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Nostalgie ist keine Lösung

Die US-Band Deerhunter erzählt von der beschleunigten popkulturellen Gegenwart, in der klassische Gitarrenbands wie sie längst Auslaufmodelle sind.

Verwischen die Spuren: Deerhunter mit Bradford Cox (ganz rechts). Foto: PD
Verwischen die Spuren: Deerhunter mit Bradford Cox (ganz rechts). Foto: PD

Er hasst Zeit. Sagt der Mann, der die Tür zum Garderobencontainer im Backstagebereich öffnet, wo seine Bandkollegen bereits freundlich und interessiert über das Album sprechen, das gerade am Entstehen ist. Er sagt dann genervt: «Wieso führt sich hier jeder so seltsam auf?»

Der Mann, der Zeit hasst und zu Hause in Atlanta schon mal vergisst, welcher Wochentag ist, heisst Bradford Cox. Der 36-Jährige zählt als Sänger der Band Deerhunter zu jenen Köpfen im Musikbusiness, die allein durch ihre Präsenz und ihre Launen ganz normal verlaufende Interviews kippen können. So weit kommt es beim Treffen im Rahmen der Bad-Bonn-Kilbi im freiburgischen Düdingen, wo Deerhunter das Aushängeschild der letztjährigen Festivalausgabe waren, nicht. Aber man weiss für einen kurzen Moment, wie angespannt es sich anfühlen kann im komplizierten Gefüge einer Band, die seit über 15 Jahren zusammen spielt. Am Freitag veröffentlicht sie nun mit «Why Hasn’t Everything Already Disappeared?» ihr achtes Album.

Ungeduldige Gegenwart

Es ist ein Album, das mit Cembaloklängen und der hellen, leicht nölenden Stimme von Cox beginnt und sich auf die Spur von dem macht, was in Zeiten der Digitalisierung alles verschwindet – oder bereits verschwunden ist. Sie machen das auf diesem genau gebauten Album mit einer leicht angezerrten Gitarrenmusik, die eine elegische Grundstimmung ausstrahlt, aber bei aller Gegenwartsflucht immer auch die Dringlichkeit besitzt, in der klar wird: Nostalgie, nein, das ist für sie keine Lösung, auch wenn sie noch Platten aufnehmen mit Songs, die man in dieser Abfolge hören muss, damit sie ihre Wirkung entfalten.

Deerhunter wissen selber am besten: Die analoge Vergangenheit kommt nie mehr zurück. Und auch nicht jene Zeit, als sie als eigentliche Kinder des Internets Mitte der Nullerjahre eine der spektakulärsten Erscheinungen der damaligen, von Blogs getriebenen Musiklandschaft waren. Was auch mit dem Aussenseitertum von Bradford Cox zusammenhängt und seinem Körper, der von einer seltenen Erbkrankheit deformiert ist. Ohne Pop als Zufluchtsort, ohne die Platten und Bücher, die er hortet, hätte eine Person wie er wohl kaum überlebt.

So eröffnen Deerhunter ihr neues Album: «Death in Midsummer». Video: 4AD (Youtube)

Jene so nahen und doch so fernen Zeiten nach dem Jahrtausendwechsel sind in der aktuellen Gegenwart, in der die verschiedensten Hip-Hop-Spielarten und Streamingdienste wie Spotify das Hörverhalten dominieren, schon fast vergessen. Die Musikindustrie kontrollierte die Internetstrukturen noch nicht, und Alben wurden schon lange vor der Veröffentlichung geleakt. Ein solches war 2008 Deerhunters Schlüsselplatte «Microcastle», auf der die Band eine psychedelische, obsessive und dunkel träumende Rockmusik spielte. Bradford Cox war über die frühe Veröffentlichung so erzürnt, dass die Bandmitglieder gleich noch ein zweites, weit experimentelleres Album produzierten. Und als sie mit ihrem vielleicht schönsten und erfolgreichsten Album «Halcyon Digest» (2010) schon fast zu populär für die Indiewelt wurden, zerstörten sie die kommerziellen Hoffnungen und Erwartungen der Plattenfirma mit ihrem rohsten Album.

Musiker müssen heute gleich mit dem ersten Song einschlagen. Ein Versagen können sie sich nicht leisten.

Karrieren wie jene von Deerhunter – zumal jene, die auch nach über einem Jahrzehnt künstlerische Herausforderungen bergen – sind selten geworden. Die Band profitierte auch von dem, was Bradford Cox eigentlich hasst: Zeit, sich zu entwickeln, an Sounds zu forschen, die zu einer musikalischen Handschrift werden können. Die datengetriebene und durchoptimierte Gegenwart agiert wesentlich nervöser, ungeduldiger auch: Musiker müssen heute bereits mit ihrem ersten Song einschlagen und performen. Sie können es sich kaum mehr leisten, auch einmal zu versagen – ein Luxus, den sich Deerhunter, die eine brillante Liveband sein können, an ihren Konzerten immer wieder leisten.

Ihr bekanntester Song: «Helicopter» vom Album «Halcyon Digest». Video: 4AD (Youtube)

Aber eben: Sentimental werden gilt nicht, auch nicht für eine Band aus einer popmusikalischen Ära, die mit Zitaten hantierte und in den schlechtesten Momenten gar süchtig nach der Vergangenheit war, wie der Musikjournalist Simon Reynolds in seinem zu Tode zitierten Buch «Retromania» urteilte.

Behutsam Spuren legen

Warum denn Deerhunter die Nullerjahre überlebten und noch immer lebendig scheinen? Man hört es auf dem neuen Album, auf dem die verschiedenen Interessen der Musiker sowie der freigeistigen Songwriterin Cate Le Bon, welche die Platte mitpro­duziert hat, ineinanderfliessen. Sie legen behutsam Spuren, die über zeitgenössischen Traumpop bis ins England der Kinks zurückführen. Nur, um die Herkunft dieser Musik wieder zu verwischen.

Diese Vertrautheit und Neugierde der einzelnen Bandmitglieder, die sich in der Musik niederschlägt, ist auch zu spüren, wenn Schlagzeuger Moses Archuleta und der Gitarrist Lockett Pundt vom Aufnahmeprozess in der texanischen Wüste erzählen. Sie erwähnen dann, wie sehr sie dort aufeinander angewiesen waren, wo es nichts anderes zu tun gab, als Musik zu machen.

Die Mittdreissiger sind ja auch selber überrascht, dass sie bereits so lange miteinander Platten aufnehmen und auf Tour gehen in einem Gefüge, in dem jeder die Rolle des anderen anerkennt und respektiert. Selbst dann, wenn die Lage angespannt wirkt, so wie im Container im freiburgischen Hinterland. Denn Bradford Cox hasst nicht nur Zeit. Er hasst es auch, sein Zuhause zu verlassen.

Deerhunter: Why Hasn't Every­thing Already Disappeared? (4AD/MV). Konzert: 30. Mai, Salzhaus, Winterthur.

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