Zum Hauptinhalt springen

Nits im Volkshaus – zeitlos gut

Zu keinem fremden Land haben die Nits aus Amsterdam eine so innige Beziehung wie zur Schweiz. Ihr Konzert am Donnerstag im Volkshaus zeigte, warum.

Ihre neue Platte überzeugt: Die niederländische Band The Nits. (Bild: nits.nl/Tabea Hüberli)
Ihre neue Platte überzeugt: Die niederländische Band The Nits. (Bild: nits.nl/Tabea Hüberli)

Wenn eine Band, die seit 44 Jahren zusammen spielt, an ihrem aktuellen Konzert das gesamte neue Album aufführt, in ihrem Fall das 23., wenn man von Kompilationen und Live-Aufnahmen und Produktionen mit anderen absieht – dann lässt sich das Symptom in drei Diagnosen fassen, und nur eine fällt positiv aus. Entweder die Musiker leiden an Selbstüberschätzung, sie merken nicht, dass ihre Zukunft längst in der Vergangenheit geborgen ist. Oder sie neigen zum Trotz, gerade weil ihre Zeit vorbei ist, schon sehr lange. Oder dann empfinden sie Stolz, weil ihr neues Album so gut geraten ist.

Das ist den Nits mit «Angst» gelungen, wenigstens zu einem grossen Teil. Normalerweise steht man zwei Nummern des jeweils letzten Albums stoisch durch und wartet auf die Hits. An ihrem gefeierten Auftritt am Donnerstag im Volkshaus freute man sich auch auf das neue Material. Trotzdem gelang die erste Konzerthälfte nicht auf dem druckvollen Niveau, wie man es von den Nits kennt. Das hat einiges mit den Inhalten der neuen Songs zu tun.

The Nits, «A Pocket of Rain», live aus dem neuen Album «Angst», 2017. (Video: Youtube/nitsfan)

Die meisten von ihnen handeln von der Zeit der deutschen Besatzung in den Niederlanden, Sänger und Texter Henk Hofstede erzählt Erinnerungen seiner Eltern und Grosseltern nach. Wie die Grossmutter einen jüdischen Jungen im Estrich versteckte, dessen Eltern deportiert worden waren. Und ihre Nachbarn, deren Buben mit Swastikas herumliefen, nur eine dünne Wand entfernt von ihm schliefen. Wie seine Eltern die deutschen Soldaten abziehen sahen. Wie seine Mutter von einer Migräne-Attacke gefangen genommen wurde, während das Land im Mai 1945 die Befreiung feierte. Hofstede neigt als Lyriker gelegentlich zum Aquarellischen; schon lange nicht mehr hörte man ihn so konsequent.

Aber alle Einwände lösten sich nach der Pause auf, und es wird einem wieder bewusst, warum man jedes Mal seit Dutzenden von Jahren an ihre Konzerte geht. Auf ihre schüchterne, also nicht gerade herbe Weise gehört diese Band zu einer der besten Konzert-Attraktionen, die man sich vorstellen kann.

The Nits, «Nescio», ihr zweitgrösser Hit, aus einer Live-Aufführung von 1989. (Video: Youtube/sketchesofnits)

Das hat mehrere, einander verstärkende Gründe: Dynamik, kristalline Performance, Humor, Virtuosität, das postkartenhafte Talent zur Schönheit, die Verweiskraft auf die amerikanische Pop-Art, auf Fotografie und Kunst, aufgeführt in einer zutiefst europäischen Melancholie. Und natürlich diese stilistische Vielfalt.

Davon profitierte die zweite Halbzeit an diesem Abend mit Höhepunkten wie «Pockets of Rain» aus dem neuen Album, «No-Man’s Land» aus dem oft übersehenen «Doing the Dishes» und dem perkussiven, frühen Volltreffer «A Touch of Henry Moore», wie so oft bei ihnen neu arrangiert und trotzdem gut.

Man wird wiederkommen.

The Nits, «In the Dutch Mountains», Video, 1987, ihr grösster Hit. (Video: Youtube/Dietmar Schmitzberger)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch