«Jesus Walks»-Socken für 50 Dollar: Popstars feiern Gott

Kanye West feiert Jesus, Katy Perry klaut beim christlichen Rap: Der offen zelebrierte Glaube von Popstars fordert nicht gläubige Popfans heraus.

Er ist auferstanden: Kanye West am Coachella Festival am Ostersonntag 2019. Foto: Getty Images

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Man kann über alles rappen, über Gewalt, Sex und Drogen. Aber über Jesus und Gott? Das geht nicht – weil man dann nicht am Radio gespielt wird. Dies verkündete Kanye West in «Jesus Walks», einem seiner frühen Songs, in dem er auch sagt: «Gott zeigt mir den Weg, denn der Teufel versucht, mich zu zerstören.» Das war vor 15 Jahren.

Mittlerweile scheinen sich die Zeiten geändert zu haben. So drastisch, dass der Rapper seit Anfang des Jahres Gottesdienste feiert. Und alle, die etwas gelten in der Starwelt, ob gläubig oder nicht gläubig, feiern mit, wenn der 42-Jährige und seine Frau Kim Kardashian an verschiedenen Orten und meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu diesen «Sunday Services» laden. Es sind Personen wie David Letterman, Popsängerin Sia oder Brad Pitt, der sich berührt zeigte von der «wunderbaren Erfahrung», die er an einem von Wests Freiluftgottesdiensten gemacht hatte.

Über Gott rappen: Kanye West performt seinen Song «Jesus Walks» im Rahmen eines «Sunday Service».

In zahllosen Social-Media-Schnipseln, die Superinfluencerin Kardashian an ihre 148 Millionen Instagram-Follower weiterschickte, sind Teile dieser Gottesdienste dokumentiert. Man hört, wie ein fantastischer Gospelchor und eine ebensolche Band die Songs von Kanye West adaptieren, hört auch, wie sie Tupac Shakurs Klassiker «California Love» in einen Lobpreisungssong ummünzen. Und man hört, wie selbst weltliche Nirvana-Heiligtümer wie «Come As You Are» und «Smells Like Teen Spirit» zu parodistisch anmutenden Jesus-Hymnen werden.

Man erlebt aber auch einen Kanye West, der strahlt. Einer, der wiedergeboren scheint nach den Jahren des Tumults. In dieser Zeit hatte er sich halb ironisch als Gott inszeniert und gab einem seiner Alben den Namen «Yeezus». Er zeigte sich mit der roten «Make America Great Again»-Fanmütze im Weissen Haus bei Donald Trump, bezeichnete die Sklaverei als «eigene Wahl» (wofür er sich später entschuldigte). Und er feierte auf seinem so kurzen wie verworrenen Album «Ye» seine bipolare Störung als Superkraft.

«Let your light shine, it’s contagious»: Nirvana-Covers an einem «Sunday Service» von Kanye West.

Am Freitag soll nun sein Album «Jesus Is King» erscheinen, das noch niemand hören konnte und mutmasslich auf seinen «Sunday Service»-Auftritten basiert. Gesichert ist: Es fordert die nicht gläubigen Popfans allein schon wegen des Titels heraus. Denn Popmusik dient gemeinhin als Ersatzreligion, die Bedürfnisse nach Entgrenzung und Ekstase ganz ohne Gott befriedigt. Sie kann trösten und aufwühlen wie eine Predigt, kann zu einem sprechen wie eine Zeile aus einem Psalm. Und was bietet schon ein Gottesdienst gegen ein Stadionkonzert? An diesen Popshows hat Gott nichts verloren – denn die Gottheit, das Idol, steht ja in der Person des Stars auf der Bühne. Dass diese «populärer als Jesus» sein kann, ist seit John Lennons «More popular than Jesus»-Aussage geschenkt.

Wiedergeborener Christ: Bob Dylans «Gotta Serve Somebody».

Wenn Gott im Pop ohne Mehrdeutigkeiten anwesend ist – und also mehr ausdrückt als nur ein ungefähres spirituelles Gefühl –, stellt das die Fanscharen aber vor Probleme. Das war etwa so, als Cat Stevens zum Islam konvertierte. Es war so, als Bob Dylan als wiedergeborener Christ Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger seine frommen Alben veröffentlichte – und mit Songs wie «Gotta Serve Somebody» Unverständnis und Hass auslöste. Das war auch so, als eine junge, weisse Indiegeneration um den Songwriter Sufjan Stevens (der nicht verwandt ist mit Cat Stevens) Mitte der Nullerjahre Gott pries. Wer dazu fähig war, konnte diese Glaubensbekenntnisse ironisch weglächeln, weil die Songs harmlos klangen, schon fast kindlich naiv. Und vielleicht, so mutmassten einige Hipster, die nicht an die Wahrhaftigkeit dieser Songs glauben wollten, war dies ja auch ein postmodernes Spiel, in dem selbst das Christentum zur leeren Chiffre und hippieseligen Zutat geworden ist.

Für den ungläubigen Popfan gilt: Die christliche Religion der Musiker, so sie denn überhaupt eine haben, soll bitte schön Privatsache bleiben. Akzeptiert ist der Glaube – neben Ausnahmen wie Johnny Cash oder Nick Cave – nur dann, wenn man ihn exotisieren kann. Wenn er nicht christlich und nicht zeitgenössisch ist: Bob Marley singt über Jah? Kein Problem. Die Beatles pilgern zu indischen Gurus? Hatte eine psychedelische Entgrenzung des Popsongs zur Folge. Der spirituelle Jazz der Afroamerikaner? Wirkt befreiend und klingt universal gültig. Gospel? Liegt auch weit weg für den weissen Europäer.

Er durfte seinen Gott anpreisen: Bob Marley über die Rastafari-Religion.

Wer dennoch Pop und Glaube zusammenbrachte, wurde in die christlichen Subgenres verbannt. In diesem Tummelfeld hält sich etwa Flame auf. Der Rapper wäre ein normaler Nischenkünstler geblieben, hätte ihm nicht Katy Perry zu einigem Ruhm und Geld verholfen. Perry, die in ihren ersten Karrierejahren als christliche Sängerin aufgetreten war, hatte bei Flame nämlich einige Elemente für ihren Hit «Dark Horse» geklaut. Zu diesem Schluss kam vor kurzem ein Gericht – Perry und ihre Plattenfirma müssen nun 2,8 Millionen Dollar an Flame abtreten.

So klingt der Song, von dem Katy Perry einige Elemente geklaut hat: «Joyful Noise» von Flame.

Die Grenzen zwischen den sorgsam getrennten Lagern – hier die christliche Musikszene, da der Pop – sind durchlässig geworden. Was ja auch passt zu einer Zeit, in dem vieles auf der Welt ins Bröckeln geraten ist und wir, die verlorenen Schäfchen, offenbar einen Zufluchtsort gut gebrauchen könnten. Und es passt auch in dieses Bild, dass in diesem Jahr grosse Festivalbühnen kurzzeitig zu Orten von christlichen Prozessionen wurden. Der englische Grime-Musiker Stormzy forderte gegen Schluss seines atemraubenden Konzerts am Glastonbury-Festival das Publikum dazu auf, Gott allen Ruhm zu schenken, ehe er – verstärkt mit einem Gospelchor – das Heilslied «Blinded by Your Grace, Pt. 2» anstimmte. Und die 100’000 Menschen vor der Bühne, die kurz zuvor noch begeistert den Fluch «Fuck Boris!» gegen den heutigen Premierminister Boris Johnson mitrappten, sangen berührt mit.

Predigt in Glastonbury: Stormzys «Blinded by Your Grace, Pt. 2».

Früher im Jahr, am Ostersonntag, war es dann auch Kanye West selber, der seinen «Sunday Service» auf einem Hügel im Rahmen des Coachella Festival feierte. Vor Ort konnten die Jünger – neben der Teilnahme am Gottesdienst und dem Mitsingen von Songs wie «Ultralight Beam» – auch allerlei Fanartikel kaufen, etwa «Jesus Walks»-Socken für 50 Dollar oder Pullover mit der Aufschrift «Holy Spirit», die bis zu 225 Dollar kosteten.

Es lässt sich mit der Religion inzwischen sehr wohl auch im Pop gutes Geld verdienen, das hat Kanye West mit diesem Auftritt bewiesen. Wobei: Ist alles dann doch nicht so christlich gemeint, wie es klingt und auf den Videoclips zu sehen ist? Kim Kardashian sagte zumindest in einer Talkshow über die Gottesdienste: «Es gibt keine Gebete, keine Predigten. Es ist nur Musik, und es ist nur ein Gefühl.»

Oh Lord!

«Jesus Is King» erscheint voraussichtlich am Freitag, 27.9.

Erstellt: 25.09.2019, 17:43 Uhr

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