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Krokus erzürnt die Fans zum Abschied – und triumphiert doch

Kaum jemand hätte gedacht, dass das Schweizer Abschiedskonzert von Pfiffen begleitet werden könnte. Was war da los im Hallenstadion?

Wozu Neues erfinden, wenn die alten Posen so gut sitzen: Marc Storace und Chris von Rohr an ihrem letzten Schweizer Konzert.
Wozu Neues erfinden, wenn die alten Posen so gut sitzen: Marc Storace und Chris von Rohr an ihrem letzten Schweizer Konzert.
Fabienne Andreoli

Ganz am Schluss liegen sich also alle in den Armen, das Publikum jubelt, als habe da gerade jemand einen Schweizermeistertitel errungen, auf der Grossleinwand steht in feierlicher Schrift «Switzerland, you are the greatest», Konfetti regnen vom Himmel, und dazu erklingt Louis Armstrongs «What a Wonderful World».

Schwer vorstellbar, dass zwei Stunden zuvor das gleiche Publikum den letzten Schweizer Konzertabend der Gruppe Krokus noch mit einem gellenden Pfeifkonzert eingeläutet hat. Der Band gefiel es nämlich, diesen – anstatt mit einer Vorband – mit der Krokus-Doku «As Long As We live» zu starten. Glücklicherweise nicht mit dem ganzen Eineinhalbstünder (das hätte zu offenen Tumulten geführt), wohl aber mit jenen Szenen, die der Band am meisten bauchpinseln. Resultat dieses erzwungenen, halbstündigen Doku-Film-Public-Viewings: erzürntes Publikum, erste müde Beinchen auf den Stehplätzen.

Gitarrensoli und Quetschsopran

Was darauf folgt, lässt sich als Steigerungslauf in Sachen Publikumsrückgewinnung beschreiben. Zum Fernsehgucken ist niemand ins Stadion gekommen, erwartet – und geboten – wird Krokus in Bestform. Das Triebwerk rattert in nie gehörter Präzision, der Tonmann fokussiert auf die klangliche Wucht.

Auch sonst ist alles da, was die Freunde des Hardrock 1.0 erquickt: ausufernde Gitarrensoli (grossartig: Mandy Meyer), der obligate Schlagzeug-Einzelvorstoss (noch grossartiger: Flavio Mezzodi), Pyrotechniker, die ihre Finger stets locker am Abzug haben, und dann natürlich der berühmte maltesische Quetschsopran des Herrn Storace – dem Sänger, der viel zu singen, aber in der Band nicht allzu viel zu sagen hat.

Der Verdienst von Krokus ist es, über all die Jahre einem abgefingerten Genre treu geblieben zu sein.

Auf Bühnenfirlefanz wird verzichtet, ausser den Arbeitsgerätschaften ist die Szene einzig mit handgezählten 24 Verstärkerboxen verziert. Eine Tendenz zum Kernigen, die Krokus auch musikalisch anstrebt: Ins Epische driften Krokus an diesen Abend nicht ab, ausser dem von linder Skihüttenfeierlichkeit umwehten «Dirty Dynamite» und dem etwas nachdenklicheren «Winning Man» fällt kaum ein Song aus dem Stahlrahmen.

Gassenhauer wie «Bedtime Radio» oder «Screaming in The Night» werden nicht nur mit mehr Dreck, sondern auch mit mehr Fett angereichert – eine Grundidee, die sich durchs ganze Set zieht. Gewisse Abnützungserscheinungen stellen sich da zwangsläufig ein: Krokus agiert wie ein Boxer, der stets auf die selbe Stelle haut – irgendwann tuts nicht mehr weh. Aber am Schluss ist der Punktesieg eben doch perfekt.

Hält das Rocker-Ehrenwort

Krokus-Konzerte sind beilebe keine Innovationsgipfel, und besonders inspirierend sind sie auch nicht. Was soll man auch von einer Band erwarten, die sich 44 Jahre lang sämtlichen Moden stützig widersetzt hat. Und auch wenn Marc Storace irgendwann ins Auditorium fragt «Are you ready for some crazy Rock'n'Roll?», werden Krokus nicht als Revoluzzer, Aufbegehrer oder besonders crazy Vertreter ihrer Zunft in die Musikgeschichte eingehen.

Ihr Verdienst ist es, über all die Jahre einem ziemlich abgefingerten Genre treu geblieben zu sein. Sie haben ihm einige währschafte Stampfnummern beschert und mit ihrer gutschweizerischen Wertarbeit Hardrock-Freunde auf der halben Welt beglückt. In einem weltweit umkämpften Musikgenre derartige Reichweite zu generieren, war noch nicht vielen Schweizer Bands vergönnt, Innovationsstau und Originalitätsmanko hin oder her.

Denn ja, der Abend mit Krokus hat – trotz des unerfreulichen Einstiegs – irgendwie doch Freude gemacht. Diese Band tritt auf ihrem Höhepunkt ab, das Dauerstrahlen der Beteiligten auf der Bühne schien kurvenlos aus den jeweiligen Gemütszentren zu kommen.

Jetzt fragt sich nur, ob das Rocker-Ehrenwort wirklich hält und Krokus die «Adios Amigos»-Tour nicht ins Endlose dehnt. Die Verlockungen, sich doch nicht ganz zurückzuziehen, sind gross. Band und Gagen waren nie besser als heute, und die Jungs aus Solothurn, die vom Bünzlitum der Schweiz angestachelt, auszogen, um die Welt zu erobern, sind nun endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dies legt die mediale Krokus-Omnipräsenz in den letzten Tagen nahe.

Jedenfalls klangen die letzten Rücktrittsbeteuerungen des geistigen Bandoberhaupts Chris von Rohr nicht mehr ganz so ultimativ. Wie hat der eingangs erwähnte Louis Armstrong doch so schön gesagt: «Grosse Gedanken brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell zum Landen.»

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