«Ein heftiges Auskotzen, ein grosser Mittelfinger»

«Lang lebe der Tod» von Rapper Casper ist unbequeme Musik für unbequeme Zeiten. Im Gespräch verrät er: So kaputt, wie das neue Album klingt, war er eine gute Weile auch selbst.

Die eigene Angst als Metapher für den Zustand in Deutschland: Casper am letztjährigen Openair St. Gallen.

Die eigene Angst als Metapher für den Zustand in Deutschland: Casper am letztjährigen Openair St. Gallen. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Der 34-jährige Benjamin Griffey alias Casper ist einer der erfolgreichsten jüngeren deutschen Popkünstler der vergangenen Jahre. Berühmt wurde der Rapper 2011 mit seinem ersten Nummer-eins-Album «xoxo». Vergangenen Herbst sollte das vierte Album «Lang lebe der Tod» erscheinen, aber kurz vor dem geplanten Veröffentlichungstermin sagte er selbst alles ab. Ein Jahr später kommt die Platte nun doch. Es soll unbequeme Musik für unbequeme Zeiten sein, sagt Casper. Im Interview stellt sich heraus: So kaputt wie die Musik klingen sollte, war er eine gute Weile auch selbst.

Vor einem Jahr schien alles gut. Mit «Lang lebe der Tod» war eine vielgelobte Single erschienen, für die Sie den Kopf der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, als Gast gewinnen konnten. Die Kampagne für Ihr viertes Album lief. Warum haben Sie dann plötzlich alles auf unbestimmte Zeit verschoben?
Es war auch schon vieles fertig, aber dann hatte das Ganze ein irres Ausmass an Wahnsinn, Hysterie und Stress erreicht und ich hatte das Gefühl: Ich will das nicht mehr! Ich bin nicht euer Popstar, ich bin nicht euer Heiland, ich bin nicht euer Prügelaffe. Ich hatte die Schnauze voll.

Das klingt durchaus aber auch ein bisschen kokett.
Habe ich zuerst auch gedacht. Es war aber keine Koketterie, ich konnte wirklich nicht mehr. Also bin ich kurz vor der geplanten Veröffentlichung zu meinem Management gegangen und habe gesagt: «Leute, wir können gerne die Tour spielen, aber ich will, dass ihr wisst, dass ich nicht mehr will und nicht mehr kann.»

Was wollten Sie denn konkret nicht mehr?
Ich war einfach sechs Jahre am Stück immer nur «Casper» gewesen. Hatte Platten gemacht, Interviews gegeben, Videos gedreht, war auf Tour gegangen. Ich bin aber nicht Casper, der Rapper.

Allerdings sind Sie auch alles andere als ein klassisches Produkt der Musikindustrie. Und den Erfolg nach Ihrem Debüt «xoxo» wollten Sie doch auch?
Klar, es ist kompliziert. Wir haben gerade als Headliner auf dem Hurricane-Festival gespielt, und es war absolut perfekt, der totale Wahnsinn. Mir gefällt es schon, erfolgreich zu sein, so viele Fans zu haben. Ein Leben wie Kanye West, das ist die eine Seite. Aber 320 Tage im Jahr will ich am liebsten einfach nur Justin Vernon sein, der in seiner Hütte im Wald sitzt und an neuer Musik herumtüftelt. 40 Tage Kanye, die restliche Zeit Justin Vernon, das wäre perfekt.

Ist der Kanye-Teil nicht das, worum es geht, wenn man Erfolg mit Popmusik haben möchte?
Ich habe sehr leidenschaftliche Fans. Viele von ihnen sind sehr jung und wiederum einige lassen meine Musik sehr nah an sich heran und identifizieren sie eins zu eins mit mir. Wenn ich eine Autogrammstunde gebe, ist das zwar toll, aber danach brauche ich einige Stunden Erholung. Da kommen dann Leute und sagen: «Meiner Schwester hat deine Musik so viel bedeutet, jetzt hat sie sich leider umgebracht.» Wie soll man mit so was umgehen?

So etwas kennen vermutlich viele Leute, die in der Öffentlichkeit stehen.
Mag sein. Aber jemandem wie den Gangster-Rapper Kollegah wollen die Leute vermutlich eher mit Härte imponieren als damit, ihm ihre Seele auszuschütten.

Vielleicht müssen Sie einfach noch lernen, sich vernünftig abzugrenzen?
Das wird nicht reichen, glaube ich, es geht zu weit ins Private. In manchen Phasen hatte ich zu jeder Tageszeit 15 Kids vor meiner Tür sitzen. Ein privates Leben war kaum noch möglich. Da ging jedes Mass verloren. Natürlich nur bei einem kleinen Prozentsatz der Fans, aber der Wahnsinn hörte nicht auf.

Nun erscheint «Lang lebe der Tod», der Titel ist geblieben. Wie viel von diesem Album steckte schon in der Version vom vergangenen Jahr?
Zwei Sachen haben wir komplett rausgeschmissen, aber generell hat sich musikalisch gar nicht so wahnsinnig viel geändert. Textlich habe ich viel verworfen, hinterfragt, neu gemacht. Vor allem bin ich nach der Entscheidung, die Veröffentlichung zu verschieben, erst mal gegen die innere Wand gerannt. Es fühlte sich so an, als würde die komplette Anspannung der Jahre über mir zusammenkrachen. Ich habe mich gefühlt wie ein Architekt, der jahrelang die schönsten Häuser gebaut hat. Und plötzlich steht er da und bekommt nicht mal mehr ein Baumhaus zusammen. Es war ein kompletter Neuanfang.

Weil Sie alles in Frage gestellt haben?
Ich habe eine dunkle Zeit mit tiefen Selbstzweifeln erlebt. Ich dachte, ich kann es nicht mehr.

Eine Phase, die Sie nun im Song «Deborah» thematisieren.
Viele Leute mit psychischen Krankheiten geben ihrer Krankheit einen Namen. Ich selbst war nie in Therapie, aber in dieser schwärzesten Zeit während der Produktion war es schon so: Ich wollte nie wieder auf die Strasse, einfach zu Hause bleiben und auf nichts reagieren. Nicht ans Telefon gehen, die Tür nicht öffnen, wenn es klingelt.

Und irgendwann haben Sie darüber einfach geschrieben?
Das war im Prinzip die Lösung. Aber natürlich schreibe ich nicht mehr bloss für mich selbst, das wäre gelogen. Man weiss, wer das alles hören wird, und dass höchstwahrscheinlich eine Menge Leute eine Menge in die Sachen hineinprojizieren werden.

Wie geht die Arbeit dann los?
Anfangs ganz pragmatisch mit Zeitdruck: Die Leute haben die Platte vorbestellt, also müssen wir sie jetzt auch endlich machen. Der Rest kam dann mit der Zeit. Klar war erst mal vor allem, dass ich nicht noch mal erzählen kann, wie ich mich mit 16 im Schützenheim geprügelt habe.

Spielt in dem Prozess Musik anderer Künstler eine Rolle?
Ich liebe «Schall & Wahn» von Tocotronic, vor allem den Song «Eure Liebe tötet mich». So habe ich mich lange gefühlt. Also konnte ich darüber ja auch gleich schreiben.

Manchmal hat man beim neuen Album den Eindruck, dass die eigene Angst für Sie eine Metapher für den Zustand des Landes ist?
Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass parallel zur Boulevardisierung meines Lebens auch die Boulevardisierung der Welt voranschreitet, was mich mit Ekel erfüllt.

«Bild' mir keine Meinung aus dieser Zeitung, die von Verleumdungen lebt», rappen Sie etwa, «Morgellion» ist ein Song über Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, und generell geht es viel um den Tod. Hier spricht aber schon nicht nur die Kunstfigur «Casper», sondern auch sein Schöpfer Benjamin Griffey, oder?
Schon. Ich habe den Eindruck, dass sich die Welt, in der wir leben, Dystopien wie «The Running Man» angenähert hat. «Lang lebe der Tod, unser täglich Brot» – das ist es, was die Leute wollen, der Tod ist die grösste Sensation. Es geht nicht mehr darum, wie schlimm etwas ist, sondern um die Frage, wie man selbst möglichst effektiv die Sensationsgier der Leute befriedigen kann. Die Sendung mit der besten Quote wäre tatsächlich die, bei der ein Kandidat am Ende stirbt. Der krasseste Skandal bekommt am meisten Aufmerksamkeit.

Und ich glaube sogar, dass wir uns erst am Anfang der Ekelsprirale befinden. Andy Warhol hatte Recht. Demnächst werden Bibi und Dagi Bee live aus dem Kriegsgebiet berichten, immer gleich mit den richtigen Produktempfehlungen für Teens. Geflüchtete werden von Youtube-Teams an der italienischen Küste empfangen werden und vor der Kamera Stylingtipps bekommen. Für so was gäbe es 20 Millionen Klicks.

Oha.
Verstehen sie mich nicht falsch, ich beschreibe nur die Orwell-Welt, in der wir inzwischen leben. Es ist natürlich ein heftiges Auskotzen, ein grosser Mittelfinger. Aber man spürt hoffentlich auch die Verzweiflung, die Wut und die Ohnmacht, die ich bei diesen Gedanken habe. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 09:47 Uhr

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