Was wäre, wenn die Geige brennte?

Kluge Konzepte, packende Klänge: Johannes Maria Staud ist Composer-in-Residence am Lucerne Festival.

Konfrontation zwischen Solist und Orchester: Johannes Maria Staud. Foto: Priska Ketterer

Konfrontation zwischen Solist und Orchester: Johannes Maria Staud. Foto: Priska Ketterer

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«A Map Is Not the Territory», «Black Moon», «Violent Incidents (Hommage à Bruce Nauman)»: So lauten die klingenden Titel, die der Komponist Johannes Maria Staud seinen Werken verleiht. Als Arbeitsvehikel ausserhalb der Musik dienen ihm diese Referenzen zu Linguistik, Film und Kunst, als Anregungen zur Entwicklung seiner kompositorischen Konzepte. Der angenehme Nebeneffekt ist für den 1974 geborenen Österreicher, dass er damit nicht über die Musik selbst sprechen muss, wenn er nach seinen Werken gefragt wird.

Musik für den Sohn

Ein Ausweichmanöver, das sich bei seinem neuen Werk «Oskar (Towards a Brighter Hue II)» als eleganter Schachzug erweist, um der Publikumsentfremdung entgegenzuwirken. Allein der Namensgeber der Musik für Violine und Streichorchester mit Schlagzeug, die Staud für die Geigerin Midori geschrieben hat, macht das Stück sympathisch: «Oskar ist mein Sohn, der mitten im Kompositionsprozess zur Welt kam», sagt er. «Ich glaube zwar, die Biografie wird bei Komponisten oder Künstlern überhaupt überschätzt. Aber trotzdem spielt sie unterbewusst natürlich schon eine Rolle und wird irgendwie umgewandelt und transformiert im Kunstwerk. Da hab ich mir ein bissl einen Scherz erlaubt. Aber man kann das Stück natürlich auch abstrakt deuten, als absolute Musik.»

Und tatsächlich deutet es schon der Untertitel «Towards a Brighter Hue II» an: Die Idee zum neuen Werk geht zurück auf ein gleichnamiges Stück für ­Violine solo, das sich wiederum auf ein Kurzzitat aus Stauds Oper «Berenice» bezieht. «Das Solostück von 2004 hat eine Potenzialität in sich getragen, seinen Inhalt in Konfrontation mit etwas anderem zu bringen. Ich habe das neue Stück sozusagen als Musikwissenschaftler geschrieben. Ich knüpfe an, wo ich einmal war, aber führe es woanders hin. Es gibt Querverbindungen und Abspaltungen, aber dann komme ich doch auch wieder zurück zum Ausgangspunkt.» Eine selbstanalytische Vorgehensweise gegenüber dem eigenen Materialdenken, die sich in Stauds Arbeiten mehrfach wiederfindet und ein filigranes Netz von Beziehungssträngen nach sich zieht – aber kaum fürs Programmheft taugt.

Die Liebe zum Detail zahlt sich im Klangergebnis jedoch durch eine Klarheit aus, die den Hörer wie selbstverständlich durchs Geschehen führt. Ein Geschehen, das in diesem Fall seine Anregung in den Skulpturen des Engländers David Nash fand: «Er hat verschiedene Holzarten komplett verkohlt und sich viel mit der Psychologie des Feuers beschäftigt, wie es die Struktur des Holzes ändert, durch einen physischen Vorgang ein anderes Material daraus macht. Was wäre also, wenn die Violine jetzt Feuer fangen würde, rein durch das Spiel?»

Antwort gab die Uraufführung am Mittwoch: Erst marschieren die Streicher des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) unter der Leitung von James Gaffigan in leise drohenden Pizzicati auf die Solistin zu, die sich dem Klangkörper aber bald entgegenstellt in einem Wechsel von energisch gehaltenen Tönen und Schüben von kurz sich aufbäumenden Umspielungen. Immer wieder scheint sie ihren Platz behaupten zu wollen oder entweicht dem Orchester in ungreifbare Höhen. Das LSO folgt ihr hartnäckig, versucht ihr mal mimetisch beizukommen, scheint ihr Spiel ein anderes Mal im Höhepunkt beinahe zu verzehren.

Verglühende Musik

Die «hellere Färbung», auf die sich das Stück laut Titel zubewegt, ist dabei meist eine scharfe. Erst ganz zum Ende führt sie in eine Blässe, die an den Staub von Asche nach dem Verglühen erinnert. Die Konsequenz, Ernsthaftigkeit und Präsenz, welche die Partie fordert, machen deutlich, dass sie Midori auf den Leib geschrieben ist. «Die Konfrontation Solist - Orchester, Individuum - Masse, das ist immer psychologisch», so Staud: «Werden sie gegenübergestellt? Verschmelzen sie? Heben sie sich ab? Ist es ein Wettstreit? Ziehen sie an einem Strang?»

Psychologisch nennt er auch seine neue, mit Durs Grünbein entwickelte Oper «Die Antilope»: die Geschichte um einen jungen Karrieristen, der beim Sprung aus dem Fenster statt zu sterben in ein zeitenthobenes Dasein übergeht. Sie ist seine zweite Arbeit mit dem deutschen Dichter und kommt am 3. September am Luzerner Theater zur Uraufführung. Am 6. September ist zudem sein «Zimt. Ein Diptychon für Bruno Schulz» im KKL zu erleben.

Erstellt: 29.08.2014, 08:22 Uhr

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