Knapp über die Zeit gerettet – Bon Jovi im Letzigrund

Mitfühlen und mitleiden: Der Grandseigneur des Stadionrocks hat bei seinem Schweiz-Besuch beängstigend geschwächelt.

Die mitsingenden Fans können den schiefen Gesang von Bon Jovi nur halbwegs übertönen. Foto: Andrea Zahler

Die mitsingenden Fans können den schiefen Gesang von Bon Jovi nur halbwegs übertönen. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Obacht: Es folgt ein Gedanke, der ist so erschreckend, dass man ihm nicht allein in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Er geht folgendermassen: Es gibt am Bon-Jovi-Konzert im Zürcher Letzigrundstadion kaum eine Person, welche die Lieder des Amerikaners schlechter singen würde als der Herr Bon Jovi selbst. Der tausendstimmige Mitsing-Chor, der fast das ganze Konzert über durch das Oval schallt, verwischt die vokalen Unstimmigkeiten des Meisters nur halbwegs, am besten klingt das Ganze, wenn der Tontechniker dessen schiefen Gesang dezent in den Hintergrund mischt.

Ja, das ist eine eher schlechte Ausgangslage für einen erquicklichen Stadionrock-Lustgipfel. Sobald der Hauptdarsteller des Abends die hohen Töne ansteuert, ist es nur noch ein Mitleiden und Mitfühlen mit dem Mann, der der Welt immerhin mehr Hits beschert hat, als ins Tagesprogramm eines herkömmlichen Hitradios passen. Und obwohl dieser John Francis Bongiovi jr. unter einer Gras- und Lichtallergie leidet, gilt er noch immer als der Prototyp des Stadionrockers – dieser etwas aus der Mode gekommenen Königsdisziplin der Massenbeschallung.

Hymne für die Eigenheimbesitzer dieser Welt

Bon Jovi beginnt das zweistündige Set mit dem Titelstück seines 2016 erschienenen letzten Albums. Es heisst «This House Is Not For Sale». Doch was klingt wie eine Hymne für die Eigenheimbesitzer dieser Welt, will eine Metapher sein auf die Band Bon Jovi selbst: Ein altes Haus mit langer Geschichte und tief verwurzeltem Fundament soll man nicht einfach so verlassen, lautet die Botschaft.

In das Lied wurde alles gepfercht, was eine währschafte Stadionhymne benötigt: ein leicht nachvollziehbares Gitarrenriff zu Anbeginn sowie ein einsetzender, unkomplizierter Beat zum Mitklatschen. Und nach einer rassigen Strophe gehts auch schon spornstreichs in den Mitsingrefrain, der genügend lang gezogene Vokale enthält, dass die Besucher einer voll besetzten Sportanlage unaufgefordert zum Mitsingen animiert werden.

Einer seiner grössten Hits, live im Zürcher Letzigrund. Video: Youtube

Und es funktioniert. Wie so ziemlich alles funktioniert hat in der bisherigen Karriere des Abermillionensellers Jon Bon Jovi. Die geschätzte 40-Tausenderschaft ist offenbar gewillt, am Mittwochabend in Begeisterung auszubrechen, und so verübt der gediegen ergraute 57-Jährige bald ein Siegerlächeln, das jeder Zahnpastawerbung gut anstehen würde.

Irgendwann, nach einem wenig beachteten Konglomerat neuerer Songs, sagt Herr Jovi: «Wenn ihr sehr nett seid, bringe ich euch zurück in die Zeit, in der alles begann.» Und da die Leute in Zürich sehr nett sind, zählt er kurz darauf einen Rückwärts-Countdown ein, der sein Publikum durch die Neunziger und die Achtziger zeitmaschinenartig ins Jahr 1984 zurückkatapultiert. Dem gellenden Jubel nach zu schliessen, den diese Aktion auslöst, ist das die Epoche, in der sich der Bon-Jovi-Schlachtenbummler erinnerungstechnisch so richtig pudelwohl fühlt.

Bon Jovi spielen allgemein verträglichen Stadionrock. Foto: Andrea Zahler

1984, in einer Zeit also, in der die musikalische Aufklärung dem Hörer schon so hübsche Errungenschaften wie Groove, Originalität oder Subtilität geschenkt hatte, veröffentlichte Bon Jovi nämlich sein Debütalbum und ruckzuckte sich mit seinem geschniegelten Hardrock in die Gefühlswelt der Menschen, die in der Musik eher das Naheliegende und Unaparte suchten. Groove, Originalität oder Subtilität finden sich bis heute nicht im Bon-Jovi-Kosmos. Gäbe es in der Rockmusik eine evolutionäre Entwicklung hin zu einem Ideal in Sachen Allgemeinverträglichkeit, dann würde am Ende dieser Evolutionskette die Musik von Bon Jovi stehen.

Es wird bis in die hintersten Reihen munter geklatscht, gejubelt und gesungen, bis sich der Rasen kräuselt.

Das beginnt bereits mit der Poesie. Von der Metapher-Muse wurde der Amerikaner nicht geküsst. So vergleicht er im neuen Stück «Roller Coaster» das Leben mit einer – was wohl? – Achterbahn. Und in seiner Schmachtballade «Always», die er während der laufenden Tournee aus nachvollziehbaren Gründen aus dem Set gestrichen hat, schwört er seiner Angebeteten die Liebe natürlich nicht bloss für die mittelbare Zukunft, sondern «forever and a day».

Bon Jovis Songkatalog lässt sich durchblättern wie eine Reklameschrift der grossen Gefühle. Humor oder Tiefenunschärfen gibt es in diesem bunten Bilderbuch nicht.

Froh gestimmtes Publikum

Das war es nun aber mit den schlechten Nachrichten aus dem Letzigrund. Das Publikum ist bis zum Ende froh gestimmt. Es wird bis in die hintersten Reihen munter geklatscht, gejubelt und gesungen, bis sich der Rasen kräuselt. Die Band entwickelt zwischenzeitlich einen ordentlichen Druck, und Phil Xenidis, einer der beiden Gitarristen, die das ausgestiegene Urmitglied Richie Sambora ersetzen, soliert sich mehrmals in schiere Ekstase. So wird das Konzert dann eben doch irgendwie zum Triumph. Nicht wegen, sondern trotz des schwächelnden Band-Oberhaupts.

Unentschieden: Bon Jovi im Letzigrund. Foto: Andrea Zahler

Der Erfinder des Stadionrocks hat an diesem Abend Wege gefunden, den Goodwill aufrechtzuerhalten: Die stimmlich nicht mehr zu bewältigenden Balladen hat er wohlweislich ausgelassen, und für Stadionhymnen wie «It’s My Life» oder «You Give Love a Bad Name» springen ihm die Chor-erprobten Mitmusiker zur Seite. Ausserdem ist der Tontechniker das ganze Konzert über bemüht, das Klangbild nicht allzu transparent und differenziert zu gestalten, um die offensichtliche Problemzone zu kaschieren.

Im Sport würde man wohl sagen: das Unentschieden knapp über die Zeit gerettet.

Erstellt: 11.07.2019, 02:35 Uhr

Artikel zum Thema

Bon Jovi serviert Gratis-Essen, Bush bringt Pizza

Die Haushaltssperre hat in den USA mehrere Hilfsaktionen hervorgerufen – nicht nur kulinarischer Art. Mehr...

Phil Collins lebt

Bildstrecke Erst humpelt der 68-jährige Popstar mit dem Stock auf die Bühne. Doch dann gibt er im Zürcher Letzigrund ein versöhnendes Konzert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Warum sich teure Fonds oft nicht auszahlen
Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...