Mit Pathos, Schweiss und Gitarren

Der deutsche Rapper Casper gab in Zürich ein wuchtiges Konzert.

Einzigartig ist seine Stimme, kratzig, rau, permanent angeschlagen: Casper live.

Einzigartig ist seine Stimme, kratzig, rau, permanent angeschlagen: Casper live.

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Regungslos steht er da, den Kopf im Nacken, durchgeschwitzt, ausgepowert. Die Atmung so schnell wie nach einem Sprint, die Stimme so angegriffen, als hätte sie sich seit Stunden marktschreierisch beweisen müssen. Dabei dauert das Konzert von Benjamin Griffey, 35, Künstlername Casper, an diesem Freitagabend in der Samsung Hall am Zürcher Stadtrand gerade erst zehn Minuten an. Bei ihm geht alles ein bisschen schneller, ist alles ein bisschen intensiver.

Eben noch lief die Titelmelodie des Wildwest-Klassikers «Die glorreichen Sieben», eben erst fiel der Vorhang mit dem Stacheldraht-Motiv und eröffnete dem gitarrenträchtigen Treiben Tür und Tor, da ist der Mann schon auf 180, springt durch die Luft, keift fast statt zu singen. Bei Casper geht es um Power, um Entladung. Darum, die bleierne Melancholie, die über Gegenwart, Zukunft und der Vergangenheit schwebt, für einen Moment abzuschütteln und aus Zitronen Limonade zu machen.

Musikalisch setzt Casper auf eine Mischung aus Rapversen und alle mögliche Formen des Rock. Dazu gesellen sich immer mal wieder moderne Trap Beats, wird Kendrick Lamar und Metallica zitiert, lässt der Bass die ganze Halle erzittern. Das aktuelle Album «Lang lebe der Tod», das dritte seit seinem Durchbruch im Jahr 2011, vereint zuweilen recht krude Crossover-Exkurse. Manchmal klingt es an diesem Abend gar, als würde eine Industrialband aus den frühen Neunzigern auf der Bühne stehen. Dann wähnt man sich bei The Killers oder Coldplay, hört diesen hohen, sehnlich-süssen Gitarrenklang, der mittlerweile so austauschbar daherkommt.

Unnötige Showeffekte

Einzigartig ist seine Stimme, kratzig, rau, permanent angeschlagen und immer irgendwie aus der Defensive agierend – und seine Energie. Thematisch geht um die Informationsblase, die uns umgibt. Um einen Platz im Hier und Jetzt. Um Sinnsuche. Um Momente, die man einfach nicht festhalten kann. Um Ängste. Und immer um das letzte, das wirklich allerletzte Hemd. Beiläufig ist keiner seiner Songs. Auch jede noch so zart begonnene Ballade, auch jeder Folksong, jede Spritztour ins Hinterland mit offenem Verdeck muss sich bei Casper früher oder später mit rockiger Wucht entladen.

«Raus von hier, das Taube spür’n/Nehmen nie zu viel Bissen fürs Bauchgefühl/Die falschen Drogen zur richtigen Zeit/Werfen Schatten, wo das Licht nie scheint für kurze Zeit», heisst es im Song «Hinterland» vom gleichnamigen Album. Textzeilen, wie sie hier unter den rund 3300 Fans alle kennen. Aktivieren muss der Mann in den enganliegenden schwarzen Hosen und den türkis schimmernden Turnschuhen, der zwar Showeffekte nutzt, aber sie nicht bräuchte, niemanden hier. Sie sind gekommen, um sich zu bewegen, zu hüpfen, zu pogen, mitzusingen, durchzudrehen, zwei Stunden lang. Für sie sind seine Songs Hymnen. Ihr Pathos verstärkt ihre Dringlichkeit. Dass sie vom Aufbau und dem Mechanismus her unoriginell und ermüdend sind, wird mit E-Gitarre und Schweiss übertüncht.

Erstellt: 04.11.2017, 11:48 Uhr

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