«Mit der Mondlandung dachte jeder, dass ein neues Zeitalter anbricht»

Als Gitarrist prägte er den Sound von Queen. Doch Brian May ist auch Wissenschaftler – und vom All besessen.

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Brian May, Sie sind Rockstar und Astrophysiker. Wie geht das zusammen?
Komischerweise passt beides sehr gut zusammen. Wir sind ja Menschen, und wir haben nur ein Leben auf diesem Planeten. Wir können also nicht auswählen, in einem Leben Wissenschaftler und im anderen Musiker zu sein. Ich glaubte deshalb daran, beides zu können.

Für Sie gab es da nie einen Konflikt?
Nein, immer neugierig zu bleiben, sind wir uns als Mensch ja auch selber schuldig. Aber als ich jung war, haben das einige als Konflikt wahrgenommen. Sie sagten mir: «Das funktioniert nicht.» Dass ich beides geschafft habe, macht mich schon stolz. Denn es ist aufregend, in verschiedensten Weltraum-Forschungen involviert – und auch weiterhin mit Queen unterwegs zu sein. Für mich gehts immer noch in alle Richtungen. Und zwar nicht verlangsamt, sondern eher beschleunigt.

Queen wurden aber keine kosmische oder psychedelische Rockband. Der Einfluss von Science-Fiction, des Weltalls wurde erst 1980 offensichtlich, als Sie den Soundtrack zu «Flash Gordon» schrieben.
Nun, vor der Queen-Gründung nahmen wir den Song «Earth» auf. Dieser erzählte von einem Astronauten, der sich im Weltall verloren hat. Der Song entstand zur gleichen Zeit wie David Bowies «Space Oddity» – und zwar im selben Studio. Es gab also diese Verbindung, vor allem bei Roger Taylor und mir. Wir waren immer Science-Fiction-Fans. Wohl auch deshalb nahmen wir die Chance wahr, einen Film wie «Flash Gordon» zu vertonen.

Auch eine Art «Space Oddity»: «Earth» der Queen-Vorgängerband Smile.

Ihr Gitarrensound, der Queen mitgeprägt hat, klingt symphonisch und gleichzeitig doch heavy. Als Sie diesen Sound entwickelten, war da eher der Wissenschaftler oder doch der Künstler am Werk?
Ich war am Experimentieren, suchte mit meiner selbst gebauten Gitarre nach dem richtigen Sound. Natürlich habe ich wie alle Musiker geübt. Aber ich liess mich gehen, verlor mich in meiner Fantasie, deshalb zähle ich meinen Sound klar als Resultat meines künstlerischen Spektrums.

Gibt es Parallelen in der Herangehensweise, wie Sie Songs schreiben und wie Sie als Forscher arbeiten?
Die besten Wissenschaftler sind ja jene Leute, die die richtigen Fragen stellen. Jene, an die niemand sonst denkt. Es benötigt also einen offenen Geist, einer, der zunächst auch an das Unwahrscheinliche glaubt. Und diese Qualitäten braucht auch ein Musiker und Songwriter: Jene Gedanken einzufangen, die nur einmal kommen, bevor sie wieder verschwunden sind.

Als Sie Queen gründeten, haben Sie mit Ihrer Dissertation begonnen. Sie mussten diese Arbeit wegen des einsetzenden Erfolgs der Band aufschieben.
Das war schon hart – da ich schon weit fortgeschritten war mit der Arbeit. Meine Betreuungsperson forderte aber immer mehr und noch mehr, und ich dachte: «Vielleicht mache ich der Wissenschaft ja auch einen Gefallen, in dem ich sie verlasse.» Aber die Türe, als Musiker erfolgreich zu sein, stand damals bereits weit offen. Mein Weg war wohl vorbestimmt.

Science-Fiction-Fantasie: Queens «Flash Gordon».

Ihre Dissertation beendeten Sie dann 37 Jahre später. Sie heisst «Eine Untersuchung von Radialgeschwindigkeiten im interplanetaren Staub». Für Laien: Worum geht es in Ihren Forschungen?
Mein Hauptinteresse gilt nicht den schwarzen Löchern oder der Kosmologie. Mein Hauptantrieb ist der Versuch, herauszufinden, woher wir kommen, wie das Leben entstanden ist und warum wir überhaupt so leben. Sind wir überhaupt einzigartig, oder gibt es auch andere Zivilisationen?

Das sind die Fragen, die alle beantworten möchten ...
Ja, klar. Aber meine eigenen Forschungen konzentrieren sich meist auf den Staub, was erst mal sehr nichtig klingt. Aber im Staub und den Gasen liegt der Anfang von allem. Wenn man die Evolution von Staub versteht, beginnt man vielleicht auch den Prozess zu verstehen, der schliesslich zur Möglichkeit von Leben geführt hat.

«Wir begehen Verbrechen an der Natur. Das müssen wir ändern.»

Wie haben Ihre Forschungen ihre Sicht auf unser Dasein auf der Erde verändert?
Sie haben mir verschärft gezeigt, dass wir hier schreckliche Fehler begehen.

Welche?
Wir geben einfach keine Sorge zum Planeten, kümmern uns nicht um die anderen Lebewesen. Und das beschäftigt mich schon sehr. Denn es gibt keinen Grund, dass wir uns noch immer so aufführen, als seien wir die einzigen Lebewesen auf der Erde. Wir begehen Verbrechen an der Natur. Und das müssen wir ändern.

Wie?
Ich kümmere mich beispielsweise um Wildtiere, versuche, sie direkt zu retten, und lobbyiere für einen besseren Schutz bei Politikern. So will ich die Wahrnehmung der Leute verändern. Und ich glaube, dass diese Veränderung allmählich eintritt, wenn ich sehe, dass sich immer mehr Menschen fleischlos ernähren.

Ohne Band: Brian Mays neuester Solosong für die Nasa-Mission New Horizons.

Ende Juni sprechen Sie am Wissenschaftsfestival Starmus in Zürich aber nicht über den Schutz der Tiere, sondern über den Mond. Wie haben Sie die Mondlandung vor 50 Jahren miterlebt?
Ich war in Cornwall mit Roger, wir begannen damals gerade, zusammen Musik zu machen – und später wurde daraus Queen. Wir waren im Haus seiner Mutter, blickten auf diesen ganz kleinen TV, und wir waren wie gefesselt. Es sah damals so aus, als würde sich die Welt ändern – und jeder dachte, dass ein neues Zeitalter anbricht.

Aber das ist nicht passiert.
Nein, es landeten ja seither nicht mehr allzu viele Menschen auf dem Mond. Aber die Mondlandung 1969 war dennoch ein wunderbarer Moment, weil es den Drang der Menschheit nach der Erforschung des Weltalls perfekt illustriert.

Hätten Sie denn Lust, als Weltraumtourist ins All zu reisen?
Dafür bin ich natürlich zu alt. Und ich würde auch nicht zum Mars fliegen, denn das dauert zu lange ...

... etwa 15 Monate ...
... und allenfalls kommt man ja auch nicht zurück. Aber wenn mich jemand in der ISS absetzen würde und ich eine Zeit lang der Welt zuschauen könnte, wie sie vor sich hindreht, dann würde ich schon Ja sagen. Doch eben: Ich bin kein junger Mann mehr.

«Dank dem Film sind die Songs nun auch bei einer ganz neuen Generation angekommen»: Szene aus «Bohemian Rhapsody». Foto: Twentieth Century Fox Film Corporation

Sie sind immer noch mit Queen unterwegs und erleben seit dem Blockbuster «Bohemian Rhapsody» ein weiteres Revival.
Das Wichtige an Rockmusik ist, dass sie lebendig bleibt. Und die Musik von Queen und die Erinnerungen an Freddie Mercury – zum Glück für uns – sind in den Köpfen der Leute noch immer sehr lebendig. Und dank dem Film sind die Songs nun auch bei einer ganz neuen Generation angekommen. Dieses Erbe zu bewahren, darum gehts.

Erstellt: 17.06.2019, 11:44 Uhr

Brian Mays Auftritt in Zürich

Brian May, mittlerweile 71 Jahre alt, ist eines der Aushängeschilder des internationalen Wissenschafts- und Musikfestivals Starmus, das vom 24. bis am 29. Juni in Zürich stattfindet. Am Festival, das Astronauten, Musiker, Wissenschaftler und Künstler zusammenbringt, wird der Queen-Gitarrist neben seiner Präsentation «Mission Moon 3-D» auch ein Konzert zusammen mit Hans Zimmer und Rick Wakeman geben.

Programm: www.starmus.com

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