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Pimp, Pimp, Hurra!

Acht Stücke, unbetitelt und unfertig: In der Nacht auf heute hat Rapstar Kendrick Lamar neue Musik veröffentlicht.

Der Niedergang der Musikindustrie lässt sich auch daran ablesen, wie sie von den Musikern behandelt wird. Noch gut erinnert man sich an die konfusen Volten, in denen Rihanna und Kanye West erst kürzlich ihre neuen Alben lanciert haben, ohne sich gross um die Marketingstrategien und Businesspläne ihrer nicht gerade unbedeutenden Plattenfirma zu kümmern.

Wie eine Quantité négligeable sieht der Weltkonzern Universal heute schon zum dritten Mal in diesem Jahr aus, nachdem auch Kendrick Lamar aus dem Nichts acht neue Songs veröffentlicht hat. «Pimp, Pimp, Hurra!», feiert er das Ereignis gleich mehrmals auf «Untitled Unmastered», wie das Album nicht unpassend heisst. Es stimmt schon, Popstars sind im 21. Jahrhundert nicht mehr auf eine Plattenfirma angewiesen, um ihre neue Musik bekannt zu machen und zu vermarkten. Die Sozialen Netzwerke und Internetblogs sind viel effizienter darin, um eine Handvoll neuer Songs ein Getöse anzuzetteln, das von den neuen in die alten Medien überschwappt und die Kundschaft zuverlässig in die Downloadshops und zu den Streamingdiensten führt.

Rap in der Toilette

Gerade bei afro-amerikanischen Künstlern kommt aber hinzu, dass sie die jahrzehntelange Tradition der Musikwirtschaft nicht vergessen haben, nicht nur, aber vor allem schwarze Musiker künstlerisch zu kompromittieren und finanziell zu hintertreiben. «What the white man say?», fragt Kendrick Lamar jetzt in einer satirischen Novelty über all die Angebote, die ihm gemacht wurden: Der «Asiate» wollte ihm den meditativen Seelenfrieden aufschwatzen, der «Indianer» ein Stück Land zum investieren, der «schwarze Mann» ein Leben im Dschungel.

Der «weisse Mann» aber, er wollte ihm wie in einem Teufelspakt den Erfolg verklickern: «Make a million or more / You living better than average / You losing your core following / Gaining it all.» Später im Song beklagt sich Lamar darüber, wieviele junge Rapper «ihr Demo in die Toilette» spülen und künstlerische Kompromisse machen, um am versprochenen Erfolg und Reichtum teilzuhaben. Dass das gar nicht sein muss, haben afro-amerikanische Künstler im letzten Jahr beeindruckend bewiesen.

Kendrick Lamars komplexes Meisterwerk «To Pimp A Butterfly», vor noch nicht einmal zwölf Monaten veröffentlicht, kam in den USA an die Spitze der Charts und bescherte ihm letzte Woche fünf Grammys; für viele Musikfans war es darüber hinaus die wichtigste Platte im 2015. Und auch Kamasi Washington erreichte mit seinem dreiteiligen, politisch aufgeladenen Jazzepos «The Epic» derart hohe Verkaufszahlen, wie sie im Jazz sonst allenfalls Leute wie Diana Krall vermelden können.

Professionelle Traumkiller

Seither bricht die popmusikalische Rede über den alten und neuen Rassismus in den USA nicht mehr ab. Beyoncé reihte sich im Videoclip zu ihrem neuesten Song «Formation» in eine tanzende Black-Power-Armada ein, und Kendrick Lamar erschien in den klirrenden Fussfesseln der Sklaven zur Grammy-Show und marschierte so in eines dieser privaten US-Gefängnisse, die ihre (vornehmlich schwarzen) Insassen für ein paar Cents die Stunde arbeiten lassen.

Das Thema erscheint auf «Untitled Unmastered» nun wieder, wenn Kendrick Lamar rappt: «Genocism and capitalism just made me hate / Corrections and these private prisons gave me a date / Professional dream killers reason why I'm awake.» Die Botschaft ist direkt und unmissverständlich: Die professionellen Traumkiller eines rassistisch-kapitalistischen Komplexes, so der Rapper, sollen sich nicht wundern, dass das schwarze Amerika politisch erwacht ist.

Doch schon in der nächsten Zeile verfällt Lamar dem Zweifeln und Zaudern, einem leidenschaftslosen Blick auf das schwarze Amerika und seine Kinder: «I'm street walkin' / Street stalkin' / I'm outta place.» Es herrscht in den neuen Songs also der gleiche toxische Gefühlsmix, der schon «To Pimp A Butterfly» prägte: Da die Wut auf die politischen Verhältnisse. Da der Ekel über die schwarzen Rich Kids, die ihr Glück im Bling-Bling finden und im immerwährenden Sex (oder wie es hier so schön heisst: «wanna Drake you down»). Da das rappende Individuum, das in den Widersprüchen zerrieben wird und depressiv und mit hängenden Lidern durch die Strassen schleicht.

Noch nicht ganz fertig

Dass die neuen Songs den psychotischen Rap von «To Pimp A Butterfly» nahtlos weiterführen, darf allerdings nicht erstaunen. Die Stücke stammen weitgehend aus den Sessions zum letztjährigen Album und damit aus dem Jahr 2014, und nur an einem einzigen Stück wurde bis zuletzt weitergearbeitet (falls die Angaben stimmen, die bei den Stücktiteln stehen). Mit anderen Worten, es handelt sich um Demos, die, eben, unbetitelt und unfertig sind. Da hört man dann Lamar und seine ziemlich verpeilte Jazzposse schon mal dabei, wie sie – im siebten Stück – den Refrain improvisieren, den man vom vierten Stück in einer einigermassen abstrakten Doowop-Version kennengelernt hat.

«Untitled Unmastered» ist nicht auf der Höhe von «To Pimp A Butterfly». Die Stücke kommen oft wie hingejammt daher, auch wenn die Texte bereits ausgefeilt und erprobt klingen. Der Souljazz mit tiefgelegten Bässen, den die Band irgendwo zwischem dem elektrischen Jazz von Weather Report und dem P-Funk von Funkadelic spielt, ist nicht ohne Reiz. Doch sind es meist nur zwei, drei Ideen und Motive, die ein Stück und die Texte tragen, und noch erinnert wenig an die scharf gekanteten, hyperdynamischen Brüche, die das letzte Album prägten.

Vision der Apokalypse

Es sind einzelne Stücke und Momente, auf denen Kendrick Lamar hier das Niveau hält. Im ersten Stück etwa leiten die fiebrigen Grooves eines Jazzorchesters perfekt zu den sirenenhaft an- und abschwellenden Synthesizern über, zu denen Lamar die Vision einer Apokalypse in den amerikanischen Städten entwirft. Sie endet erschütternd im Bild des rappenden Erzählers, wie er rennt, um die Kirche zu erreichen – und dabei keinen Fuss vor den anderen bekommt. Dieses Stück ist so gut wie alles auf «To Pimp A Butterfly». Daneben aber sind diese neuen Tracks meist nur nahe dran an wirklich grossartiger Rapmusik.

Wie wenig fehlt, zeigen die Fernsehauftritte, in denen Lamar in den letzten Monaten ein paar dieser Stücke schon vorgestellt hat. Auf der Bühne entwickeln die Band und die wuchtig gerappten Texte jenen aggressiven Punch, der ihnen in den hingejazzten Versionen dieses Albums noch fehlt.

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