Kiss im Hallenstadion – ein letztes Mal Blut gespuckt

Die Hardrocker sind auf Abschiedstour. In Zürich wars ein Goodbye voller Blutvergiessen, Liebe – und einem besonders schweren Moment.

Hardrock der hemdsärmligeren Art: Gene Simmons von Kiss in Zürich. Fotos: Urs Jaudas

Hardrock der hemdsärmligeren Art: Gene Simmons von Kiss in Zürich. Fotos: Urs Jaudas

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Die Stimme singt nun in den höchsten Tönen die wohl schwülstigste Liebesbekundung der Popgeschichte: «Ich bin gemacht, um dich zu lieben, Baby», schmachtet sie. Der dazugehörige Körper will mit Schwülstigkeit und Liebe jedoch so rein gar nichts zu tun haben. Er steckt in einem martialischen Metallpanzer mit zerstörerischen Zacken im Schulterbereich. Um den Mund des sinister geschminkten Gesichts finden sich noch Reste von Theaterblut, und zwischenzeitlich schnellt aus diesem Mund eine Zunge, die so lang ist, dass sie beinahe bis übers Kinn reicht. Körper und Stimme gehören Gene Simmons, dem Bassisten der Gruppe Kiss. Und er befindet sich gerade in jenem Moment des Auftritts, den er am meisten verachtet.

Es finden sich in der ganzen Discografie von Kiss nicht viele romantische Anwandlungen. Zwar ist «Love» eines der meistbenutzten Wörter der Band (ein Fan zählte 635 Erwähnungen in sämtlichen Kiss-Texten), doch in aller Regel geht es da um die Liebe zu irgendwelchen Alkoholika, zu lauter Musik oder zum guten alten Rock’n’Roll.

Wir wurden gemacht, um sie zu lieben: Kiss im Hallenstadion

Meist stampfte diese Band also durch eine Welt aus Feuer, Fels und Donnerwetter. Bis Paul Stanley nach einer Nacht im New Yorker Party-Tempel Studio 54 die Eingebung hatte, auch er könnte einen sexy Song schreiben, in der Art, wie er es sich die ganze Nacht hatte anhören müssen. Ein bisschen hippes Disco-Feeling sollte er haben, einen groovy Bass und eine ganze Menge souliger Gefühligkeit. Er ging nach Hause, schraubte seinen Drumcomputer auf 126 Beats pro Minute und schrieb den Song «I Was Made For Lovin‘ You» – den grössten Hit, den Kiss je geschafft hat. 1979 war das. Aus dem Set im Hallenstadion ragt dieser Song heraus wie das Matterhorn aus der Schweizer Alpenkette, wie ein Rembrandt aus einem Haufen Brockenhaus-Gerümpel. Und er wird hier bejubelt wie ein Eishockeymeistertitel.

Nur Gene Simmons mag sich nicht mitfreuen. Er, der damals im Studio den groovy Bass nicht zu Stande brachte (eingespielt hat ihn dann der damalige Gitarrist Ace Frehley) und sich mit der Rolle des Background-Sängers begnügen musste, hasst das Lied bis heute. Nicht, dass er im Verlauf des Konzerts einmal besonders freundlich dreinblicken würde, doch dieser Liebessong scheint seine Physiognomie unter der Dämonen-Schminke noch zusätzlich zu verfinstern.

Die Maskerade war das Markenzeichen der Band: Sänger Gene Simmons

Genes Ding sind eher die kernigen Rocknummern, mit denen das fast zweistündige Set vollgepfercht ist: «Rock And Roll All Night», «Say Yeah» oder «Let Me Go, Rock’n’Roll» heissen sie. Und wie die Titel bereits implizieren, sind das keine Nummern, die sich durch ein Übermass an Fantasiereichtum hervortun. Es ist Hardrock der hemdsärmligeren Art. Mutwillig einfach gehalten, ganz nach dem Credo von Paul Stanley, der einmal sagte, man müsse die Musik deshalb simpel gestalten, damit auch die Menschen, die keine Instrumente spielten, die Sache schätzen können.

Und ja, man würde einen Song wie «Love Gun» heute vermutlich nicht mehr exakt so betexten («No place for hidin' baby / No place to run / You pull the trigger of my / Love gun»). Doch auch wenn dieses Lied von musikalischem, sozialem und modischem Fortschritt unberührt geblieben ist, kitzelt es auf ganz wohlige Weise die an Kiss-Konzerten ohnehin geschärften niedrigen Instinkte. Aber zurück auf Anfang. «End of The Road World Tour» heisst die Konzertreihe, mit welcher die 46-jährige Karriere von Kiss im Dezember zu Ende gehen soll. Das Hallenstadion ist die siebtletzte Station in Europa, dementsprechend kann das Gefühlsgemenge im Publikum als schwerblütig-feierlich beschrieben werden. Viele haben sich zur Feier des Tages noch einmal eine Kiss'sche Gesichtsbemalung in die Visage gepinselt, andere haben sich in ein betagtes Kiss-T-Shirt gezwängt, in das ihre Bauchgegend vor 20 Jahren noch wesentlich besser hineinpasste.

Vom Gründerquartett steht neben Simmons nur noch Gitarrist Paul Stanley im Aufgebot.

Und wie die fabelhaften Vier zum Konzertauftakt – begleitet von Detonationen, Feuerwerk und dem Lobgeschrei einer abgewetzten Speaker-Stimme – auf Bienenwaben von der Bühnendecke gondeln, kommen sie einem vor wie liebgewonnene Comic-Figuren, mit denen man schon so einige Abenteuer durchlebt hat. Was war das früher für ein Schulplatzereignis, als in der «Bravo» erstmals verwackelte Paparazzi-Bilder publiziert wurden, auf denen die Musiker unmaskiert zu sehen waren. Wie hat man gestaunt, als verraten wurde, woher das Blut stammt, das Gene Simmons an den Konzerten zu vergiessen pflegt, und wie war man beeindruckt, als man dank Gene Simmons erstmals mit der Kunst des Feuerspeiens konfrontiert wurde. Die Bühnentricks sind bis heute etwa dieselben geblieben – neuerdings schiesst Gitarrist Tommy Thayer während seines Solos auch noch sämtliche Beleuchtungskörper von der Decke.

Vom Gründerquartett stehen nur noch Gene Simmons und Paul Stanley im Aufgebot. Thayer und Schlagzeuger Eric Singer haben zwar die Schminktipps ihrer Vorgänger übernommen, vor allem Letzterer ist jedoch handwerklich um Weiten begabter als das Urmitglied Peter Criss, wie er in einem grossartigen, locker und leicht geschlagenen, aber dringlich und wuchtig donnernden Schlagzeugsolo untermauert. Beklagenswerterweise verantwortet der gleiche Eric Singer kurze Zeit später mit der Interpretation des Schmachtfetzens «Beth» – als Einzelvorstoss am Glitzerpiano – dann auch noch gleich den absoluten Konzerttiefpunkt.

Als «The hottest band in the world» werden Kiss noch immer angekündigt, doch das Heisseste, was es an diesem Abend zu ertragen gilt, ist das nicht endenwollende Feuergefecht, das die Pyrotechniker das ganze Konzert über veranstalten. Bald riecht es im Hallenstadion, als hätte man in seinem Wohnzimmer zwanzig Tischbomben gezündet. Und Paul Stanleys Stimme krächzt während der Ansagen nahe an der Unkontrollierbarkeit. Doch sobald er sie zur Interpretation seines alten Liedguts einsetzt, gehorcht sie ihm dann wundersamerweise wieder ganz prima. Eine Beobachtung, die im Vorfeld des Konzerts den Verdacht hat aufkommen lassen, Stanley würde auf seine alten Tage hin noch schummeln und es gehe da irgendwo im Hinterbühnenbereich ein Playbacksänger zu Werke, der für ihn den Hauptgesang übernehme. Eine Anschuldigung die sich in Zürich nicht erhärtet. Es scheint, als sei diese krächzende Stimme ganz einfach in diesen Songs zu Hause.

Das Bandlogo wurde zu einer popkulturellen Ikone: Kiss beim Schweizer Abschiedskonzert

Kiss waren musikalisch nie als Innovatoren oder Bahnbrecher bekannt. Vor ihnen setzten Bands wie Deep Purple, Led Zeppelin oder Black Sabbath die Rockmassstäbe. Ihr markantestes Gut war und ist ihre Maskerade, die sie nicht nur unverkennbar gemacht hat, unter der die Musiker auch ganz stilvoll auf die 70 zusteuern konnten, ohne dass jemand von einer tatterigen Freakshow gesprochen hätte. Dennoch ist der einstige Bubentraum offenbar in letzter Zeit zum Seniorenalbtraum verkommen. «Wären wir eine Band, die Jeans und T-Shirts trägt, könnten wir Rock'n'Roll spielen bis wir 90 sind», hat Paul Stanley kürzlich erzählt. Doch mit 25 Kilo Kostüm am Körper werde das langsam zur Belastung.

Mit einem letzten pyrotechnischen Schlussbouquet verabschieden sich Kiss also von ihrem Schweizer Publikum. Im richtigen Leben wirds wohl etwas ruhiger, aber nicht weniger engagiert hergehen. Gene Simmons setzt sich karitativ für Kinder in Entwicklungsländern ein. Paul Stanley malt Bilder und hat ein Buch geschrieben, in dem er erklärt, wie es sich gesund altern lässt. Say yeah!

Erstellt: 05.07.2019, 03:26 Uhr

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