Mit der Schönheit einer zertretenen Rose

Niemand hat Amerika so bezaubernd entzaubert wie Tom Waits. Heute wird der Sänger 70.

Barde aller Gebeutelten: Tom Waits an einem Auftritt in Amsterdam im Jahr 2004. Foto: Keystone

Barde aller Gebeutelten: Tom Waits an einem Auftritt in Amsterdam im Jahr 2004. Foto: Keystone

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Tom Waits ist schon immer alt gewesen. Genauer: Er hat sich im Laufe seines Lebens stetig auf das Alter seines lyrischen Ichs zubewegt. Das begann schon mit Anfang 20, bei seinen ersten Auftritten im Troubadour-Club in Hollywood.

Da gründete er den Mythos des dauerberauschten Hipsterpoeten, zusammengesackt über einem Klavier, das er mit hypermobil durchgedrückten, nikotingelben Fingern bearbeitete. Waits' Folk-Jazz-Balladen waren voller Säufer, Bardamen mit goldenem Herzen, Marktschreiern, Kleinkriminellen, heimwehgeschüttelten Matrosen und abgehalfterten Entertainern. Diese unter dem Einfluss Jack Kerouacs und Charles Bukowskis stehende Kunstfigur, die sich selbst in einem Song «Late Night Evening Prostitute» nannte, wird immer der Kern von Waits' Image bleiben.

Bei all seinem staubigen Glamour ist Tom Waits nie ein Star gewesen.

Der vergleichsweise bürgerlich aufgewachsene Sohn eines Lehrerehepaars aus dem kalifornischen Pomona hat es ja auch lang genug gepflegt mit seinen Versen über kranke Lebern und gebrochene Herzen, mit seinen vor fiktiven Anekdoten überquellenden Interviews und mit schwer verständlichen und doch seltsam amüsanten Sprüchen wie dem, Songwriting sei so ähnlich «wie Vögel zu fangen, ohne sie zu töten – manchmal bleibt am Ende nur ein Mund voller Federn».

Dennoch sind die Klischees vom spätgeborenen Beatnik-Dichter mit «in Whiskey marinierter Reibeisenstimme» diesem ebenso uramerikanischen wie weltbürgerlichen Künstler nie gerecht geworden. Seine Stimme, später im Leben weniger durch Zigaretten und Alkohol geformt (Waits ist schon lange Nichtraucher und abstinent) als durch ihren Gebrauch als knurrendes, fistelndes und oft einfach wunderbar singendes Organ, bildete die Konstante in einer durch tiefe stilistische Einschnitte geprägten musikalischen Laufbahn.

Ein wunderbar singendes Organ: Tom Waits an einem Konzert in Rotterdam 1985. Foto: Redferns

Als Waits 1977 für sich und Bette Midler «Perfect Strangers» schrieb, einen tastend romantischen Jazz-Dialog zwischen zwei einsamen Kneipenbesuchern, war kaum mit dem rauen Gitarrenblues von «Heartattack and Vine» (1980) zu rechnen. Und ganz sicher hatte niemand die knarrenden, polternden, gleichsam erdverkrusteten Klanglandschaften erwartet, die er in der losen Achtzigerjahre-Trilogie «Swordfishtrombones», «Rain Dogs» und «Frank's Wild Years» zu errichten begann. Sie gipfelten 1991 in seinem bis heute vielleicht bedeutendsten Album «Bone Machine». Der grölende Schamane, der in «Earth Died Screaming» die Welt untergehen liess, war unendlich weit entfernt vom Fernwehkranken, als der der junge Waits in «Shiver Me Timbers» die Welt umsegelt hatte.

Sein Privatleben schirmt Tom Waits konsequent ab. Zugleich weist er seine oft und mit tiefer Zuneigung besungene Frau Kathleen Brennan seit den 80ern als Co-Autorin und -Komponistin aller Songs aus. Seine Kinder haben als Musiker an seinen Alben mitgearbeitet. Alles bei Waits ist ununterbrochene Performance, auch ein Schutz des allürenlosen und verletzlichen Menschen dahinter. Der Schritt in die Schauspielerei war da unausweichlich.

«Little Rain» aus Waits' Album «Bone Machine». Video: Youtube/Universal

Francis Ford Coppola hatte Tom Waits zu Beginn der Achtziger für seine Produktionsfirma Zoetrope als Filmkomponist engagiert. Als Erster verschaffte Coppola Waits' seltsam attraktiver Maultier-Physiognomie ein paar Filmminuten, in «Rumble Fish» und «Cotton Club». Doch es war die Figur des Discjockeys Zack in Jim Jarmuschs «Down by Law», in der er 1986 seine Lebensrolle als abgehalfterter Aussenseiter zum ersten Mal abendfüllend ausspielen konnte.

Die Exzentrik der Zwangsgemeinschaft mit John Lurie und Roberto Benigni, mit denen er nach einem Knastausbruch zankend durch die Sümpfe von Louisiana watete, erschien wie ein bildgewordener Waits-Song. Seitdem ist er sowohl von Jarmusch und Coppola als auch von Regisseuren wie Terry Gilliam – für den er einen kriegsversehrten Obdachlosen und den Teufel persönlich spielte – oder Robert Altman immer dann besetzt worden, wenn es darum ging, knorrige, zum Teil schon etwas jenseitige Figuren zu spielen.

Wie sehr er in dieser Zeit als Darsteller gereift ist, bewies er 2018 im Episodenfilm «The Ballad of Buster Scruggs» der Coen-Brüder. Sein weissbärtiger, namenloser Goldgräber, der den Lohn seiner Arbeit gegen einen Banditen verteidigen muss, wirkt wie die Apotheose all der gebeutelten Figuren, die er immer wieder besungen hat.

In Coppolas «Dracula»-Film hatte der Brite Richard E. Grant 1992 einige Szenen mit Tom Waits. Der verkörperte darin den halb vampirischen Renfield mit typisch zähnefletschender Hingabe. Grant beschreibt Waits in seinen Erinnerungen als «ausserordentlich offenen Kollegen ohne Ego, mit dem die Zusammenarbeit leicht fiel».

Im Netflix-Film «The Ballad of Buster Scruggs» hat Tom Waits einen unvergesslichen Auftritt als Goldgräber. Foto: Netflix

Ähnlich Lobendes hat man über die Jahre von so ziemlich allen gehört, mit denen Tom Waits gearbeitet hat, angefangen von Jerry Yester, der 1972 sein erstes Album «Closing Time» produzierte, über Keith Richards und den Dramatiker Martin McDonagh bis zum Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters. Dort schuf Waits 1990 mit Bob Wilson und William Burroughs das Freischütz-Musical «The Black Rider». Dieses von Kurt Weill ebenso wie vom amerikanischen Komponisten Harry Partch beeinflusste, tiefschwarze und tiefkomische Stück allein hätte ihm übrigens einen Platz in der Bühnengeschichte gesichert.

Bei all seinem staubigen Glamour ist Tom Waits nie ein Star gewesen. Ihren grössten Erfolg feierten seine Songs als Coverversionen von Bruce Springsteen, der Eagles oder Rod Stewart. Aber die Hartnäckigkeit, mit der er die Nutzung seiner Musik für Werbespots verweigert, die Kompromisslosigkeit, mit der er das Publikum herausfordert, seine stilistischen Wandlungen mitzuvollziehen, haben ihm seinen Platz im amerikanischen Künstlerpantheon längst gesichert.

Selbst Gelegenheitshörer, die den scheppernden, brüllenden Waits als zu schroff und experimentell empfinden, können sich selten seinen sehnsuchtsvollen Balladen wie «Time», «Downtown Train» oder «Georgia Lee» verschliessen. Gerade weil er ihren Volks- oder Kinderliedton durch seinen unpolierten Vortrag bricht, überschreiten sie nie die Grenze zum Kitsch.

Seine Songs haben die pathetische Schönheit einer zertretenen Rose, sie sind unwiderstehliche, epische Schilderungen eines schwarzromantischen Kontinents namens Amerika. Niemand hat diesen Ort so ergreifend besungen, so bezaubernd entzaubert wie Thomas Alan Waits. Heute Samstag wird er 70 Jahre alt.

Erstellt: 07.12.2019, 08:30 Uhr

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