Modernes Liedgut auf hohem Niveau

Schriftsteller Martin Suter und Chansonnier Stephan Eicher spielten gestern Abend im Volkshaus ein berührend-erhebendes Konzert.

Ergänzen sich auf der Bühne ideal: Schriftsteller Martin Suter und Chansonnier Stephan Eicher. Hier auf einer Aufnahme vom 8. Juli 2017 am Live at Sunset.

Ergänzen sich auf der Bühne ideal: Schriftsteller Martin Suter und Chansonnier Stephan Eicher. Hier auf einer Aufnahme vom 8. Juli 2017 am Live at Sunset. Bild: Walter Bieri/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Martin Suter, mit Ironie in der Stimme und Schalk im Blick, liest am Stehpult die Geschichte ihrer Freundschaft vor. Wie er Stephan Eicher kennenlernte in einer zerklüfteten Felslandschaft auf dem «Gurgelstupf, einem Ausläufer des Pfleutistiels». Eicher war gerade dabei, eine perfekte Quarzgruppe, auf die er sich um ein Haar gesetzt hätte, aus dem Granit zu befreien. Suter, der «nie ohne Fäustel und Spitzmeissel» unterwegs ist, so Suter im Smoking im ausverkauften Volkshaus, bietet seine Hilfe an. Zwei passionierte Strahler haben sich in der Einsamkeit des Schweizer Hochgebirges gefunden. Als Eicher auf einmal zum Gipfel des Gurgelstupf schaut, fragt er: «Siehst du das dort oben? Ganz weit oben?» «Was ist das?» «Weiss nicht.»

Dann setzt Stefan Eicher mit seiner Band ein und gibt gleich zu Beginn des poetisch-musikalischen Abends den Ton an: verspielt-listig, leicht melancholisch gibt er die Stücke, die Martin Suter in Dialekt für das gemeinsame Songbuch verfasst hat. «Weiss nid, was es isch» ist die Antwort auf die Frage nach dem, was sich ganz oben befindet. Die kreativen Schweizer, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, geben als Grund ihres schöpferischen Tuns eines an: «Wir beide verstehen die Welt nicht.»

Dies nimmt Stephan Eicher, locker auf einem Barhocker sitzend, gerne auf und singt von der Liebe («Nur um di»), der Verlorenheit in einer Provinzbeiz, in der es nach Rösti riecht («Wägg vom Bäre») und vom Streit, der nicht das Ende sein darf («Gang nid eso»). Eicher, ein begnadeter Entertainer, weiss, wie man das gespannte Publikum umgarnt: mit Charme, mit gespielter und echter Spontaneität und – nicht zuletzt – mit der Musik einer feinfühlig spielenden Band. Als dann noch der Luzerner Chor «Molto Cantabile» zuerst im Saal, dann auf der Bühne seinen leisen Klang unter die Songs legte, fühlte man sich wie bei einer Messe: Es war berührend, traurig und erhebend.

Das Duo Suter/Eicher ergänzte sich ideal: der zurückhaltende Schriftsteller, der sich in seinen Geschichten entfaltet, ja befreit (und Mundharmonika spielt!), der tänzelnde Chansonnier, der eine den Texten angemessene Musiksprache findet. Da legt sich getragene Wehmut auf die Ironie – eine Mischung, welche die beschriebene Enge spielend sprengt. Die Kunst alleine ist es, die Antworten geben kann auf die grossen Fragen nach dem Warum. Das «Song Book», das die Ästhetik dazu liefert und das Suter und Eicher in ihren zumeist ausverkauften Konzerten vorstellen, ist modernes Schweizer Liedgut auf hohem Niveau.

Weitere Konzerte in Zürich: Freitag, 2. März, im Volkshaus. Am 7. Juni im Landesmuseum. Und vom 12. bis 14. November in der Halle 622.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2018, 13:19 Uhr

Artikel zum Thema

«Los ja nid zue, was är seit»

SonntagsZeitung Sie sind Freunde. Und beide Meister des Erzählens. Nun veröffentlichen Martin Suter und Stephan Eicher ihr «Song Book». Eine Begegnung. Mehr...

«Lesen ist etwas wunderbar Verbotenes»

Interview Bestsellerautor Martin Suter hat in der Pestalozzi-Bibliothek in Oerlikon aus seinem aktuellen Buch gelesen. Die PBZ-Räume waren in seiner Schulzeit so etwas wie sein zweites Zuhause. Mehr...

Er kehrt heim

Der Chansonnier Stephan Eicher stellt am Live at Sunset in einer Art Vorpremiere sein neues Projekt vor. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...