher neurotisch, wirkte angespannt und rettete sich dann in den grössten Hits seiner ehemaligen Band Talking Heads in fast schon ausgelassene Refrains. Nun, nach 50 Sekunden von Byrnes neuem Album «American Utopia», geschieht das Gegenteil: Ein böse verzerrter Roboterbeat setzt ein, und des Sängers Stimme übernimmt den metallischen Klang, wenn sie singt: «I dance like this», so scheppernd tanze ich also. Die Utopie, die im Albumtitel versprochen ist, kippt bei diesem Tanz der Roboter ins Dystopische. Doch es dringt auch ein Humor durch, denn David Byrne ist in diesen Tagen kein Zyniker, der für die Zukunft schwarzsieht. Eher sucht er nach Fluchtpunkten, um die Gegenwart auszuhalten.

«American Utopia» erzählt von dieser Suche nach Möglichkeiten, nach «kleinen Inseln der Hoffnung», wie Byrne im Gespräch sagt. Das Album – seine erste «richtige» Soloveröffentlichung seit 14 Jahren und sein erstes popmusikalische Statement seit der Kollaboration mit der Musikerin St. Vincent von 2012 – tut dies wesentlich aufregender als seine Vortragsreihe «Reasons to Be Cheerful». Mit ihr tourte Byrne zum Jahresbeginn durch Europa, und der 65-Jährige berichtete von Projekten, die ihn – trotz Trump und Klimawandel – optimistisch stimmen. Reibungspunkte fehlten im Programm gänzlich, anders als auf «American Utopia». Bereits der Titel, sagt Byrne, soll auch provozierend wirken, weil die USA und utopische Entwürfe derzeit nicht zusammenpassen.

Lösungen gibts keine

Die Reibung hängt auch damit zusammen, dass das Album auf Beats basiert, die Byrnes Weggefährte Brian Eno von einem Algorithmus programmieren liess. Sie dienen ihm nun als Basis für Songs, die gemeinsam mit jüngeren Musikern wie dem Experimentierer Oneohtrix Point Never oder Rodaidh McDonald, dem Förderer der Band The XX, entstanden. «American Utopia» klingt dann am schönsten, wenn sie aus dem Ungefähren in Richtung Licht streben. «Every Day Is a Miracle» ist ein solcher Song, der im Refrain kinderliedhaft wirkt, wenn man die Worte überhört, die von unbezahlten Rechnungen und vom Leben in der Armut erzählen. In «Everybody’s Coming to My House» japst Byrne, wenn er sein Haus für alle Durchreisenden öffnet und dann singt: «We’re only tourists in this life.» Nur Touristen, aber die Aussicht ist schön.

«American Utopia» ist ein typisches Byrne-Album, auch weil der Blick zurück gänzlich fehlt: «Ich versuche, der Nostalgie zu widerstehen», sagt Byrne. Lieber stellt er sich der komplizierten Gegenwart, auf die er mit Popsongs antwortet, die keine Lösungen bereithalten. Sie klingen aber doch so, als habe ein kritischer Geist im Hier und Jetzt Hoffnung gefunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 10:02 Uhr

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