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Nach alter Väter Saite

Gestern baten Krokus und Gotthard in Bern erstmals gemeinsam zur Party. Doch nur eine der beiden Hardrock-Veteranen-Combos überzeugte.

Klassische Pose: Marc Storace und Mandy Meyer von Krokus.
Klassische Pose: Marc Storace und Mandy Meyer von Krokus.
Franziska Rothenbühler
Krokus-Sänger Storace: Gruss an die «schmutzigen Liebhaber».
Krokus-Sänger Storace: Gruss an die «schmutzigen Liebhaber».
Franziska Rothenbühler
Die grosse Geste: Marc Storace.
Die grosse Geste: Marc Storace.
Franziska Rothenbühler
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Pünktlich um 23.44 Uhr – eine Minute vor Lichterlöschen – ergiesst sich zum Schlussakkord ein Silberregen auf die Bühne der Berner Festhalle. Punktgenaue Schweizer Wertarbeit eben. Zuvor ist etwas geschehen, was Augenzeugen später gerne als historisch bezeichnen dürften: Sie standen zum ersten Mal zusammen auf der Bühne – Krokus und Gotthard, die Ehrenvorsitzenden des Schweizer Hardrock –, und sie taten etwas, was sie selber als Jam bezeichnet haben.

Nicht dass da munter drauflos improvisiert worden wäre, nein, jammen bedeutet in ihrem Verständnis, dass man einträchtig und vollkehlig leicht abgefingerte Rock-Gassenhauer ins Auditorium schmettert; «Come Together» von den Beatles zum Beispiel oder «Mighty Quinn» von Bob Dylan. Das klingt an diesem Abend indes tatsächlich derart frenetisch und satt, dass hiernach gewisse Best-Ager die Lokalität mit eindeutigen Symptomen des Gefühlsüberschwangs verlassen, wie sie nicht vom blossen Bierkonsum herrühren können.

Rock und Tadellosigkeit

Vielleicht sind Krokus und Gotthard ja wirklich die wahren Rebellen der helvetischen Musikgeschichte. Erstere haben nun schon 42 Jahre auf dem Buckel, Gotthard begehen gerade ihr 25-Jahr-Jubiläum – da sind also so einige Mannsjahre zusammengekommen, in denen hartnäckig dem Zeitgeist getrotzt wurde.

Denn so richtig in Mode waren sie beide – wenn überhaupt – nur kurz: Krokus‘ rosigste Zeit war zu Beginn der Achtzigerjahre, als es die Menschen nach Jeansjacken, Leopardenhemden, Brusthaaren und Stromgitarren dürstete. Was danach kam, war ein ziemlicher Krampf, ein Reigen an schlechten Entscheidungen, die bekanntlich schon wiederholt zur Zerrüttung der Band führten.

Gotthard waren noch umstürzlerischer: Als die Band 1992 ihre erste CD auf den Markt warf, war der Hardrock längst ein Auslaufmodell. Es war die Zeit, in der Nirvana oder die Red Hot Chili Peppers aufzeigten, dass mit Stromgitarren mehr möglich war, als alte Riffs aus den Achtzigerjahren aufzuwärmen. Dennoch: Krokus und Gotthard geistern trotz ihres antizyklischen Verhaltens derzeit wieder einmal Schulter an Schulter durch die Top-Ten der Schweizer Hitparade – Krokus auf der 7, Gotthard auf der 6.

Und es scheint, als hätten die beiden ja tatsächlich eine Befindlichkeit getroffen: Mit neuen Werten oder aufmüpfigen Ideen haben sie die Rockmusik gewiss nicht aufgeladen, doch sie haben ein gutschweizerisches Konkordanzprodukt erschaffen. Indem sie genau so viel Tadellosigkeit zwischen die lauten Gitarren mischten, dass auch der gemeine helvetische Subaru-Fahrer zu dieser Musik noch zufrieden mit dem Kopf nickt.

Schmutzige Liebhaber

Krokus müssen an diesem Abend als erste ran. Sie starten ihr Set mit viel Feuer und Flamme aus dem Pyrotechnik-Trickkistchen. Marc Storace durchdringt bald den ganzen Saal mit seinem maltesischen Quetschsopran und bekundet keinerlei Mühe, sich gegen die zwei gewiss nicht defensiv abgemischten Gitarren von Fernando von Arb und Mandy Meyer durchzusetzen.

Dazu kommt Chris von Rohrs kunstloses aber sachdienliches Bassspiel (er wurde am Nachmittag vor dem Konzert noch mit hohem Fieber ins Spital eingeliefert und kraft einer Infusion fitgemacht). Und Flavio Mezzodi trommelt, als wolle er aufkommende Bedenken betreffend Betagtheit und Rock’n’Roll mit seinen Drumsticks in der Luft zu zerschlagen.

«Die schmutzigen Liebhaber im Publikum klatschen begeistert Beifall.»

Es gibt 5-Minuten-Gitarrensoli zu hart angeschlagenem Schlagzeugblech, es gibt hübsche dramaturgische Kniffe zur Entspannung, und es gibt selbstredend eine ganze Menge rammeligen Textguts (kleines Beispiel: «Ich weiss, du nennst mich einen schmutzigen Liebhaber / doch das ist genau das, was du brauchst» – aus «Heatstrokes»).

Die schmutzigen Liebhaber im Publikum klatschen dafür begeistert Beifall. Von Rohr hatte ein 4-Generationenpublikum in Aussicht gestellt, doch von der dritten und vierten Generation hat sich kaum jemand eingefunden. Es ist ein burschikoses, graumeliertes Publikum, eher Landi als Innenstadt-Migros, eher Biker-Shop als E-Bike-Filiale.

Krokus tischt ihm ein bewährtes Best-of-Set auf. Das Vertrauen in ihr aktuelles Album «Big Rocks», das sich ausschliesslich aus Covers alter Rock-Nummern zusammensetzt, scheint noch nicht allzu gross zu sein. Doch ein abendfüllendes Hit-Programm kommt da allemal zusammen.

Und natürlich ist das alles reichlich risikolos, absehbar und ungefährlich. Natürlich bringt Krokus‘ Haltung, zum Hier und jetzt so rein gar nichts beitragen zu wollen (ausser Nostalgie als Antithese zur Moderne und vielleicht noch die wohlbekannten hippiesk-reaktionären Wortmeldungen ihres Sprachrohrs Chris von Rohr in seiner «Schweizer Illustrierte»-Kolumne) die Musikwelt keinen Millimeter weiter.

Und natürlich hat der Metal von Krokus nicht nur Staub, sondern auch Rost angesetzt. Doch das Ganze wird mit einer derartigen Inbrunst, Hingabe und Präzision dargebracht, dass dieser Krokus-Eineinhalbstünder erfreulich kurzweilig ausfällt.

Gotthard mit weniger Dräck

Etwas, was man vom nachfolgenden Gotthard-Konzert nicht behaupten möchte. Es ist wie immer mit dieser Band: Sie will auf der ganzen Gefühlsklaviatur spielen, will raubauzig sein und doch die Damen im Publikum mit Balladen bezirzen, sie will als Rockband verstanden werden und doch den Lokalradio-Musikredaktor um den Finger wickeln.

Daraus resultiert ein nicht sonderlich markantes, zwischen Barhocker-Kuschelpop und Windmaschinen-Rock oszillierendes Breitband-Entertainment, das bald langweilt wie ein Henniez mit reduziertem Kohlesäuregehalt.

Nicht ganz unschuldig an Gotthards musikalischer Entwicklung von der Rock- zur Pop-Band war ja bekanntlich der Krokus-Bassist Chris von Rohr, der elf Jahr lang als Produzent der Gruppe amtete und in diesem Rang sein Motto «meh Dräck» ins Gegenteil verkehrte. Wenn man sieht, wie Gotthard an diesem Abend gegen Krokus abfällt, könnte man in Versuchung geraten, ihn der Böswilligkeit zu bezichtigen.

Gotthard wirken zu routiniert, um richtig zu begeistern. Der tadellose (gar nicht mehr so neue) Sänger Nic Maeder repetiert exakt die selben Ansagen, die er vor einigen Wochen schon seinem deutschen Publikum unterbreitete.

Und so wird zum heimlichen Star des Konzerts einer, der gar nichts mit Gotthard zu tun hat: Es ist der Schlagzeuger Daniel Loeble von der Gruppe Halloween, der kürzlich eingesprungen ist, um den erkrankten Stamm-Trommler Hena Habegger zu ersetzen. Er ist für die ekstatischsten Momente zuständig, und seine Soli würden selbst im Jazz-Milieu Staunen auslösen.

Die Fusion als Option

Krokus und Gotthard im Direktvergleich, das ist in etwa, wie wenn man Puch Maxi (Krokus) und Piaggo Ciao (Gotthard) miteinander vergleicht. Für die jüngere Leserschaft: Das waren zwei, besonders in den Achtzigerjahren sehr populäre Motorfahrräder – das eine (Puch Maxi) motorte etwas rauer und lauter, das andere (Ciao) gleitete weit geschmeidiger durch die Strassen.

Beide sind irgendwann eingegangen, weil sich bis auf ein paar Nostalgiefreunde niemand mehr für die bejahrte Technologie interessierte. Ein solches Schicksal könnte auch Krokus, vor allem aber Gotthard dereinst blühen. Als Option bliebe da die Fusion. Krokhard – das klingt gar nicht so schlecht. Auf dem Papier wie auf der Bühne.

Heute Abend spielen Krokus und Gotthard in der Samsung Hall in Dübendorf. Ab 19 Uhr.

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