Mittlerweile ist die ganze Welt zum Comic geworden

Damon Albarns Cartoonband Gorillaz ist zurück. Sie kommt gerade rechtzeitig zur Party der Unglaubwürdigkeit.

Beats, Raps, Gospel – noch surrealer als vor 15 Jahren: «Humanz». Foto: PD

Beats, Raps, Gospel – noch surrealer als vor 15 Jahren: «Humanz». Foto: PD

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Mit der Energie von Damon Albarn könnte man eine Kleinstadt versorgen, Beleuchtung, Nahverkehr und Pubs inklusive. Der Mann ist 49, er hat an die dreissig Platten veröffentlicht und die halbe Welt bereist, er hat Hits geschrieben, den berüchtigten Britpopkrieg würdevoll hinter sich gebracht, Opern komponiert, Musicals inszeniert, algerische Musiker auf englische Rockfestivals gebracht, einen Orden von der Queen erhalten, die erfolgreichste Cartoonband der Welt mitgegründet. Es würde für drei prächtige Karrieren reichen.

Video: Youtube

Aber Albarn brennt. Vor zwei Jahren mussten ihn die Sicherheitsleute beim Roskilde-Festival mit sanfter Gewalt von der Bühne tragen, weil er nach fünf Stunden mit seinem Africa Express Project nicht aufhören wollte. Und jetzt belebt er die Gorillaz wieder: Die Comicband hatte er sich 1998 zusammen mit dem Zeichner Jamie Hewlett ausgedacht. Gemessen an den Verkaufszahlen sind die Gorillaz sein mit Abstand erfolgreichstes Projekt, erfolgreicher als seine alte, erste Band Blur. Offiziell bestehen die Gorillaz aus vier Comicfiguren – Sänger 2D, Bassist Murdoc, Gitarristin Noodle und Drummer Russel Hobbs. Das kann man für einen Gag halten. Aber Albarn und Hewlett meinen es ernst. Sie sagen, sie hätten sich die Gorillaz damals ausgedacht, weil erfundene Figuren die ehrlichste Antwort seien auf eine Welt, in der praktisch nichts mehr glaubwürdig sei. Stimmig also, dass sie jetzt wieder auftauchen, mit dem fünften Album «Humanz». Die Welt ist noch surrealer als vor 15 Jahren. Smartphones und Fake-News haben einen Kommunikationsirrsinn befeuert, der damals kaum zu ahnen war. Der mächtigste Mann der Welt ist eine Comicfigur, die nichts ernst meint oder alles wieder ganz anders.

Eine politische Band

Man übersieht leicht, dass die Gorillaz von Anfang an eine politische Band waren. Das Erfolgsalbum «Demon Dayz» (2005) behandelte den Irakkrieg oder die Waffengewalt in den britischen Vorstädten. «Plastic Beach» (2010) entwarf eine Welt voller Müll. «Humanz», das neue Album, entstand während des US-Wahlkampfs. Albarn erklärte: «Ich habe allen gesagt: Stellt euch vor, ihr seid in Amerika nach der Inauguration von Trump. Wie würdet ihr euch in dieser Nacht fühlen? Machen wir eine Partyplatte zum Thema ‹Die Welt dreht durch›.» Zu dieser Party hat er wieder viele Gäste ins Studio geladen. Früher haben Bobby Womack, Snoop Dogg, Mark E. Smith und sogar Lou Reed mit den Gorillaz gearbeitet. Diesmal sind manche Gäste so jung, dass sie mit den Gorillaz aufgewachsen sind: Benjamin Clementine, die Rapper Vince Staples oder Danny Brown. Und die Musik? Tja. Über weite Strecken ist «Humanz» ein Sammelsurium von höchstens halb ­guten Songs. Die besten Alben der Gorillaz machte die ziemlich einmalige Verschmelzung von Hip-Hop, Indie-Pop und Weltmusik aus. Vor 15 Jahren war das aufregend, nachdem aber Kanye West, Frank Ocean oder Kendrick Lamar es geschafft haben, mit teils sehr experimentellem Material den Mainstream zu erreichen, klingen die Gorillaz fast ein wenig konservativ.

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So ploppt die meiste Zeit ein mässig bissiger Drumcomputer, jemand rappt ein paar Zeilen, dann gehts erst mal nicht weiter. Später fiepsen Synthesizer so billig herum, dass nicht klar ist, ob sie ironisch gemeint sind. Dazwischen gibts Soundcollagen und Zwischenspiele. Und das wars auch schon fast. Aber es gibt Ausnahmen: Der Song «Saturnz Barnz» ist eine gelungene Mischung aus Hip-Hop und Chorgesang, fast sakral, und mittendrin Albarn selbst, eine kleine Melodie singend, fast unschuldig. Gelungen ist auch «Let Me Out» mit Mavis Staples und Pusha T: Auch da kommt die Gorillaz-spezifische Mischung zum Tragen – Beats, Raps, Gospel, dazu Albarns verträumtes Britpop-Gesäusel.

Video: Youtube

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Weil die Texte den Irrsinn der Welt nie zu fassen kriegen, benennen sie ihn einfach: «All the world is out of our hands / Change come to pass / You’d best be ready for it.» Namen wie Trump oder Obama tauchen in den Liedern zwar auf, sind aber mit Piepsern überblendet. Albarn sagt, er habe im letzten Moment alle konkreten Nennungen verbannt, er habe das T-Thema satt gehabt. Der schönste Moment kommt im letzten Song, in «We Got the Power»: «We’ve got the power to be loving each other», singt Albarn – mit Noel Gallagher. Mit dem Mann also, mit dem Albarn in den Neunzigern öffentlich stritt im lächerlichen Krieg der Britpop-Helden. Die beiden haben sich längst versöhnt. Aber dass Albarn ausgerechnet mit Gallagher die Zeile von der Liebe singt: Das hat Grösse.

Gorillaz: Humanz (Warner)

Erstellt: 28.04.2017, 19:48 Uhr

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