Montreux will intimen Club statt grossen Konzertsaal

Das Montreux Jazz Festival verzichtet auf den Bau einer Halle für 6000 Zuhörer. Stattdessen sollen die Musiker in einem kleineren Jazzclub auftreten, mitfinanziert von der Stadt.

Intimität statt Grösse: Der Jazzclub ist beim Publikum beliebt. Bildlegende. Foto: Marc Ducrest

Intimität statt Grösse: Der Jazzclub ist beim Publikum beliebt. Bildlegende. Foto: Marc Ducrest

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Das Angebot war verlockend. Es klang nach einem Jahrhundertgeschenk. Der Stadtrat von Montreux offerierte dem Direktor des Jazzfestivals, Mathieu Jaton, Anfang Jahr einen 6000 Zuhörerinnen und Zuhörer fassenden Konzertsaal. Um das dafür notwendige zusätzliche Volumen zu schaffen, war die Regierung ­bereit, das Kultur- und Kongresszentrum, die Heimat des Festivals, in weiten Teilen auszuhöhlen und auszuweiden.

Die Idee war, das maximal 4000 Plätze grosse Auditorium Stravinski abzureissen und auch die Etagenkonstruktion zu entfernen, die dieses umgibt. Das Projekt bot sich an, weil das markante ­Gebäude am Seeufer aufgrund kantonaler Auflagen in den nächsten Jahren ­renoviert werden muss, um seine Erd­bebensicherheit zu erhöhen und zusätzliche Fluchtwege zu schaffen.

In Mathieu Jatons Kopf begann es zu arbeiten. Der Gedanke an einen neuen Saal war verlockend: 6000 Plätze – mehr Einnahmen hätte das geheissen, mehr Geld für Stars, mehr Prestige, grössere Bühnenshows. Doch je genauer Jaton dies alles analysierte, desto skeptischer wurde er. Er sagte sich: «Um während des 16 Tage dauernden Festivals noch mehr Stars zu verpflichten und sich gegenüber der Konkurrenz Vorteile zu verschaffen, braucht das Montreux Jazzfestival nicht 6000 Plätze, sondern es bräuchte eine Arena mit 8000 bis 15'000 Plätzen, wie sie auf dem Palexpo-Gelände in Genf steht.» Zudem fragte er selbstkritisch: «Würde Montreux mit einem grossen Saal nicht seine heutige Intimität verlieren?»

Der Jazzclub ist defizitär

Jaton hat mittlerweile eine klare Haltung: «Das Angebot war grosszügig, aber machte für die Entwicklung und die Identität des Festivals wenig Sinn.» Er ist sich in diesen Tagen noch aus einem anderen Grund sicher, dass der Entscheid richtig war. Bei einem Saal für 6000 Leute wäre für den Jazzclub kein Platz mehr geblieben. Doch genau der Jazzclub, der 2012 das Jazzcafé ersetzt hat, ist beim Publikum äusserst beliebt und stets ausverkauft, obwohl er in einer Art Provisorium eingerichtet ist und gegenüber den anderen Konzert­sälen architektonisch und atmosphärisch abfällt.

Und Jaton hat mit dem Club ein weiteres, gewichtiges Problem: Sein Programm ist exquisit und entsprechend teuer. Pro Festival kostet der Club 700'000 Franken, doch mit den Ticketeinnahmen für die maximal 350 Plätze kann Jaton die Ausgaben nicht decken – es resultiert stets ein ­Defizit. Also bat der Festivaldirektor die Stadtoberen, doch bitte für eine «vertikale Lösung» zu sorgen. Will heissen: statt eines 6000 Plätze grossen Saals das Auditorium Stravinski (2500 bis 4000 Plätze) und das Jazz Lab (1000 bis 2000 Plätze) nicht anzutasten und stattdessen einen neuen, modellierbaren Jazzclub für 300 bis 1000 Besucher zu bauen. Damit würde das Festival, so Jaton, endlich zu einem richtigen, komfortablen Jazzclub kommen und könnte dank höherer Besucherzahlen das Defizit beseitigen.

Die Umrisspläne für den neuen Jazzclub liegen bereits auf dem Pult von Stadtpräsident Laurent Wehrli. Sie gefallen ihm. Er kann Jatons Entscheid nachvollziehen, die Intimität des Festivals nicht zugunsten grosser Konzerte zu opfern. Die Pläne für einen 6000 Personen fassenden Saal hat Wehrli längst beiseitegeschoben. Auf den Skizzen des Lausanner Architekten Marc Fischer ist zu sehen, dass das Publikum den Club von der Seeseite her betreten und dort Platz nehmen würde, wo das Festival heute ein Nahrungsmitteldepot unterhält, sich Bierfässer meterhoch stapeln und freiwillige Helfer sich in einer Mensa verpflegen. Nebenan will Architekt Fischer ein neues Restaurant bauen.

«Renovieren wir das Gebäude nicht, wird es das Jazz Festival nicht mehr geben.»Laurent Wehrli, Stadtpräsident von Montreux

Noch fehlen Bilder der Innenarchitektur. Klar ist aber: Die Fläche des Jazzclubs würde deutlich vergrössert, und damit würde auch die Nutzung des in den Jahren 1972, 1982 und 1992 in drei Bauetappen erstellten Kultur- und Kongresszentrums nochmals optimiert.

Wehrli weiss um die grundsätzliche Problematik der Gebäudegestaltung und gesteht: «Lieber als eine Renovation wäre mir, man würde das Gebäude abreissen und ein auf die heutigen Bedürfnisse ausgerichtetes Zentrum bauen.» Aber das sei leider wegen des vor Jahren in Kraft getretene Seeufergesetzes nicht mehr möglich. Abreissen könne man das Gebäude schon, danach aber kein neues mehr bauen, weil der Kanton nur noch Bauten erlaube, die der Seenutzung dienten, sagt der Stadtpräsident. Abriss und Neubau würden nur schon aus Kostengründen Sinn machen: «50 bis 55 Millionen Franken kosten allein die Sicherheitsmassnahmen. Der Ausbau fällt mit 30 bis 35 Millionen Franken vergleichsweise günstig aus.»

Laurent Wehrli hat delikate Monate vor sich. Obwohl die Stadt nur 25 an die 80 Millionen Franken Baukosten beisteuern muss, weil der Rest durch eine geplante Erhöhung der Kurtaxen und von Stiftungen und der Tourismusförderung zufliessen soll, wird der Stadtpräsident zuerst das Parlament und bei einer allfälligen Abstimmung auch die Bevölkerung überzeugen müssen. Doch er hat ein schlagendes Argument. Ohne zu erröten, kann Wehrli sagen: «Renovieren wir das Gebäude nicht, wird es das Jazz Festival nicht mehr geben.»

Eröffnung im Jahr 2021

Für Pierre Keller, Stiftungsrat des Montreux Jazz Festival, ist vor allem eines wichtig: die Terminplanung. Man müsse raschmöglichst wissen, wann der Umbau beginne, sagt Keller. Wehrli rechnet damit, dass die Bauarbeiten nach dem Festival 2019 beginnen und die Renovation vor der Eröffnung des Festivals 2021 beendet sein wird.

Die Festivalleitung rechnet damit, den Anlass 2020 ausserhalb des Gebäudes zu organisieren: an verschiedenen Orten in Montreux und Umgebung und mit verschiedenster Infrastruktur. Die diesjährige Konzertreihe «Out of the Box» gilt als erster Test für das Jazz Festival 2020. Mathieu Jaton sagt: «Wir haben schon diverse alternative Konzertorte besucht.» 2020 werde eine Herausforderung, aber er freue sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 18:07 Uhr

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