Lauf weg, junges Mädchen!

Ein britisches Buch versammelt frauenfeindliche Motive aus der Rock- und Popmusik – und verteidigt die Songs, in denen sie stecken.

Mit allen Wassern gewaschen: Mick Jagger mit Anita Pallenberg und Michèle Breton im Film «Performance». Foto: Alan Band (Getty Images)

Mit allen Wassern gewaschen: Mick Jagger mit Anita Pallenberg und Michèle Breton im Film «Performance». Foto: Alan Band (Getty Images)

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Wie wäre es, wenn man unliebsame Kunst erst einmal aushielte? Bevor man sie gleich abhängen, übermalen, verbieten oder zensieren will? Es gab ja in jüngerer Vergangenheit genügend Beispiele dafür, wie gegen sexistische oder mutmasslich sexistische Kunst mobilgemacht wurde. Eugen Gomringers Gedicht, in dem ein männlicher Betrachter vielleicht allzu aufdringlich Alleen, Blumen und Frauen betrachtet. Das Balthus-­Gemälde von der jungen, träumenden Thérèse, deren hochgerutschter Rock im New Yorker Metropolitan Museum für Proteste und Abhänginitiativen sorgte. Die nackten Nymphen von John William Waterhouse, die in der Manchester Art Gallery erst ab- und danach wieder aufgehängt wurden.

All diese Fälle sind kompliziert und unterschiedlich gelagert, aber sie eint eines: die Möglichkeit, zu fragen, was wäre, wenn man die Kunst erst einmal als Kunst rezipierte, statt sie umgehend als Ausdruck eines Problems zu betrachten, das aus der Welt geschafft gehört – in diesem Fall des Sexismus. Man könnte zum Beispiel einen Blick in die Popkultur werfen. Da gibt es massenhaft Beispiele für sexistische Popsongs, über die sich scheinbar niemand aufregt. Sie werden weiterhin gespielt, gehört, geliebt.

Man liest deshalb begierig das englischsprachige Buch «Under My Thumb – Songs That Hate Women and the Women That Love Them». Darin haben die britischen Autorinnen Rhian E. Jones und Eli Davies Kurzessays zusammengetragen, in denen weibliche Autorinnen einerseits frauenfeindliche Motive in älterer und jüngerer Rock- und Popmusik ausmachen. Andererseits verteidigen sie ihre Liebe zu ebendieser Musik.

Das ist ein heikles Manöver, noch dazu in Zeiten von #MeToo. Es geht hier nicht um Masochismus oder die Abwehr von Bedenken. Es geht um die Frage, mit welchem Bewusstsein man heute zum Beispiel Death-Metal-Songs hören kann, in denen Männer darüber singen, wie sie Frauen mit Messern penetrieren. Oder wie man Rapsongs hört, in denen Frauen fast immer die «bitches» sind, also: Schlampen. Auch einen Essay zur gängigen Tradition der Murder Ballads gibt es in dem Buch. Moritaten also, in denen unschuldige Mädchen geschändet und ersäuft werden. Und natürlich geht es um den titelgebenden Rolling-Stones-Hit «Under My Thumb» von 1966, in dem Mick Jagger darüber singt, wie er eine nervige Geliebte als «jaulende Hündin» unterm Daumen hält.

Keine Autorin will ein Verbot

Interessanterweise fordert keine der Autorinnen ein Verbot der Musik. Das überrascht vielleicht, ist aber Ausdruck einer reflektierten feministischen Kunstrezeption. Am einleuchtendsten lässt sich das am Beispiel von «Baby Got Back» festmachen. In dem Raphit von Sir Mix-a-Lot von 1992 geht es um nichts anderes als den weiblichen schwarzen Hintern in seinen prallsten Formen. Nur ein richtig fetter Hintern errege ihn, rappt Sir Mix-a-Lot, nur eine Lady mit richtig fettem Hintern dürfe in seinem Mercedes Platz nehmen und so weiter.

Die DJane und Autorin Johanna Spiers regt sich über «Baby Got Back» nicht auf, sondern schreibt richtigerweise, dass es nur wenige Popsongs gibt, in denen schwarzen Frauen, die einen dicken Hintern haben, vermittelt wird, dass ihr Hintern sexy ist. Dem gängigen weissen Schönheitsideal entspricht er ja nicht.

Bevor man sich also stellvertretend für alle Frauen über den Sexismus von Sir Mix-a-Lot ereifert, könnte man vielleicht jene Frauen zurate ziehen, die mit dem Song gemeint sind. Des einen Sexismusvorwurf könnte des anderen Emanzipationsversprechen sein. Wer wollte da entscheiden, was richtiger oder wichtiger ist, oder ein Verbot fordern?

«Wir alle sind Opfer von Machtkämpfen.»Amanda Barokh, DJane und Autorin

Kunst ist selten eindimensional, sie ist immer kontextabhängig. Eine direkte Anleitung zum Leben ist sie fast nie. Das macht den Umgang mit ihr so kompliziert. Auch in «How I Learned to Stop Worrying and Love ‹Big Pimpin›» wird das deutlich, so heisst einer der erhellendsten Beiträge in dem Buch. Die irakisch-britische DJane und Autorin Amanda Barokh knöpft sich darin den Hit «Big Pimpin» (1999) von Jay-Z vor, heute Ehemann des R&B-Superstars Beyoncé Knowles. Er sei ein Zuhälter, der Frauen übers Ohr haue, durchvögele und dann fallen lasse, rappt Jay-Z in dem Song.

Zwar wird, so Amanda Barokh, «jede Feministin, die etwas auf sich hält, fünfzig ‹Gegrüsset seist du, de Beauvoir› herunterbeten, bevor sie sich den Song anhört». Barokh selbst aber liebt «Big Pimpin». Sie achtet dabei nicht so sehr auf den Text, sondern vielmehr auf die arabische Melodie, die den Hit trägt. Das Sample stammt aus dem Stück «Khosara» des ägyptischen Sängers Abdel Halim Hafez. Als Jay-Z und sein Produzent Timbaland dieses Sample 1999 verarbeiteten, war arabische Musik im westlichen Pop quasi inexistent. Tabu. Amanda Barokh erinnert sich, wie wichtig und identitätsstiftend der Hit damals für sie, eine junge Frau mit arabischem Hintergrund, war. Jay-Z habe arabische Musik im Hip-Hop, und damit im Pop, über Nacht «cool» gemacht, schreibt sie.

Einige Jahre später hört sie sich den Song noch einmal an – und hört darin weniger Frauenfeindlichkeit, sondern männliche Fragilität, die durch ultramachistisches Gepose kompensiert werden soll. «Auch Männer zahlen einen Preis dafür, dass sie in einem System leben, welches sie dazu zwingt, alle Zärtlichkeit und Verletzlichkeit zu verneinen», schreibt Barokh. «Wir alle sind Opfer von Machtkämpfen.» Am Ende hat sie fast Mitleid mit Jay-Z.

Nicht nur in diesem Beitrag kommt ein Denken zum Tragen, wie es im jüngeren Feminismus geprobt wird. Ein Denken, das bemüht ist, die Scheuklappen des westlichen, weissen, bürgerlich geprägten Feminismus abzulegen und Faktoren wie Ethnie, Klasse und Religion mitzureflektieren. Im Fall von «Under My Thumb» ist es ein Denken, das der Kunst nie die Verantwortung für den real existierenden Sexismus und die anhaltende gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen in die Schuhe schiebt. Keine der Autorinnen macht es sich so leicht, direkte Kausalitäten zu behaupten («Jungs werden frauenfeindlich, weil sie Rapmusik hören» etc.).

Sie widerstehen dem Impuls, den man in jüngerer Vergangenheit häufig beobachten konnte: dass man in der Welt aufräumen will, indem man ausgerechnet in jenem Bereich anfängt, in dem es doch eigentlich gilt, die grösste Freiheit zu verteidigen – in der Kunst. Im Grunde verfolgt das Buch also einen Ansatz, der auch aus den klassischen Cultural Studies bekannt ist: dass es so etwas wie einen emanzipierten Konsum antiemanzipatorischer Positionen geben kann, ohne dass davon die Welt gleich untergeht.

Pädosexuelles Verlangen

Die Philosophin Nina Power, bekannt durch ihr Buch «Die eindimensionale Frau» (2010) und ihre Texte im «Guardian», ist die prominenteste Autorin in dem Band. Ihr Essay handelt von «Young Girl», dem Hit von Gary Puckett & The Union Gap aus dem Jahr 1968. Power liebt diesen Song, der bis heute auf keiner «Best of 60s»-Kompilation fehlen darf, obwohl er ein Verlangen zum Ausdruck bringt, das man aus heutiger Perspektive pädosexuell nennen würde. Gary Puckett preist in dem Song die Verführungskraft eines minderjährigen Mädchens und gibt ihr zugleich die Schuld an dem fast geschehenen Missbrauch: «Lauf bloss weg, junges Mädchen, bevor ich es mir anders überlege!»

Ist das nur ein Song aus einer, wie Power schreibt, «mehr oder weniger unschuldigen Zeit»? Auch. Für die Autorin legt «Young Girl» aber offen, dass das junge Mädchen «der Inbegriff des heterosexuellen Verlangens» ist. Power beschreibt das Mädchen als jemanden, der von seiner Attraktivität selbst am wenigsten habe, weil es genug andere gebe, «die seine Jugendlichkeit entweder geniessen oder den Verlust der Jugendlichkeit an seiner Stelle bejammern».

Man könnte «Young Girl» verbieten. Man könnte den Song aber auch als Mahnmal eines Problems hören.

Mit anderen Worten: Power lenkt die Aufmerksamkeit zunächst wertungsfrei darauf, dass das junge Mädchen die wichtigste Ressource der Popkultur ist, und nicht nur dieser, sondern auch der Pornografie, des Kinos, der Klatschpresse und so weiter. Das ist heute im Vergleich zu 1968, als «Young Girl» erschien, gar nicht so anders.

Man könnte «Young Girl» also verbieten. Man könnte den Song aber auch als Mahnmal eines Problems hören, an das ständig erinnert werden muss: «Wer auch immer über das junge Mädchen spricht, ist in der Regel nicht das junge Mädchen selbst. Während das junge Mädchen, wenn es spricht, ignoriert wird», schreibt Power. Es liest sich fast wie ein Appell, Mädchen und junge Frauen heute stärker dazu zu ermutigen, ihre eigenen Popsongs zu singen und zu schreiben.

Essays wie diese sind es, die «Under My Thumb» zur lohnenswerten Lektüre machen. Man hört danach tatsächlich viele Popsongs mit anderen Ohren. Dass man sie noch hören kann und darf, ist in diesem Kontext nicht unwichtig.

Erstellt: 29.04.2018, 19:20 Uhr

Buch

Rhian E. Jones & Eli Davies (Hrsg.): Under My Thumb – Songs That Hate Women and the Women That Love Them. Repeater, London 2017. 400 S.

Heikle Zeilen

Wie viel Sexismus steckt in diesen Songs?

Rolling Stones: «Under My Thumb» (1966)
Under my thumb
The squirmin’ dog who’s just had her day
Under my thumb
A girl who has just changed her ways
...
Under my thumb
A Siamese cat of a girl
Under my thumb
She’s the sweetest, hmmm, pet in the world


Sir Mix-a-Lot: «Baby Got Back» (1992)
You say you wanna get in my Benz?
Well, use me, use me
Cause you ain’t that average groupie
...
I like ’em round, and big
And when I’m throwin’ a gig
I just can’t help myself, I’m actin’ like an animal
Now here’s my scandal

Jay-Z: «Big Pimpin» (1999)
You know I thug em, fuck em, love em, leave em
Cause I don’t fuckin’ need em
Take em out the hood, keep em lookin’ good
But I don’t fuckin’ feed em
...
I’m a pimp in every sense of the word, bitch
Better trust than believe em
In the cut where I keep em
’Til I need a nut, ’til I need to beat the guts

Gary Puckett & The Union Gap: «Young Girl» (1968)
Young girl, get out of my mind
My love for you is way out of line
Better run girl
You’re much too young girl
Get out of here
Before I have the time
To change my mind
’Cause I’m afraid we’ll go too far

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