Mozart ist eigentlich ein Blues

Der kubanische Saxofonist und Regimekritiker Paquito D’Rivera verband am Festival da Jazz in St. Moritz die Welten.

Geistreich und lustig: Paquito D'Rivera spielte am 20. Juli mit seinem Septett am Festival da Jazz in St. Moritz.

Geistreich und lustig: Paquito D'Rivera spielte am 20. Juli mit seinem Septett am Festival da Jazz in St. Moritz. Bild: Giancarlo Cattaneo

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Alles an ihm atmet an diesem Abend Offenheit und Kommunikationslust. Dabei könnte der Scharfzüngige ja auch ganz kritisch sein. Doch nicht an diesem Abend am Festival da Jazz in St. Moritz. Fast ein wenig dandyhaft steht er da mit seinem blauen Gilet und seinen modisch schwarzweissen Schuhen.

Paquito D'Rivera aus Kuba, 71-jährig und weisshaarig, lässt seinen Charme schon spielen, ehe er zum ersten Musikstück ansetzt. Er spricht geistreiche witzige Worte und spielt dann so virtuos und expressiv, dass man sich noch immer erinnert fühlt an die Zeit, als er als junger Wilder mit feurigen Tönen auf die weltweite Szene platzte.

In der Zeit um 1980 stand D’Rivera gemeinsam mit einem Chucho Valdés oder einem Arturo Sandoval für so etwas wie eine zweite Welle kubanischer Musiker, die die Musik ihrer Heimat mit Jazz verbanden (nachdem Dizzy Gillespie in den 1940ern schon einen Grundstein gelegt hatte dafür). D’Riveras oder Valdés’ Wirken strahlte damals weit aus. Auch in die Schweiz schwappte die Kubawelle über. Die in den 80ern gegründete Gruppe Picason war nur eine von manchen helvetischen Gruppen, die sich kubanisch befeuern liessen.

Das «imperialistische» Saxofon

D’Rivera war damals auch im Gespräch, weil er kurz zuvor seiner Heimat, dem Kuba Fidel Castros, den Rücken gekehrt hatte. Während einer Tournee 1980 mit der Band Irakere hatte er in Spanien um politisches Asyl ersucht. Danach ging er ins Exil in die USA, was insofern mit Schmerzen verbunden war, weil er seinen Sohn neun Jahre lang nicht mehr sehen konnte. Bald begann sich D’Rivera in den USA über sein Land kritisch zu äussern. Auch in seiner Autobiografie «My Sax Life» hat er beschrieben, welche Hürden es schon in seiner Jugend zu nehmen gab, um die «Musik des Klassenfeindes» im Tropensozialismus spielen zu können, wo das Jazzsaxofon als «imperialistisches» Instrument galt.

Noch 2017 wandte sich D’Rivera gegen das kubanische Regime: Als in Havanna der International Jazz Day stattfand, erinnerte er an die Unterdrückung unliebsamer Kultur in Kuba in den 1970ern durch den Funktionär José Llanuza und griff die «illegitime, diktatorische und intolerante Regierung» Kubas an, die seit einem halben Jahrhundert kubanische Familien auseinanderbringe, unter anderem seine eigene.

Flockige Rhythmen

Man könnte Paquito D'Rivera nun als lebenden Beweis dafür nehmen, dass es gerade die Musik ist, die Grenzen überwinden kann und die Menschen aller Herkunft und aller politischen Systeme zu verbinden mag. Schon das erste Stück bringt das, wofür D’Rivera bereits in den 80ern stand: Sein Septett verbindet kubanisch imprägnierte Musik mit virtuosem amerikanischem Bebop-Jazz. Die Bläserlinie aus D’Rivera und Trompeter David Tavares kann in ein jazzbefeuertes Auf und Ab ausbrechen, dann wieder dengelt die Perkussion flockige kubanische Rhythmen.

Der Abend gilt in den Worten D’Riveras programmatisch der Verbindung karibischer Rhythmen mit der Musikwelt Spaniens. Man hört so etwa eine Anverwandlung des berühmten Gitarrenkonzertes «Concierto de Aranjuez» von Rodrigo, zu diesem Zweck hat D’Rivera auch einen Spieler auf der spanischen Gitarre in seinem Ensemble. Und auch die klassische europäische Musik spielt eine Rolle. D’Rivera macht auch um sie, die er in Havanna als Klarinettist am Konservatorium einst studiert hat, keinen Bogen.

«Mozart kam aus New Orleans.»Paquito D'Rivera

Etwa nimmt er sich Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert in A-Dur vor, die Engelsmusik im zweiten Satz verwandelt er in ein witziges, erdnahes und rhythmisiertes Capriccio. Das ist vielleicht in diesem Fall nicht ganz geschmackssicher und etwas plakativ. Aber es verbindet D’Rivera mit dem Publikum am St. Moritzer Abend wie kein anderes Stück.

Mit der kleinen Respektlosigkeit illustriert D'Riveras auf wunderbare Art sein Musikverständnis. Es kennt keine Barrieren, es dient der Freude und der Verbindung mit dem Publikum, und bei allem offensichtlichen musikalischen Anspruch lässt es auch mal einen Kalauer zu. Den Mozart spielt Paquito D’Rivera auf der Klarinette neckisch und bluesig, mit dem hölzern-verrauchten Klang alter New-Orleans-Klarinettisten und weit weg von allen himmlischen Klarinettenkantilenen.

«Es ist eigentlich kein Adagio, es ist ein Blues!», witzelt er. «Es wurde bislang falsch gespielt!» Und Mozart? Der sei im Grunde, das habe ihm Wynton Marsalis einmal gesteckt, gar kein Österreicher gewesen. «Er kam aus New Orleans.» Und so erlebte man in St. Moritz mit Paquito D’Rivera nicht nur einen Kubaner, der sein Land hinter sich gelassen hat, sondern auch einen, der Mozart vergnüglich eine neue Heimat gab.

Erstellt: 21.07.2019, 17:48 Uhr

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