Michael Jackson oder die Leere danach

Der Star, die Opfer, die Medien, die Fans: Alle haben Schaden genommen. Von Michael Jackson bleibt seine Kunst – als Musiker und Tänzer.

Grosse Kunst macht noch keinen guten Menschen: Michael Jackson während eines Konzerts 1986. Foto: Getty Images

Grosse Kunst macht noch keinen guten Menschen: Michael Jackson während eines Konzerts 1986. Foto: Getty Images

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Er starb vor knapp zehn Jahren mit 50 an einer Überdosis Medikamente am Ende einer hellen Karriere – ein Weltstar mit dunkler Biografie. Diese hat sich weiter verdüstert. Den ersten Prozess wegen sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen hatten Michael Jacksons Anwälte durch einen Vergleich entschärfen können. Beim zweiten kam der Musiker sogar frei, konnte aber den mehrfachen Verdacht gegen ihn nie mehr entkräften.

Vor kurzem ist «Leaving Neverland» erschienen, der vierstündige, in den USA ausgestrahlte Dokumentarfilm des englischen Regisseurs Dan Reed. Der Film wurde von der Presse fast durchweg als sorgfältig und seine Recherchen als glaubhaft eingeschätzt. Und obwohl Jacksons Familie eine Klage von 100 Millionen Dollar gegen den amerikanischen Bezahl­sender HBO ankündigte, kann man sich nicht vorstellen, dass sie damit Erfolg haben wird.

Denn die neuen Enthüllungen bestätigen drastisch alle bisherigen. Es scheint offensichtlich, dass Michael Jackson die damaligen Minderjährigen James Safechuck und Wade Robson von ihren Eltern gezielt isolierte, die beiden Buben während Jahren sexuell missbrauchte, ihnen diesen Missbrauch als Liebe verkaufte und ihr Schweigen mit Drohungen absicherte. Zu glaubhaft, zu verstörend detailliert haben die Zeugen ihre Beziehung zu ihrem Idol geschildert.

Auch die Medien trifft Schuld

Zurück bleiben reihum Versehrte und Beschmutzte. Da sind die beiden damaligen Buben selber. Kein Geld und keine Genugtuung kann über die psychischen Schäden hinweghelfen, die kindlicher Sexualmissbrauch bei den Opfern bewirkt. Da ist aber auch Michael Jackson, weit über seinen Tod hinaus. Der Sohn eines tyrannischen Vaters, der seine Kinder und vor allem den Jüngsten mit dem Gürtel zum Star peitschte, zeigte schon zu Lebzeiten Züge einer psychisch kranken Persönlichkeit. Mit jeder Gesichtsoperation wurde er hässlicher, sein Kaufwahn und seine Selbstdarstellungen nahmen grössenwahnsinnige Züge an, ­zuletzt verkam er zum Freak.

Auch Medien und soziale Medien haben sich schlecht verhalten. Die Heuchelei der aktuellen Bericht­erstattung ist kaum zu überbieten, diese Kombination aus moralischer Entrüstung und sexueller Detailgier. Umso mehr, als die Medien einmal mehr den Gerichten vorgriffen und sich als juristische Vorinstanz inszenierten. Dass Michael Jackson allem Anschein nach zu Recht beschuldigt wird, ändert nichts an der Dynamik dieser Verurteilung ohne Prozess. Würde ein Unschuldiger eine solche Hetze überstehen?

Schaden genommen haben schliesslich jene, die es besonders trifft: die Fans, die Michael Jackson während seiner vierzig Jahre langen Karriere gefolgt sind – und die sich jetzt schreckliche Details aus seinem Sexualverhalten anhören müssen. Man mag sich gar nicht vorstellen, was solche Enthüllungen bei ihnen auslösen.

Wer das Glück hatte, Michael Jackson 1988 in Basel live zu sehen und zu hören, diesen sensationellen Sänger, Songschreiber und Tänzer, wird ihn trotz allem genau so in Erinnerung behalten wollen. Und wissen, dass grosse Kunst noch keinen guten Menschen macht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 10:06 Uhr

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