Musik als Überlebenselixier

Sie probieren Neues aus, statt nur in die Glut der eigenen Vergangenheit zu hauchen: die Schweizer Jazzpioniere Fredy Studer und Hans Kennel am Jazzfestival Willisau.

Lieferte ein Panorama unterschiedlichster, oft kreativ erdachter Grooves: Fredy Studer in Willisau. Foto: Marcel Meier, Jazzfestival Willisau

Lieferte ein Panorama unterschiedlichster, oft kreativ erdachter Grooves: Fredy Studer in Willisau. Foto: Marcel Meier, Jazzfestival Willisau

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Ist man als Jazzmusiker alt, wenn man 70-jährig ist wie der Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer? Oder wenn man gar bald 80 Jahre alt wird wie der Zuger Trompeter Hans Kennel?

Als sie dieses Jahr auf der Bühne des Willisauer Jazzfestivals stehen – Fredy Studer am vergangenen Samstag, Hans Kennel am Sonntag –, hätten die beiden allen Grund, in die Glut der eigenen Vergangenheit zu hauchen. Ab den 1970er-Jahren initiierten sie neue Musikströmungen hierzulande, nachdem sie in ihren Anfängen noch bei der Schweizer Gruppe Jazz Rock Experience gemeinsam musiziert hatten.

Trompeter Hans Kennel, 1939 in Schwyz geboren, stand mit The Alpine Experience oder dem Alphornquartett Mytha am Anfang der neuen Volksmusik in der Schweiz, einer Strömung, die Folklore mit Jazz und Experiment verband. Fredy Studer wiederum wurde mit den Luzerner OM zu einem Pionier des europäischen Electric Jazz.

Weitergehen

Vor allem im Fall von Fredy Studer hat man zuerst in Willisau (wie sich zeigt: völlig unberechtigt) leise Bedenken, dass eine Art Heldenschau überwiegen würde. Auf das Festival hin ist unter dem Titel «Now’s the Time» nicht nur eine in würdigem Schwarz gehaltene Box erschienen mit zwei Soloalben des Drummers, sondern auch ein umfassendes biografisches Buch. Doch beim Konzert des Schlagzeugers wird schnell klar: Hier ist einer am Werk, der vor allem eines will – weitergehen. «Eigentlich hat mich das Solospiel nie interessiert», hat Studer im Gespräch erzählt vor seinem Soloauftritt. «Dass wir Musiker nicht allein sind beim Musizieren, darum beneiden uns Literaten und bildende Künstler gerade!» Doch nach einem ersten gelungenen Solokonzert 2013 ebenfalls in Willisau packte es ihn dennoch mit dem Soloschlagzeugspiel.

In Willisau nun liess sich am Samstag nachhören, was Fredy Studer an Rhythmen ertüftelt, entwickelt, ersonnen hat. Seine einstündige Performance startete mit exakt dem gleichen Stück, das auch seine Doppel-­LP eröffnet: «InPuls». Ein schneller, leicht wirkender Swing-Rhythmus auf Cymbals erklang. Bald kamen die Toms dazu. Es groovte.

Gerade dies wurde zum Programm in der Performance – nur selten widmete sich Studer dem rein Klanglichen der Perkussion und mied so alles, was nach einem Pierre Favre klingen würde, dem berühmtesten Soloschlagzeuger der Schweiz.

Panorama der Grooves

Fredy Studer lieferte so im Solo ein Panorama unterschiedlichster, oft sehr kreativ erdachter Grooves. Er setzte im Konzert die auf Platte getrennten Tracks mit ihren unterschiedlichen konzeptionellen Ideen zu einer unterbruchslosen Séance zusammen. Auch wenn das gesamthaft etwas gar als blosse Abfolge von Pas­sagen wirkte: In jedem Fall gelang Studer eine stimmige Dramaturgie. Viel Überraschendes spielte sich ab. «Ich spiele in meinem neuen Quartett Wood?&?Brass mit Musikern zusammen, die meine Kinder oder Enkelkinder sein könnten», erzählt seinerseits Hans Kennel vor seinem Auftritt. Trompeter Silvan Schmid, Posaunist Phil Powell und die Cellistin mit dem Künstlernamen Cégiu bringen tatsächlich frischen Wind in Kennels kammermusikalisch klingendes Ensemble. Ganz abgesehen davon, sieht sich Kennel heute auch nicht mehr als Vertreter der neuen Volksmusik. «Das ist abgeschlossen, ich will nicht rückwärtsdenken. Jetzt ist 2018.»

Zwar sind die Alphörner noch nicht ganz verschwunden; und im Programm gibts auch einen volkstümlichen Schwyzer Kuhreihen. Doch spürt man da den ewigen Tüftler Kennel, der zwei Jahre suchte, bis er die richtige Cellistin fürs Quartett fand. «Weil ich jetzt mit so jungen Leuten spiele, heisst das nächste Stück ‹Generation Dance›», sagt Kennel beim Konzert eine Komposition an. Dort ist alles drin, was sein heutiges Schaffen kennzeichnet. Zu Beginn klingt es auch nach neuer E-Musik, später nach Jazz: Über einem Cello-Bordun-Ton spielen die Blechbläser mit swingender Phrasierung, was daran erinnert, dass Kennel vor seinen Volksmusikerkundungen Hardbopjazz spielte. Hans Kennel erzählt in seinen Ansagen von alten Weggefährten wie Bruno Spoerri oder Mani Planzer (Letzterer lang verstorben). Und da merkt man ihm die 79 Jahre an – als Reflektiertheit. Im Gespräch erzählt Kennel davon, was die Musik ihm bedeutete, wie sie ihn begleitete neben seiner sonstigen Existenz als Inhaber einer Firma für Kräutertee. «Es ist für mich existenziell, Musik machen zu können. In Zeiten, wo ich nicht mehr spielte, war ich in Krisen.»

Existenziell

Als etwas Existenzielles betrachtet auch Fredy Studer die eigene Schlagzeugmusik. Zwei der Stücke auf seinen LPs sind relativ ungeplant entstanden, Hintergrund war der Tod eines guten Freundes von Studer. «Rostiger Himmel» heisst einer der Tracks. Studer scratcht da auf einem Gong. Das klingt recht trostlos. Studer sagt, er zitiere beim Nachdenken über die letzten Dinge des Lebens gern den österreichischen Dichter und Musiker Georg Kreisler: «Das alles zu erklären, wäre, wie wenn ich versuchen würde, meinem Hund Deutschland zu erklären. Das übersteigt ganz einfach sein Vorstellungsvermögen.»

Studer sieht in der Musik ein Lebenselixier. Ein Mittel, um mit dem Leben zurechtzukommen: «Freunde, die Kunst und der Humor helfen einem, dass man nicht wahnsinnig wird.» Und so spielt er auch in Willisau seine Rhythmen auf seinem gelben Gretsch-Schlagzeug. Zweifellos wird er auch in Zukunft weitertüfteln an Schlagzeugbeats. «Es hört ja nie auf mit dem Forschen in der Musik! Du könntest zehntausend Jahre alt werden, und du hättest noch zu tun!»

Fredy Studer: Now’s the Time – Solo Drums (2 LPs und 250-seitiges Buch / Everest Records und Maniac Press). Hans Kennel: Wood & Brass (TCB The Montreux Jazz Label).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2018, 18:36 Uhr

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