Phil Collins lebt

Erst humpelt der 68-jährige Popstar mit dem Stock auf die Bühne. Doch dann gibt er im Zürcher Letzigrund ein versöhnendes Konzert.

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Schaut ihn an. Wie er sich mit einer Gehhilfe auf die Bühne kämpft und sich dann auf den Drehstuhl hinsetzt, den Phil Collins während seines Konzerts im Zürcher Letzigrund kaum einmal verlässt. Weil er ihn wegen seiner überlangen Krankenakte nicht mehr verlassen kann. Und den Sitz im Zentrum der Stadionbühne schon gar nicht mehr mit dem Hocker des Schlagzeugs – dort, wo die Karriere des heute 68-Jährigen als Drummer begonnen hat – eintauschen kann.

«Schaut mich jetzt an», singt Phil Collins in «Against All Odds (Take a Look at Me Now)», dem ersten Stück am Dienstagabend. Bei allen Bedenken über seinen physischen Zustand, das macht er ja schon mit dem Titel seiner Tour «Still Not Dead Yet» ironisch klar: Er ist lebendig und ist immer noch da. Er versucht den körperlichen Widrigkeiten zu trotzen, die er bereits bei der herzlichen Begrüssung anspricht. Damit dieser so lange geschmähte Popstar seinen verdienten Ruhm im Alter noch einheimsen kann.

30'000 Zuschauer im Letzigrund

Warum der 68-Jährige nicht mehr der ultrauncoole Sänger der «Wetten, dass...?»-Generation ist, hängt ja auch damit zusammen, dass die Nachgeborenen nicht mehr wissen, wie allgegenwärtig seine Hits in den 80ern und den 90ern waren. Und so darf heute jede und jeder zugeben, dass Songs wie «Another Day in Paradise» den einen oder anderen im Alltag gut getarnten sentimentalen Nerv eben doch treffen. Das gilt vor allem am Dienstag im Letzigrund, auch wenn das Zürcher Stadion mit knapp 30'000 Besuchern – gut sichtbar dank der nicht abgedeckten und für die Zuschauer abgesperrten Rasenfläche – längst nicht ausverkauft ist.

Im zweistündigen Konzert bringt Collins fast alle seiner erfolgreichsten Songs unter – die Soft-Pop-Balladen wie die angerockten und aggressiv angefunkten Lieder. Es findet sich im Set natürlich auch die eine oder andere Genesis-Nummer, weil «a couple of hundred years ago» sei er mal Teil dieser Band gewesen, mit deren Mitgliedern er sich im Übrigen gut verstehe. Und da er nicht mehr selber hinter den Drums sitzen kann – den Job überlässt er seinem 18-jährigen Sohn Nicholas, der im Trikot der Schweizer Fussballnationalmannschaft den Takt der grossen Band angibt –, sehen wir auf den Videowänden Bilder aus der Genesis-Karriere.

Was man nicht sieht, aber selbst im Stadion hört, ist das Cleane der Keyboards und die weiten Hallräume des Schlagzeugs, die Phil Collins miterfunden hat, wie auch das Perfektionistische seiner Produktionen, denen er mit seiner nicht kaputt zu machenden Stimme den viel beschworenen «human touch» verleiht.

Selbst grosse Verächter müssen neidlos anerkennen, wie alterslos einige seiner besten Songs heute klingen.

So funktioniert der Abend bestens als nostalgische Zeitreise. Aber es ist, trotz den obligaten Saxofonsoli und einem Drum-Part, während dessen Phil Collins perkussiv ebenfalls aktiv wird, auch ein Abend der Versöhnung, an dem selbst grosse Verächter neidlos anerkennen müssen, wie alterslos einige seiner besten Songs heute klingen. Das gilt immer noch für das vielfach gesampelte «In the Air Tonight», das an diesem Abend monumental anschwillt, aber auch für spätere Partyknaller wie «Dance Into the Light», das auch daran erinnert, wie Phil Collins noch Mitte der 90er recht leichtfüssig über die Bühnen tanzen konnte.

Und dann schaut man ihn, ganz zum Schluss, nochmals genau an, dann, nachdem die Konfettikanonen bei «Sussudio» ausgeschossen wurden. Phil Collins singt «Take Me Home», er streckt den Arm in die Luft, bewegt seinen Oberkörper, als könne er ihn überwinden. Gegen alle Widrigkeiten.

Erstellt: 19.06.2019, 09:21 Uhr

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